Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Weniger als ursprünglich gedacht, mehr als nichts

Partikeltherapie Weniger als ursprünglich gedacht, mehr als nichts

Die Vorbereitungen für die Inbetriebnahme des Partikeltherapiezentrums auf den Lahnbergen treten in ihr entscheidendes Stadium.

Voriger Artikel
Einst „wilder Haufen“ besteht Prüfung
Nächster Artikel
Unternehmer sollen Lebenszeit planen

Das Partikeltherapiezentrum auf den Lahnbergen: Nach jahrelangem Hickhack gibt es nun grünes Licht für die Inbetriebnahme, die Vorbereitungen laufen an.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Noch vor Ende des Geschäftsjahres des bisherigen Eigentümers Siemens Ende September soll die „Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum Heidelberg GmbH“ (MIT) gegründet sein, die die finalen Verträge mit Siemens dann unterschreiben kann. Dies teilte Dr. Gunther K. Weiß, kaufmännischer Geschäftsführer des UKGM und verantwortlich für die Gespräche zum Partikeltherapiezentrum, in einem OP-Gespräch mit.

Angepeilt ist die Gründung der GmbH für diesen, spätestens nächsten Monat. Das UKGM wird an der künftigen Gesellschaft mit 24,9 Prozent beteiligt sein, 75,1 Prozent hat die Universität Heidelberg als Trägerin des Heidelberger Ionentherapiezentrums (HIT) inne. Die medizinische und technische Verantwortung für das Partikeltherapiezentrum liegt bei Heidelberg, sagte Weiß

Der Zeitplan

Die Inbetriebnahme ist für das vierte Quartal 2015 angepeilt. Derzeit wird noch an den Verträgen gearbeitet. Immerhin müssen insgesamt 18 Verträge abgeschlossen werden, ehe die Gesellschafter die Partikeltherapieanlage übernehmen können, sagte Dr. Weiß.

Vertragspartner sind zwischen Rhön AG und dem HIT unter anderem die Universitäten Marburg und Heidelberg sowie die Bundesländer Hessen und Baden-Württemberg. Warum zwischen dem Zeitpunkt der Vertragsabschlüsse und der Inbetriebnahme noch etwa ein Jahr vergehen soll, erklärt Dr. Weiß so: Neben einigen Bauarbeiten, die noch zu leisten sind, muss Personal eingestellt und auf die Anlage geschult werden; der Ionenstrahl muss eingerichtet, die EDV muss umgestellt werden.

Schließlich ist eine erneute Abnahme durch das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz notwendig. Die Anlage ist unterdessen als Medizinprodukt bereits zugelassen.

Die Vorgeschichte

Das Partikeltherapiezentrum auf den Lahnbergen war vor gut eineinhalb Jahren schon mausetot.

Nach dem Auflösungsvertrag zwischen Rhön und Siemens im Jahr 2011 war vereinbart worden, die Anlage bis 2013 als Forschungsanlage weiter zu betreiben. In dieser Zeit geisterten immer wieder Meldungen durch die Medien, nach denen die Anlage in Marburg als Testanlage für eine baugleiche Anlage in Schanghai diene und in Marburg ab- und in Fernost wieder aufgebaut werden sollte.

Falschmeldungen, wie wir heute wissen, denn die Anlage in Schanghai wurde vor wenigen Wochen in Betrieb genommen, ohne dass die Anlage in Marburg - etwa wie die in Kiel - abgebaut wurde.

Dabei gab es mehr als ernsthafte Überlegungen in dieser Richtung. Nach verlässlichen OP-Informationen, die keiner offiziell bestätigen möchte, waren Siemens-Techniker im Herbst schon in der Anlage, um ihren Abbau vorzubereiten.

Parallel zu diesen Entwicklungen gab es aber seit längerem Interesse des HIT an einer Zusammenarbeit mit dem PTZ. Beide Anlagen sind annähernd baugleich, die Heidelberger Anlage läuft wirtschaftlich erfolgreich, und die Wissenschaftler in Heidelberg äußerten schon im März 2013 bei einem Besuch der Grünen-Landtagsfraktion ihr Interesse, die Marburger Anlage zu nutzen, um weitere medizinische Studien möglich zu machen. Hintergrund: Die Krankenkassen sehen die Anwendung der Partikeltherapie zum Großteil als medizinische Forschung an und vergüten entsprechend für Patienten, die an Studien teilnehmen.

