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Vorwurf: Schichtführer will Sex im Dienst

Arbeitsgericht Vorwurf: Schichtführer will Sex im Dienst

Ein Schichtführer soll Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und Vorgesetzte belogen haben. Er klagt gegen seine Kündigung. Sollte ein Kammertermin stattfinden, kommt möglicherweise viel schmutzige Wäsche ans Tageslicht.

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Ein Schichtführer forderte von seinen Mitarbeiterinnen während der Arbeitszeit „geile Bilder“, die er auf dem Firmenhandy und -computer speicherte. Ob er noch mehr forderte, blieb während der Güteverhandlung offen. Per Textnachricht kündigte er mehrmals Mitarbeiterinnen an, dass er mit ihnen allein spätabends Dienst haben werde. Foto: Julian Stratenschulte

Quelle: Julian Stratenschulte

Gießen. Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle warnte die Streitparteien während der Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht Gießen: Sollte ein Kammertermin stattfinden, könnten Bildbeweise und öffentliche Zeugenaussagen das Image des Klägers, aber auch der Firma beschädigen. Rühle sprach von „Sodom und Gomorrha“.

Zunächst die unstrittigen Fakten: Ein 44-jähriger Schichtführer einer Firma mit 900 Beschäftigten wurde Ende März zunächst ordentlich, dann kurze Zeit später fristlos entlassen. Dagegen klagt er vor dem Arbeitsgericht. Der Grund für die erste Kündigung: Nachdem der Schichtführer aufgrund von Alkoholproblemen seinen Führerschein verloren hatte, fuhr er eines Tages dennoch mit seinem Auto zum Firmengelände. Daraufhin erhielt er die Kündigung. Nach seinem Rauswurf fand der Arbeitgeber private Bilddateien auf dem Firmenhandy und dem Firmencomputer - der Inhalt der Dateien ist aus Sicht des Arbeitgebers so schlimm, dass er weder eine Abfindung zahlen noch ein gutes Arbeitszeugnis für den 44-Jährigen erstellen will. Es geht um Nacktfotos, „geile Bilder“ und anzügliche Bemerkungen.

Frauen sollten abends nur mit ihm arbeiten

Der Mann soll zehn Frauen, die ihm unterstellt waren, regelmäßig aufgefordert haben, ihm „sexuelle Dienstleistungen“ zu erbringen, wie Richter Rühle erklärte. Die Aufforderung geschah über das Diensthandy. Ein Teil der Frauen habe den Dialog über Smartphone mit dem Mann offenbar freiwillig geführt und soll Bilder verschickt haben, ein anderer Teil soll per Sprachnachricht deutlich gemacht haben, dass er keine Bilder versenden möchte.

Der Kläger soll zirka zehn Frauen aufgefordert haben, mit ihm allein in der Spätschicht oder am Wochenende zu arbeiten. Dafür schickte er andere Kollegen sogar früher nach Hause, führte der Arbeitgeber vor dem Arbeitsgericht aus. Dies belegen einige der Dialoge, die auf dem Diensthandy gespeichert waren und die Rühle auszugsweise vorlas.

Der Anwalt des Klägers erklärte: Es sei dem Mann erlaubt gewesen, private Dateien auf seinem Diensthandy zu speichern. „Die Bilder habe ich mir nicht angeschaut. Aber der Dialog ist nicht als sexuelle Belästigung zu sehen“. Der Arbeitgeber habe kein Recht, einen privaten Dialog zu lesen. „Und es waren Dialoge ohne Zwang“, so der Anwalt. Der Arbeitgeber zeigte auf einen Aktenordner und erklärte, dass er eine Menge an Belegen dafür vorbringen könne, dass es sich um weit mehr als um harmlose Flirtdialoge gehandelt habe. Man habe Schriftverkehr gefunden, der belege, dass Mitarbeiterinnen keinen Kontakt mit dem Teamleiter wollten, und dieser die Schichtzeiten vieler Frauen so eingeteilt habe, dass er mit ihnen allein sein konnte. „Das sind Behauptungen“, entgegnete der Anwalt.

Anwalt: Unerlaubte Datenschnüffelei des Chefs

Der Arbeitgeber erklärte indirekt, dass er weit pikantere Bildaufnahmen besitzt. Ob es sich dabei um Sex im Büro handelte, blieb ungeklärt. Zum Schutz der im Unternehmen beschäftigten Mitarbeiterinnen blieben einige Fragen während der Güteverhandlung ungeklärt.

Der Anwalt des Klägers sprach von „unzulässiger Datenschnüffelei“, die der Firmenchef bei dem entlassenen Mitarbeiter betrieben habe. Rühle bestätigte, dass private Kommunikation auf dem Diensthandy erlaubt war. Doch darum gehe es in diesem Fall nur am Rande. „Die Frage ist, wo die Grenze ist. Sexuelle Dienstleistungen während der Arbeitszeit zu verlangen, ist immer pikant“, so Rühle. Der Kläger habe mit seinem Diensthandy Grenzen überschritten. Der Anwalt sprach von einer „technischen Grenze, wenn Kosten verursacht worden wären“. Dass es um ethische Grenzen, um den Vorwurf der sexuellen Belästigung geht - dazu schwieg der Kläger, ein geschiedener Familienvater.

Der Arbeitgeber erklärte, dass es bereits 2011 ein Personalgespräch mit dem Mann gegeben habe, weil eine Mitarbeiterin sich sexuell belästigt gefühlt habe. Damals habe man den Vorfall nicht klären können. Auch sei der Mann mehrmals wegen Alkoholproblemen ermahnt worden, letztendlich sei man ihm aber entgegengekommen. Rühle wies den Chef daraufhin, dass er den Mann hätte kündigen können, als dieser einmal unter Alkoholeinfluss den Firmenwagen gefahren sei. Nun sei es zu spät, solche Vorfälle für eine Kündigung zu benennen, so Rühle. Schwerere Geschütze könnte der Geschäftsführer des Unternehmens zum Kammertermin am 12. Dezember hervorholen. Er könne belegen, wie der Kläger während der Arbeitszeit Frauen in sein Büro zitiert habe - weiter sprach der Firmenchef nicht. Eine Einigung sei nicht möglich, der Kläger müsse die Kündigung so akzeptieren. „Es ist zu viel passiert“, sagte der Unternehmer.

von Anna Ntemiris

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