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Von wegen „mit 50 abgeschrieben“

Weiterbildung für ältere Arbeitslose Von wegen „mit 50 abgeschrieben“

Mit dem Projekt „Berufspraktische Weiterbildung 50+“ (BPW) wollen Berufsbildungszentrum (BBZ) und Arbeitsagentur älteren Menschen den Weg zurück in den Beruf ebnen.

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In der Tischlerwerkstatt fing für Gerhard Kroll (rechts) die Weiterbildung an – kurze Zeit später war er bereits Hausmeister im Berufsbildungszentrum. Beobachtet wird er von Birgit Sturmat-Rosenbaum (links) und Sven Jerschow.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Gerhard Kroll war am Boden zerstört: Seit 15 Monaten hatte er keine Arbeit mehr, denn sein vorheriger Arbeitgeber hatte die Produktion von Wenkbach ins Ausland verlegt – Kroll wurde nach 25 Jahren gefeuert. „All die Jahre war ich bis auf zwei Arbeitsunfälle nie krank – und dann sitzt man nur noch zu Hause rum und wird krank“, sagt der 58-Jährige rückblickend. Den grauen Star bekam er, hatte zwei Schlaganfälle und war dadurch nicht mehr in der Lage, körperlich schwere Arbeiten auszuführen.

Doch Kroll gab nicht auf: Er wollte unbedingt arbeiten. Gemeinsam mit seiner Arbeitsvermittlerin habe er alles versucht, „ich habe bestimmt 120 Bewerbungen geschrieben“, sagt er. Und dann erfuhr er durch die Arbeitsagentur von einer Informationsveranstaltung des BBZ zur „Berufspraktischen Weiterbildung“.

„Schon danach war klar: Das ist genau das Richtige“, sagt Kroll. Denn der gelernte Koch arbeitete später in der Backwarenindustrie als Anlagenführer – wollte aber gerne in den Holzbereich „reinschnuppern“, wie er sagt. Also absolvierte er im Rahmen der BPW einen Kurs in der Tischlerwerkstatt – und wurde kurze Zeit später vom BBZ als Hausmeister eingestellt.

Jerschow: BBZ „der ideale Bildungsträger“

Die Geschichte von Kroll ist dabei kein Einzelfall: Von den 17 Teilnehmern der BPW sind bereits 12 vermittelt, „die Chancen für die anderen 5 stehen auch sehr gut“, erläutert Sven Jerschow von der Marburger Arbeitsagentur. Er ist dort Projektleiter eines Teams, das sich ausschließlich um die Vermittlung von älteren Arbeitslosen kümmert – denn laut Statistik machen diese fast ein Drittel aller Arbeitslosen im Landkreis aus.

Jerschow erklärt, für wen die BPW gedacht ist: „Arbeitnehmer, die aus dem gewerblich-technischen Bereich kommen, ein neues Aufgabenfeld suchen und sich auch durch breit aufgestellte Praktika in verschiedenen Bereichen ausprobieren wollen.“ Aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten des BBZ sei das Bildungszentrum für dieses Projekt „der ideale Bildungsträger“.

Birgit Sturmat-Rosenbaum, Geschäftsführerin des BBZ, erläutert, worauf es bei dem auf jeweils fünf Monate angelegten Projekt ankomme: „Wir haben als Kern eine ganz individuelle Herangehensweise: Wir stülpen kein einheitliches Konzept über die Teilnehmer, sondern lernen sie zunächst kennen. Dann schauen wir, was an beruflichen Vorerfahrungen und Ressourcen vorhanden ist – und wenn wir es nicht genau wissen, können wir es in unseren Werkstätten erproben.“

Projekt wird im September fortgesetzt

Danach würden mit der Gruppe auch Wunschthemen erarbeitet: Ob EDV, Elektrotechnik, Qualitätsmanagement, Kommunikationstraining oder Holzwerken – die Teilnehmer würden ganz individuell qualifiziert. Dadurch würden ihre Vermittlungschancen wesentlich verbessert.

Eine wichtige Rolle spielten dabei auch Praktika: „Wir schließen mit den Betrieben Praktikumsverträge ganz klar unter der Prämisse, dass sich beide Seiten gegenseitig erproben – wir haben also speziell bei Betrieben gesucht, bei denen auch eine Einstellungsabsicht besteht“, erläutert Sturmat-Rosenbaum.

Sie lobt die Aufgeschlossenheit der Teilnehmer, denn mitunter sage man ja älteren Arbeitslosen klischeehaft nach, nicht mehr so flexibel zu sein. „Das ist überhaupt nicht der Fall, unsere Vorschläge wurden dankbar angenommen und umgesetzt.“

Aufgrund des Erfolgs werde man ab dem 7. September eine weitere BPW anbieten. Dazu findet am 27. August um 13 Uhr eine Informationsveranstaltung im Vortragsraum des BBZ statt.

von Andreas Schmidt

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