Rhön-AG und Land Hessen

In dieser Gemengelage eröffnete sich im Herbst 2013 die Möglichkeit, in Marburg doch noch die Partikeltherapie zu etablieren.

Die Landesregierung, die in der Frage der Partikeltherapie - einer der vertraglichen Verpflichtungen der Rhön AG bei der Privatisierung - über Jahre hilflos zusehen musste, wie Rhön und Siemens über die Zukunft der Anlage pokerten, hatte ein wesentliches Faustpfand in der Hand: Im „letter of intent“, einer gemeinsamen Absichtserklärung des Landes und der Rhön-AG aus dem Januar 2013, waren, vereinfacht gesprochen, millionenschwere Investitionszuschüsse des Landes im Falle der Inbetriebnahme der Partikeltherapie in Marburg in Aussicht gestellt worden; von drohenden Strafzahlungen bei der Nicht-Inbetriebnahme des PTZ einmal ganz abgesehen.

„Die Partikeltherapie war der Schlüssel, um weitere Fragen mit dem Land zu klären“, bilanziert Dr. Weiß heute und denkt dabei unter anderem an die erwähnten Investitionszuschüsse oder den Neubau der Psychiatrie.

Einer der Treiber sei immer Rhön-Patriarch Eugen Münch gewesen. Das finanzielle Engagement des Mutterkonzerns für die Wiederaufnahme der Bemühungen um die Etablierung der Ionentechik in Marburg sei vor allem auf den heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden zurückzuführen, dessen Vision von Spitzenmedizin in der Rhön-AG durch das UKGM im Allgemeinen und das PTZ im Allgemeinen genährt wird.

Die Universität

Mit entscheidend für den weiteren Fortgang der Verhandlungen war die Philipps-Universität. Dr. Weiß würdigt ausdrücklich die Rolle von Uni-Präsidentin Professorin Dr. Katharina Krause, die erkannte, dass sich die Interessen der Marburger Uni und des Heidelberger HIT zum Teil decken: Die Anlage zu umfangreicheren Studien zu nutzen als bisher möglich. Eine umfangreiche Forschungs-Kooperation zwischen Marburg und Heidelberg ist nun vereinbart; der Fachbereich Medizin hat das Recht auf eigene Studien und erhält eigene Strahlzeiten. Immerhin.

„Weniger als ursprünglich gedacht, aber viel mehr als nichts“, charakterisiert einer der führenden Wissenschaftler am Fachbereich Medizin die Vereinbarung. Zu dem „viel mehr als nichts“ gehört auch, dass die Nachfolge des Strahlenbiologen Jochen Dahm-Daphi (er ging aus Frust Anfang des Jahres 2013) als Forschungsprofessur im Institut für Strahlentherapie unter der Leiter von Professorin Rita Engenhart-Cabillic eingerichtet werden soll, wie Dr. Weiß mitteilte.

Die Behandlung in Marburg

Die medizinische Sinnhaftigkeit der Anlage sei an der Marburger Universität unumstritten, glaubt Dr. Weiß. Wissenschaftlich anerkannt ist, dass Ionenstrahlen präziser eingesetzt werden können als herkömmliche Photonenstrahlen. Sie entfalten zudem im bestrahlten Tumor selbst eine höhere Wirkung und schädigen zudem weniger das umliegende Gewebe.

Indikationen in Heidelberg sind Hirntumore, Schädelbasis- und Kopf-Halstumore, Lebertumore, Knochentumore bei Kindern und Beckentumore. Zu den Behandlungserfolgen bei diesen Tumoren laufen in Heidelberg Studien oder sind abgeschlossen.

Im PTZ Marburg können zudem maligne Melanome, Weichteilkrebs und Lungenkarzinome behandelt werden. Bis zu 1.000 Patienten sollen in Marburg mit der Partikeltherapie behandelt werden können. Dr. Weiß schätzt den Anteil der Privatpatienten auf künftig 8 bis 10 Prozent - das entspricht in etwa dem Anteil der Privatpatienten am gesamten Klinikum.

