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Vorwurf: Geld zählt mehr als der Mensch

DRK-Kleiderladen Vorwurf: Geld zählt mehr als der Mensch

Kritik am DRK-Kreisverband Marburg: Im Kleiderladen habe er eine Mitarbeiterin entlassen und eine neue Kraft eingestellt, um Förderungen zu erhalten. Das weist der Verband deutlich zurück.

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Im DRK-Kleiderladen in der Marburger Oberstadt gibt es Ärger um eine ehemalige Verkäuferin, deren Vertrag nicht verlängert wurde.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Wer arbeitslos und älter als 50 Jahre ist hat es in der Regel schwer, einen Job zu finden. Aus diesem Grund berichtete die OP am 27. November unter dem Titel „Mit 56 Jahren im Traumjob gelandet“ über Janina Uhlig. Denn sie wurde vom DRK-Kreisverband Marburg als neue Verkäuferin im Kleiderladen des DRK im Steinweg angestellt. Der Artikel sollte auch ein Stück weit Mut machen – nämlich all denjenigen, die sich in diesem Alter vielleicht auf dem „Abstellgleis“ fühlen, weil sie keine neue Stelle finden.

Doch bei einigen Lesern hat der Artikel genau das Gegenteil bewirkt – allen voran Michaela Schmidtsdorff. Sie war zuvor Verkäuferin im Kleiderladen, jedoch wurde ihr Zeitvertrag nicht verlängert. „Meine Überschrift für den Artikel würde lauten: ,56-Jährige verliert ihren Traumjob‘“, sagt Schmidtsdorff. Sie habe den Laden zum Schluss „mit acht, neun Ehrenamtlichen gemacht, die mich supertoll unterstützt haben, weil ich nur einen 30-Stunden-Vertrag hatte“, sagt sie im Gespräch mit der OP. Von 2007 an hatte sie zwei Jahre lang ehrenamtlich im Laden gearbeitet, danach sei sie eingestellt worden.

Vertrag scheiterte an der Berufsbezeichnung

Mitte des Jahres habe eigentlich die Vertragsverlängerung angestanden. Der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Marburg, Christian Betz, habe ihr jedoch zunächst nur eine Verlängerung bis Jahresende angeboten.
Michaela Schmidtsdorff sei dazu bereit gewesen – wollte jedoch den Zusatz „Verkaufsleiterin“ in ihrem Vertrag haben. „Und das war wohl der größte Fehler aller Zeiten“, sagt sie. Denn nachdem sie längere Zeit nichts mehr gehört habe, sei ihr auf Nachfrage sechs Wochen vor Auslaufen ihres Vertrags mitgeteilt worden, dass der Vertrag nicht verlängert werde. Ihrer Meinung nach sei die Verlängerung abgelehnt worden, „weil ich eine Meinung habe“ und sie zu unbequem sei.

Auch mehrere Ehrenamtliche, die bisher im DRK-Kleiderladen engagiert waren, haben ihre Arbeit mittlerweile aufgekündigt, weil sie mit dem Vorgehen des DRK nicht einverstanden sind. So beispielsweise Christa Krähling aus Roßdorf. Sie habe sieben Jahre lang im Kleiderladen gearbeitet, doch damit sei mittlerweile Schluss.

„Ehrenamtliche sind nur noch Handlanger“

Ihre Vermutung: Janina Uhlig sei nur eingestellt worden, weil es für ältere Arbeitnehmer einen Zuschuss von der Arbeitsagentur gebe. In einem Schreiben an das DRK, das der OP vorliegt, schreibt Christa Krähling unter anderem, dass der Leitsatz des DRK sei, sich im Zeichen der Menschlichkeit für das Leben, die Gesundheit, das Wohlergehen, den Schutz, das friedliche Zusammenleben und die Würde aller Menschen einzusetzen. „Leider kam dieser Leitsatz bei der Nichtverlängerung des Arbeitsvertrages von Frau Schmidtsdorff nicht zum Einsatz, er wurde meines Erachtens sogar mit Füßen getreten“, so Krähling.

