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Vorwurf: Mandant verteidigt ohne Zulassung

Aus dem Amtsgericht Vorwurf: Mandant verteidigt ohne Zulassung

Gegen einen Rechtsanwalt wurde vor dem Marburger Amtsgericht wegen des Vorwurfs des Missbrauchs von Berufsbezeichnungen verhandelt.

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Ein Anwalt soll vor Gericht aufgetreten sein, obwohl die Anwaltskammer ihm die Zulassung ent­zogen hat – nun muss er sich selbst vor Gericht verantworten.

Quelle: Andreas Gebert

Marburg. Dem Angeklagten, der als Rechtsanwalt in seiner eigenen Kanzlei tätig war, war im Januar 2016 durch die Anwaltskammer Kassel seine Zulassung entzogen worden, womit ihm die Tätigkeit als Rechtsanwalt ebenso wie das Tragen der Anwaltsrobe nicht mehr gestattet war.

Mitte Februar jedoch nahm der Angeklagte während einer Hauptverhandlung am Amtsgericht Marburg als Pflichtverteidiger die Verteidigung eines Mandanten wahr, zu der er zuvor auch berufen worden war. Er bestreitet, von dem Verlust seiner Zulassung gewusst zu haben, sonst wäre er dort auch „nicht aufgetreten“. Er hätte dann seinen Partner aus der gemeinsamen Kanzlei geschickt.

Es gab keine Korrespondenz mit der Kammer, gab der Angeklagte an, er habe „nichts bekommen und nichts zugestellt“. Sein Verteidiger wies darauf hin, dass selbst in der der Verhandlung zugrunde liegenden Akte kein Nachweis einer etwaigen Kenntnisnahme enthalten ist. Sein Mandant konnte also nicht gewusst haben, dass er nicht mehr als Anwalt tätig sein durfte. Er habe von dem Beschluss der Anwaltskammer Kassel erst im März vergangenen Jahres erfahren, als ihn ein befreundeter Anwalt darauf ansprach.

Mit Situation völlig überfordert

Er habe in der Zeit in einer schweren persönlichen, familiären und gesundheitlichen Krise gesteckt und „gar nicht oder nur eingeschränkt Post geöffnet“, wie sein Verteidiger sagte. Ein Verfahren wegen Untreue in Biedenkopf, in dem dem Angeklagten die Veruntreuung von Mandantengeldern vorgeworfen wurde, war eine Episode im Leidensweg des Angeklagten.

Eine Bauchspeicheldrüsen­entzündung brachte ihn ins Krankenhaus. Die nötige Operation verlief zunächst gut, doch während des Heilungsprozesses bildete sich ein Abszess, von dem aus Flüssigkeit bis in den Kopf gelangte und dort zu einer Entzündung führte. Der Angeklagte lag lange Zeit im Krankenhaus und wurde erst im November 2015 entlassen.

Zwischenzeitlich hatte seine Frau sich von ihm getrennt und ihn mit seinen beiden neun und elf Jahre alten Kindern allein gelassen. Die Post, die an seine Kanzlei ging, habe ihn nicht erreicht, da er nicht arbeitsfähig war. Sein Kollege war auf sich allein gestellt, „abgesoffen“, wie es der Verteidiger formulierte. Pfändungen und Vollstreckungen gegen den Angeklagten folgten. Er sei mit der Situation völlig überfordert gewesen.

Das Gericht einigte sich auf eine Vertagung der Verhandlung, bis die Verteidigung ihr Gutachten zum „Burn-Out“ des Angeklagten erhalten habe, sowie die Anwaltskammer der Aufforderung von Gericht und Staatsanwaltschaft nachgekommen ist, einen Nachweis der Kenntnisnahme der Zulassungsentziehung durch den Angeklagten zu erbringen.

von Michael Noll

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