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Weder Leuchtturm noch Untergang

Zehn Jahre privatisiertes Klinikum Weder Leuchtturm noch Untergang

Krankenversorgung und Forschung haben in Marburg in den vergangenen zehn Jahren eine gute Entwicklung genommen. Zu diesem Fazit kommt UKGM-Geschäftsführer Dr. Gunther K. Weiß.

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Staatssekretär Ingmar Jung (Zweiter von links vorne), Uni-Präsidentin Katharina Krause, Rhön-Chef Martin Siebert, OB Thomas Spies und Landrätin Kirsten Fründt waren Ehrengäste.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Zehn Jahre 
nach der Privatisierung und 
Fusion der Uni-Kliniken in Gießen und Marburg zur UKGM GmbH zeichne sich ab, dass der geplante Gesundheitscampus auf den Lahnbergen eine Möglichkeit sei, um schwierige 
Herausforderungen zu meistern, sagte Dr. Gunther K. Weiß. Denn die steigende Zahl von Patienten in der Notfallambulanz sei finanziell und personell ein Problem.

Ebenfalls als Herausforderung, die die Mediziner im vergangenen Jahr „mit Herz und Verstand“ gemeistert hätten, bezeichnete Weiß beim Neujahrsempfang am UKGM die Versorgung der Flüchtlinge. 
Uni-Präsidentin Katharina Krause blickte in ihrer Neujahrsrede bewusst aus der wissenschaftlichen Perspektive auf 
die Privatisierung. Sie sehe 
weder ein Leuchtturm-Projekt noch den Untergang, sagte sie in Richtung Politik.

Beim Neujahrsempfang am UKGM blickten Vertreter der Klinik, der Politik und der Universität auf die vergangenen zehn Jahre zurück. Anlass: Am 31. Januar 2006 verkaufte das Land die Uni-Klinik an die Rhön AG.

Bekannte Gesichter in neuer Funktion

Ein Neujahrsempfang, bei dem viele altbekannte Personen in neuer Funktion auftraten: Zum einen Dr. Gunther K. Weiß ( Foto: Weigel), der erstmals als Vorsitzender der Geschäftsführung der Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH (UKGM) die Festrede hielt. Bisher führte Weiß „nur“ die Geschäfte des Standorts Marburg.

Sein Vorgänger Martin Menger, der das UKGM verlässt, um sich wieder ganz der Arbeit im Vorstand der Rhön Klinikum AG zu widmen, sprach daher ein Abschieds-Grußwort. Erstmals begrüßte Professor Harald Renz als neuer Ärztlicher Geschäftsführer die Gäste. Ebenfalls in neuer Funktion erlebte Dr. Thomas Spies den Neujahrsempfang: Der neue Marburger SPD-Oberbürgermeister war als Landtagsabgeordneter einer der schärfsten Kritiker der Privatisierung.

Da sei Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause die Konstante in der Reihe, bemerkte Ingmar Jung, Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium. Rhön-Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Siebert war diesmal nur einer der Zuhörer und kein Festredner. Die Rhön AG betreibt mit einem Gesellschaftsanteil von 95 Prozent seit zehn Jahren das UKGM.

 

Rückblick: Weiß stellte am Dienstagsabend daher das Thema zehn Jahre nach der Privatisierung in den Mittelpunkt seiner Rede. Er machte deutlich, dass die Kliniken in Marburg und Gießen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Strukturen fusionierten. Für die Vertreter des Uni-Klinikums Gießen war die Privatisierung „der einzige Ausweg, den bis dahin erdrückend gewordenen Investitionsstau abzubauen, sich zukunftssichernde Investitionen zu sichern und moderne Strukturen für die Forschung, Lehre und Krankenversorgung zu schaffen.

Konfrontiert mit dieser neuen Entwicklung fürchteten die Verantwortlichen der Universitätsmedizin in Marburg, dass ein erstarktes, finanziell gut ausgestattetes Universitätsklinikum Gießen zu einer dauerhaften Bedrohung für das Universitätsklinikum in Marburg werden könnte und forderten in letzter Minute von der Landesregierung die Bildung eines universitätsmedizinischen Verbundes aus den beiden sehr unterschiedlichen Universitätsklinika“, sagte Weiß. „Und die Politik nahm den Ball gern auf.“

In Marburg reagierten große Teile der Bevölkerung mit Gefühlen wie „Zorn, Schock, Unverständnis und vehementer Ablehnung, sah man sich doch um schon sicher geglaubten Sieg im mittelhessischen Uniklinikwettstreit betrogen“, so Weiß. Vor diesem Hintergrund sei es umso beeindruckender, dass das Marburger Klinikum mit Engagement die Unimedizin weiter ausbaute. Weiß listetet einige „Meilensteine“ auf – das Mutter-Kind-Zentrum, die Krebsforschung, das Partikeltherapiezentrum oder die Palliativstation zum Beispiel.