Dr. Weiß hofft auch auf einen positiven Effekt für Krebspatienten, auch für diejenigen, die nicht im PTZ bestrahlt werden. Alle Patienten, auch die Patienten, welche am PTZ bestrahlt werden, werden im CCC (Comprehensive Cancer Center), dem Anneliese-Pohl Krebszentrum Marburg, mit allen Fachkollegen besprochen. Künftig werden Patienten aufgenommen und dann in einem Tumorboard beurteilt, ob eine Bestrahlung sinnvoll ist. Das Tumorboard ist noch aufzubauen, es wird, so Dr. Weiß, mit hochqualifizierten Ärzten und Technikern besetzt sein.

Da immer auch Alternativen diskutiert werden, ist Dr. Weiß sicher, dass für jeden Patienten eine passgenaue Behandlungsmethode gefunden wird - ob per Ionent herapie oder konventionelle Bestrahlung bzw. Operation und medikamentöser Therapie. „Die Partikeltherapie wird für die Onkologie in Marburg ein wichtiges Ausrufezeichen werden“, ist er sich sicher.

4 Fragen, 4 Antworten:

OP: Welche Tumorpatienten können sich am meisten Hoffnung machen, von der neuen Bestrahlungsform zu profitieren?

Prof. Dr. Rita Engenhard-Cabillic , Leiterin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie (Archivfoto): Kohlenstoffionen haben eine stärkere zellabtötende Wirkung, als Protonen und Röntgenstrahlen. Daher werden insbesondere Patienten mit „strahlenresistenten“ Tumoren, also Tumoren, die am Ort der Primärentstehung häufig wiederkehren, von der Behandlungsmethode profitieren.

In der Vergangenheit konnten klare Vorteile der Ionen-Therapie bereits bei speziellen Tumoren der Schädelbasis, wie Chordomen und Chondrosarkomen, wie auch bei Augenmelanomen und seltenen Speicheldrüsenkarzinomen belegt werden. Bei den meisten Tumorarten muss jedoch ein eindeutiger, evidenzbasierter Vorteil erst nachgewiesen werden. Daher werden die Patienten am PTZ im Rahmen klinischer Studien behandelt.

OP: Wer entscheidet über die Form der Behandlung und nach welchen Kriterien?

Engenhart-Cabillic : Die Komplexität der Tumorerkrankungen und die in den letzten Jahren deutlich verbesserten oder diversifizierten Behandlungsoptionen machen es notwendig, dass die Therapieentscheidung für jeden Patienten durch Einbindung vieler Fachkollegen erfolgen muss. Dies erfolgt in interdisziplinären Tumor-Boards, welche es am UKGM seit Jahrzehnten gibt. Entsprechend der Tumorbiologie wird dort festgelegt, ob eine Strahlentherapie zielführend ist. Im weiteren Schritt wird dann festgelegt, welche strahlentherapeutischen Präzisionsverfahren die besten Chancen bieten. Sollte das Expertenteam einen Vorteil für die Ionentherapie allein oder eine Ionentherapie mit weiteren Behandlungsschritten sehen, so wird dort die Empfehlung zur Ionentherapie gegeben.

OP: Wie sind die Nebenwirkungen der Bestrahlung mit Ionen im Vergleich zur herkömmlichen Bestrahlung?

Engenhart-Cabillic : Aufgrund der physikalischen Eigenschaften kann die Bestrahlungsdosis in dem zu behandelnden Zielvolumen noch präziser appliziert werden, als dies heute bereits bei der Photonentherapie möglich ist. Das Gewebe vor und hinter dem Zielgewebe wird weniger oder gar nicht belastet. Dies hat zweifelsohne einen positiven Einfluss auf das Nebenwirkungsrisiko, was insbesondere bei Kindern und jungen Erwachsenen von Vorteil sein wird.

OP: Was sagen Sie den Tumorpatienten, die nicht am PTZ behandelt werden können?

Engenhart-Cabillic: Durch die rasanten technischen Entwicklungen in den Bereichen Bildgebung, Informatik und Robotik wurden in den letzten Jahrzehnten verschiedene Hochpräzisionsbestrahlungsverfahren, wie die stereotaktische Bestrahlung, die Strahlenchirurgie, die bildgeführte Bestrahlung und die Brachytherapie, entwickelt. All diese Verfahren werden am UKGM seit Jahren angewandt. Da am UKGM alle radioonkologischen Präzisionsverfahren zur Verfügung stehen, kann der Patient sicher sein, dass er die für seinen speziellen Fall geeignetste strahlentherapeutische Behandlung erfährt.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr