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Vorkehrungen für ein langes Zinstief

Sparkasse Marburg-Biedenkopf Vorkehrungen für ein langes Zinstief

Mit dem Fokus auf Regionalität weckt die Sparkasse Marburg-Biedenkopf Erwartungen der Bürger. Die Politik ist abhängig. Eine Analyse.

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Die Zinseinnahmen im Kreditgeschäft bleiben aus, die Sparkassen bereiten sich auf ein langes 
Zinstief vor. Die Kommunen könnten solche Kursänderungen spüren.

Quelle: Andrea Warnecke

Marburg. Die Sparkasse als regio­nales Kreditinstitut spürt den Druck durch schärfere EU-Vorgaben und wegfallende Erträge im Kreditgeschäft. Die Träger, Stadt und Kreis, haben Einfluss und Abhängigkeiten.

Kultur, Sport, Bildung: Die Sparkasse kümmert sich um die Region, betont immer wieder, dass sie anders als die anderen Kreditinstitute ist, dass sie sich als Teil der Heimat versteht. Wohl genau aus diesem Grund können, mögen viele Bürger nicht verstehen, 
warum „ihre“ Sparkasse ihre 
Region verlässt.

23 Geschäftsstellen werden im Landkreis geschlossen, neun davon werden aber in Selbstbedienungs-/Geldautomatenstandorte umgewandelt. In vielen Orten, die OP berichtete, stößt das auf Kritik. Sparkassen-
Vorstandsvorsitzender Andreas 
Bartsch hat wiederholt erklärt, dass an der Entscheidung nicht zu rütteln ist. Bis Ende 2018 wird die Neustrukturierung über die Bühne gehen. Der Vorstand begründet dies mit der Zunahme des Onlinebankings. Immer mehr Menschen überweisen per Mausklick oder mithilfe ihres Smartphones.

EU-Vorgaben machen kleinen Instituten zu schaffen

Immer weniger Menschen 
suchen eine Filiale auf. Dass ausgerechnet jetzt in diesen unruhigen Zeiten auch für das Onlinebanking Gebühren anfallen, 
ist bewusst gewählt, sagt die Sparkasse. Ein Grund für diese Strategie ist die anhaltende Niedrigzinsphase. ARD-Börsenexperte Markus Grüne sprach kürzlich in Marburg auf einer Veranstaltung der Volksbank Mittelhessen von einer Niedrigzinsdekade.

Die Nicht- beziehungsweise Minizinsen und mehr Regulierung drücken auf die Erträge, die Gewinnspanne schwindet. Anders ausgedrückt: Sparkassen und Genossenschaftsbanken verdienen mit Zinsen kaum noch Geld, die EU-Vorgaben verschärfen den Druck auf die kleinen Banken in Deutschland, verändern aber auch den Spielraum einer „normalen“ Geschäftsstelle.

Ein Angestellter in einer Ein-Mann-Filiale darf keine Kreditvergabe regeln – der Kunde müsste ohnehin zur speziellen Servicestelle. Die Sparkasse ist daher als Unternehmen gefragt, um langfristig wettbewerbsfähig am Markt stabil zu bleiben, da spielt die Regionalität keine Rolle.

Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken werden deutschlandweit höhere Preise für ihre Dienstleistungen verlangen. Gebühren sind die neuen Ertragsquellen. Natürlich gäbe es noch die Stellschraube Personal, aber bei der heimischen Sparkasse ist kein Abbau geplant, heißt es. Mitarbeiter, deren bisherige Filiale geschlossen wird, können in einem anderen Sparkassen-Haus in Marburg-Biedenkopf arbeiten. Der Ist-Zustand: Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf ist das Kreditinstitut mit den meisten Filialen und Kunden im Kreis. Auch nach den geplanten Schließungen wird sie das größte Flächennetz haben.

Sparkasse schüttet 
Geld an Kreis und Stadt aus

Immer wieder wird in der 
öffentlichen Kritik in den Bei­räten und Ausschüssen über die kommunale Stellung der Sparkasse gesprochen. Wenn sie doch ein regionales Unternehmen sei, warum lasse „die Region“ die Schließungen zu, so der Tenor. Der Träger sind schließlich – man spricht rechtlich korrekt nicht von Eigentümern – der Landkreis und die Stadt Marburg. Aufsichtsgremium der Sparkasse ist der Verwaltungsrat, den Vorsitz übernehmen abwechselnd Landrätin Kirsten Fründt und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (beide SPD).

Einvernehmlich soll der Verwaltungsrat die Schließungen beschlossen haben. So manches Ortsbeiratsmitglied fragt sich, warum seine Partei im 
jeweiligen Ort die Schließung kritisiert, nicht aber im Kreistag aktiv wird.

Die Politik ist in gewisser Hinsicht abhängig von der Sparkasse. Als Kreditgeber, als Spender, als Geldgeber. Da sind zum einen die Ausschüttungen: Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf gehört zu den Kreditinstituten, die einen Teil ihres Gewinns an die Träger ausschütten. Insgesamt 4,7 Millionen Euro erhielten der Landkreis und die Stadt Marburg laut Geschäftsbericht 2015 für gemeinnützige Zwecke.

Auch in den Vorjahren wurden jeweils 4,7 Millionen Euro ausgeschüttet – auch wenn die Bilanzsumme unterschiedlich ausfiel. Zwei Drittel davon erhält der Landkreis, ein Drittel die Stadt. Voraussetzung für eine Abführung an die Kommunen ist ein Beschluss des Verwaltungsrats der Sparkasse.

Spenden, Sposoring, Steuern

Ein Teil der hessischen Sparkassen gibt nichts von seinen hohen Gewinnen an die Kommunen ab. Nach Recherchen der „Hessenschau“ beteiligen nur 14 von 34 hessischen Sparkassen ihre Kommunen und Landkreise an ihren Gewinnen.

Der Präsident des Landesrechnungshofs, Walter Wallmann, kritisierte das: Die Städte und Gemeinden sollten „angemessene Anteile an den Bankgewinnen“ verlangen. Für die Kommunen gelte das Prinzip, alle Einnahmepotenziale zu heben. Wenn die Kommunen nach wie vor ein Haftungsrisiko übernehmen, dann sei es nur „fair und gerecht“, auf Gewinnanteilen zu bestehen.

Weiteres Geld fließt unter anderem durch Spenden, Sponsoring und Steuern zurück in die Region. Die Bilanzsumme der Sparkasse betrug im Geschäftsjahr 2015 rund 3,37 Milliarden Euro. Mit dieser Bilanz ist der Sparkassen-Vorstand zufrieden.

Hinter verschlossenen Türen warnt er die Politiker aber vor anderen Zahlen, die angesichts des Wegbruchs des Zinsgeschäfts zu erwarten sind. Das regionale Unternehmen wappnet sich also durch neue Ertragsformen, Einnahmen durch Dienstleistungen und eine neue Struktur.

Würde die Sparkasse ihren Kurs korrigieren, würden die Erträge drastisch abschmelzen und die Haushalte von Stadt und Kreis noch stärker unter Druck geraten.

von Anna Ntemiris

 
 
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