 

Zahlen: Die Zahl der stationär behandelten Patienten in Gießen stieg in zehn Jahren von rund 40.000 auf fast 46.500 im Jahr. Auch andere für die Erlöse wichtige Kennzahlen sowie Forschungsfördermittel stiegen. In Marburg stiegen die stationären Patientenzahlen von 38.600 im Jahr 2006 auf 43.800.

Angesichts der vielen positiven Entwicklungen stelle sich die Frage auf, warum die Bilanz nicht von allen als positiv bewertet wird. Dies liege an den Ereignissen des Jahres 2012, schob Weiß als Antwort hinterher. Steigende Personalkosten und Baukosten führten zu „Gegenmaßnahmen“, die auf Protest stießen, so Weiß. Über die heiße Phase der Auseinandersetzungen berichtete Weiß, um am Ende deutlich zu machen:

Es gab eine Einigung mit dem Land – die beispielsweise Fragen der Liegenschaften, eine Zielvereinbarung oder die Partikeltherapie sowie weitere Investitionen am Standort Marburg betrafen. Insgesamt hat die Rhön AG in den vergangenen zehn Jahren in Gießen und Marburg mehr als 588 Millionen Euro investiert und damit die 2005 vertraglich zugesicherten 367 Millionen Euro deutlich überschritten, betonte Weiß.

 

Herausforderungen: Als Herausforderung der Zukunft nannte Weiß die Versorgung der Flüchtlinge, die in den Erstaufnahmeeinrichtungen in der Region untergebracht sind. „Unsere Ärzte und Pflegekräfte waren mit Verletzungen und Krankheiten konfrontiert, die sie noch nie, jedenfalls selten oder schon lange nicht mehr zu Gesicht bekamen. Wir haben diese Aufgabe mit Herz und Verstand gemeistert“, sagte Weiß.

Eine weitere Herausforderung sei die ambulante Notfallversorgung: Mehr als 70 Prozent der „Selbsteinweiser“ benötigten keine dringende medizinische Versorgung. Der Geschäftsführer wies auch vor diesem Hintergrund auf das Konzept des Gesundheitscampus hin, bei der die Klinik auf den Lahnbergen mit dort niedergelassenen Ärzten stärker zusammenarbeiten möchte (die OP berichtete).

 

Ein inhaltliches Gegengewicht zu den Berichten und Einschätzungen der UKGM-Vertreter und Politiker setzte Uni-Präsidentin Krause. Als Wissenschaftlerin könne und sollte sie eine analysierende Haltung einnehmen und die Thematik differenziert betrachten. Die Neigung zur Kommunikation von „Extrempositionen“ habe sie nicht. Zwischen den „Leuchttürmen“ – eine beliebte Metapher der Politik – und dem Meeresschlund“ gibt es laut Krause „etwas dazwischen, mit dem die mittelhessische Medizin vorankommt“.

Die Uni-Medizin benötige keine Diktion der Politik und auch keine Untergangsszenarien. Als Historikerin stelle sie fest, vor zehn Jahren schien die Universitätsmedizin in Gießen existenziell gefährdet „und damit auch die Daseinsversorgung in Mittelhessen“. Ein Retter nahte. Der Retter pumpte sich verbal auf, so Krause. Zehn Jahre später stelle man fest, dass beide Universitäten jeden Tag aufs Neue zusammenarbeiten.

In der fast 500-jährigen Geschichte der Marburger Uni-Medizin sei die Privatisierung letztendlich eine Fußnote, so Krause. Auf das 500-jährige Bestehen in 2027 machte zuvor Medizin-Dekan Professor Helmut Schäfer ( Foto: Weigel) aufmerksam. In elf Jahren werde Marburg Vorreiter in der Präzisionsmedizin sein, kündigte er an. Als Stärkung der Marburger Uni-Medizin bezeichnet er zwei neue Professoren, die in dieser Woche dem Fachbereich zugesagt hätten: Stefanie Weber wird als Kinder-Nierenspezialistin und Guido Seitz als Kinderchirurg am UKGM arbeiten.

  • Beim Neujahrsempfang des UKGM-Standorts Gießen am Freitag wird Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sprechen.

von Anna Ntemiris

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