Auch sei Schmidtsdorff eine Teilzeitkraft mit 30 Stunden gewesen, das sei dem DRK zu teuer gewesen. Die neue Kraft habe eine Vollzeitstelle und koste weit mehr, daher sei dies nicht nachzuvollziehen. Krähling bemängelt im Gespräch mit der OP, dass die Ehrenamtlichen im Laden jetzt nur noch für „Handlangerdienste“ da seien, damit wolle sie sich aber nicht abfinden. Auch Katrin Walter aus Marburg hat ihre Arbeit mittlerweile eingestellt. Es sei zwar ein Erfolg, dass Janina Uhlig nun einen Job habe, nun jedoch eine 56 Jahre alte Alleinerziehende arbeitslos sei.

„Interessanterweise ist bei der Arbeitsagentur die gleiche Sachbearbeiterin für sie zuständig wie für Frau Uhlig“, so Katrin Walter. Die Vermittlung „als großen Erfolg darzustellen und mit einem halbseitigen Artikel zu feiern, ist in meinen Augen der reine Hohn. Es ist wohl doch so, dass Erfahrung ja ganz angenehm, Förderung aber ausschlaggebend ist“, so Katrin Walter.

Betz: Das ist ein vollwertiger Geschäftsbetrieb

Dass Geschäftsführer Christian Betz das Ehrenamt mit Füßen trete, das will er nicht auf sich sitzen lassen. Er sei selbst – neben seiner Arbeit als Geschäftsführer – seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich tätig. „Mir also vorzuwerfen, ich hätte kein Verständnis für das Ehrenamt, dagegen verwahre ich mich“, sagt er im Gespräch mit der OP.

Als er seine Stelle im vergangenen Jahr angetreten habe, hätte er gesehen, dass im Kleiderladen Änderungen vonnöten waren. „Ich bekomme wirtschaftliche Auswertungen, der Laden ist ein vollwirtschaftlicher Geschäftsbetrieb. Daher darf man uns in diesem Laden auch steuerlich nicht anders behandeln als jeden anderen Geschäftsbetrieb“, stellt Betz klar.

Mit den Kleiderspenden, die „uns dankenswerterweise gemacht werden“, müsse Gewinn erwirtschaftet werden. „Diese Gewinne dienen beispielsweise der Querfinanzierung der Suppenküche, in die wir jedes Jahr 20 000 Euro zuschießen müssen“, erläutert der Geschäftsführer.

Mehrere Gespräche haben nichts genutzt

Er sei für mehrere DRK-Kleiderläden, unter anderem in Gießen, zuständig und wisse daher, wie diese Läden erfolgreich zu führen seien. Doch seine Ideen von Veränderung seien bei den Mitarbeitern in Marburg direkt auf Ablehnung gestoßen. Dennoch habe er den Vertrag von Michaela Schmidtsdorff verlängern wollen. „Allerdings bestand sie explizit auf dem Wort Verkaufsleiterin – damit hätten wir ihr aber wesentlich mehr bezahlen müssen, das war nicht drin“, so Betz.

Er habe den Vertrag zu den bisherigen Konditionen verlängern wollen, „sie hätte keinen Cent weniger verdient“, versichert er. „Wie man einen Arbeitsvertrag wegen eines solchen kleinen Worts sausen lassen kann, das verstehe ich nicht.“ Mehrere Gespräche habe er mit der ehemaligen Angestellten geführt, immer im Beisein seiner Assistentin, doch genutzt habe es nichts.

Betz verdeutlicht auch, dass es ihm bei weitem nicht auf die Förderung durch die Arbeitsagentur angekommen sei. „Ich arbeite auch in Gießen fast nur mit Leuten aus dem Programm 50 plus. Denn meine Erfahrung ist, dass das hervorragende Mitarbeiter sind.“ Eins steht für ihn fest: „Wer ein Geschäft nur auf der geringen Förderung aufbaut, der hat keine Chance.“

von Andreas Schmidt

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