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„Warnstreik ist nur die erste Stufe“

UKGM „Warnstreik ist nur die erste Stufe“

Um den Druck in den laufenden Tarifverhandlungen zu erhöhen, traten nicht-ärztliche Mitarbeiter am privatisierten Uniklinikum Gießen-Marburg am Dienstag in den Warnstreik.

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In Gießen fand die gemeinsame Demonstration aller Streikenden aus Gießen und Marburg statt.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. HipHop-Musik dröhnt morgens um 8 Uhr aus den Lautsprechern vor dem Haupteingang des Uni-Klinikums. Die Jüngeren unter den Teilnehmern der Streik-Kundgebung tragen bunte T-Shirts über ihren Jacken. Frauen und Männer, die aus den Taxis steigen, um als Patient oder Angehöriger das Klinikum zu besuchen, blicken kurz auf die bunte, laute Menschenmenge und gehen schnurstracks weiter. „Gekommen, um zu streiken“ steht auf den Shirts der Auszubildenden. Sie sind gekommen, um mehr Geld zu fordern. „Am Anfang haben wir noch überlegt, ob wir mitmachen. Dann haben wir aber beschlossen, dass die ganze Klasse mitstreikt“, erzählt eine Gesundheits- und Krankenpflegeschülerin aus dem ersten Lehrjahr.

 

Zur Kundgebung am frühen Morgen vor dem Haupteingang kommen zirka 200 Streikende, darunter besonders viele junge Leute. „Ein Großteil der Teilnehmer hier sind Auszubildende“, sagt Björn Borgmann, Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung am UKGM und Mitglied des Marburger Betriebsrats.

150 Euro mehr pro Monat

„Wer den Auszubildenden gar nichts anbietet, braucht sich sich nicht darüber wundern, dass sie hier sind. Der Warnstreik ist nur die erste Stufe“, sagt er in seiner Rede. Was die zweite Stufe sein könnte, sagt er nicht. Nächste Woche jedenfalls, so viel steht fest, gehen die Verhandlungen zwischen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der UKGM-Spitze weiter. Die Arbeitnehmer-Seite fordert für die Beschäftigten in der Pflege und in den Dienstleistungsbereichen unter anderem eine Lohn-Erhöhung von 150 Euro im Monat sowie eine zusätzliche lineare Erhöhung von vier Prozent.

Foto: Nadine Weigel

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Der Streikleiter und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Dr. Dirk Gehrke ist mit der Streik-Beteiligung zufrieden. „Wir haben keine großen Streikbrüche“, so Gehrke. Am Abend meldet die Streikleitung tausend Teilnehmer. Die Patienten seien informiert und zeigten Verständnis. „Wir haben die Notdienstversorgung sichergestellt. Vier OP-Teams halten wir in Bereitschaft“, erklärt Gehrke im OP-Gespräch. Eine Marburgerin, die am Morgen ihren Vater zu einer Operation ins Klinikum bringt, ist erleichtert: Der Eingriff wird nicht verschoben, viele andere längst geplante Operationen finden aber wegen des Streiks nicht statt.

„Der Notbetrieb läuft“, sagt Dr. Holger Thiemann, kaufmännischer Geschäftsführer am UKGM. Er schaut sich den Eingang an: „Rhön tritt unsere Bedürfnisse mit Füßen“, steht auf Plakaten, die auf dem Fußboden liegen. „Hier darf keiner ausrutschen. Ein Patient hat mich darauf hingewiesen“, sagt er zu den Streikführern und geht dann wieder in sein Büro. Die Stimmung ist friedlich. Viele Besucher, Patienten, Taxifahrer und Ärzte, die an diesem Morgen die Kundgebung verfolgen, zeigen Verständnis für die Protestaktion.

„Hintern hochbewegen und in Gewerkschaft eintreten“

Dr. Ulf Immelt vom DGB in Marburg sagt: Wer die Menschen auf der Straße befrage, ob man auf die Manager oder die Pfleger, Hausmeister oder Menschen, die für die Hygiene verantwortlich sind, verzichten könne, bekomme eine eindeutige Antwort. „Ihr seid es, die den Gewinn erwirtschaften“, sagt er. Der Marburger Bundestagsabgeordnete Sören Bartol (SPD) erinnert in seiner Rede an den Protest gegen die Privatisierung des Uni-Klinikums. „55000 Unterschriften zeigen, keiner wollte dieses Modell“. Die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter am Klinikum sei hoch. „Diejenigen, die noch nicht Mitglied in einer Gewerkschaft sind, sollten endlich ihren Hintern hochbewegen und in eine Gewerkschaft eintreten. Nur gemeinsam ist man stark“, so Bartol. Gemeinsam, so betonen mehrere Redner, kämpfe man mit allen Berufsgruppen an den beiden Standorten Marburg und Gießen gegen Arbeitsverdichtung und Stellenabbau.

„Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren“

So lautet ein Satz, der an diesem Streiktag mehrmals zu hören ist. Und so war es eine bewusste Entscheidung der Streikspitze, dass sich die Marburger und Gießener eine gemeinsame Demonstration veranstalten.

Dass diese in Gießen und nicht in Marburg stattfinden sollte, habe organisatorische Gründe, so Gehrke. „Der Aufwand wäre in Marburg höher. Wir müssten erst von den Lahnbergen mit dem Bus in die Stadt fahren, und die Gießener müssten hierher fahren“. Jetzt fahre nur eine Gruppe mit dem Bus: Die Marburger nahmen an der Demo in Gießen teil, anschließend fand eine Protestveranstaltung in der Hessenhalle statt. Prominenter Redner war Verdi-Chef Frank Bsirske. „Vielleicht können wir ja die nächste Demonstration in Marburg machen“, so Gehrke.

von Anna Ntemiris

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