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Von der Drehbank will er nicht lassen

Drechslermeister Jakob Engelbach Von der Drehbank will er nicht lassen

Drehen, Schneiden, Schmirgeln – Drechslermeister Jakob Engelbach aus Oberasphe gilt als letzter Drechslermeister im Landkreis. Auch mit 79 Jahren begeistert ihn sein Beruf noch immer.

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An der Drehbank fühlt sich Drechslermeister Jakob Engelbach aus Oberasphe auch im hohen Alter richtig wohl.

Quelle: Ina Tannert

Oberasphe. Sägespäne fliegen durch die lichtdurchflutete Werkstatt, es riecht nach Holz, die Drehbank rumort. Drechslermeister Jakob Engelbach steht hochkonzentriert davor, das Schlichteisen in der Hand. Mit nur wenig Druck bearbeitet er das rotierende Stück Esche, formt das Holz vorsichtig nach seinen Vorstellungen. In wenigen Minuten hat er routiniert wieder ein kleines, graziles Döschen gedrechselt – so, wie jedes seiner Stücke ein Unikat.

Jakob Engelbach lebt seinen Traumberuf. Mit 79 Jahren steht er nach wie vor jeden Tag an der Drehbank. Gemütlich auf dem Sofa sitzen und die Rente genießen – das ist nichts für den aktiven Senior. „Ich muss immer etwas tun, dann fühle ich mich wohl“, erzählt er. Und das kann er am besten in seiner Werkstatt, die er sich eigenhändig samt dazugehörigem Wohnhaus aufgebaut hat.

Engelbach musste zunächst als Schlosser arbeiten

Dort fertigt er aus grob mit Bandsäge und Bohrmaschine vorbereiteten Holz-Rohlingen dekorative wie alltagstaugliche Stücke – alles, was die Drechselkunst hergibt. Unzählige gedrehte Elemente in allen Formen und Größen, von Schalen, Tellern, Besteck oder Lampen über Schemel und Kleiderständer bis zum Spielzeug oder Deko-Pilz lagern in langen Regalen in seinem Keller.

Geboren und aufgewachsen ist der Holzliebhaber in Wollmar. Der landwirtschaftliche Betrieb des Vaters hat den Sohn nur wenig interessiert, „das war nicht mein Fall“. Schon als Kind saß er dafür regelmäßig in der örtlichen Drechslerei und schaute gebannt bei der Arbeit zu. „Ich wollte immer schon Drechsler werden.“

Trotz der miserablen Wirtschaftslage in den 1950er und 60er Jahren absolvierte er eine Ausbildung in Marburg, arbeitete einige Zeit in einer alten Stuhlfabrik. „Es war eine schlechte Zeit für Drechsler damals“, erinnert sich der Senior.

Schließlich war er gezwungen, für viele Jahre sein Brot als Schlosser zu verdienen und die wachsende Familie zu versorgen. Die Liebe zum Drechslerhandwerk hat er trotzdem nie aufgegeben, absolvierte 1976 seine Meisterprüfung und werkelte am Abend, nach der täglichen Arbeit, in seiner heimischen Werkstatt. Ganz nach seinem Motto: „Von nichts kommt nichts.“ Mit 58 Jahren ging er in Frührente, werkelt seitdem weiterhin aktiv in seiner kleinen Drechslerei. Die läuft mal gut, mal weniger gut.

Es ist vor allem seine Leidenschaft für das Handwerk und den Werkstoff Holz, die ihn an die Drehbank zieht. Gerne arbeitet er mit Harthölzern, verwendet Buche, Eiche, Kirsch- oder Pflaumenholz mit besonders schöner Maserung. An der Drechselbank oder Kupiereinrichtung rückt er den Stücken mit Röhre, Dreheisen und Schleifpapier zu Leibe und arbeitet grazile Formen heraus. Größe und Form sind dabei nur wenige Grenzen gesetzt.

Von filigranen Stücken in Knopfgröße bis hin zu Holzlängen von bis zu zweieinhalb Meter – alles landet auf Engelbachs Drehbank. „Drechsler machen aus Holz einfach alles, was rund ist“, fasst er zusammen.  Eine seiner größten Herausforderungen war die Arbeit mit einem Stück Pockholz. Diese sehr schwere Holzart, eine der härtesten der Welt, ist äußerst fest, dabei brüchig und lässt sich nur mit viel Aufwand bearbeiten. „Hart wie Eisen – aber eine Herausforderung“, schwärmt er.

Ob Auftrag oder nicht, er arbeitet weiter, denkt sich immer wieder neue Werkstücke, Formen und Verzierungen aus und genießt die Zeit, die er mit Drechseln verbringen kann. „Es ist ein aussterbender Beruf“, weiß der Meister.

Meister kann flexibel auf Kundenwünsche eingehen

Das Interesse an Einrichtungsgegenständen aus Holz sinkt, die industrielle Produktion verdrängt die kleinen Drechslereien vom Markt, von den traditionellen Handwerkern gibt es nur noch wenige. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf ist Engelbach der letzte seines Berufsstands.

Während er noch traditionell per Hand an der Drehbank arbeitet, übernehmen in der Industrie vollautomatische Maschinen die Produktion. Diese arbeiten schneller, produzieren Massenware mit guter Qualität in hoher, billiger Stückzahl, sind dafür jedoch nicht so flexibel wie der Mensch, erklärt der Meister.

Er hingegen kann umgehend auf die Wünsche seiner Kunden eingehen, seine Werke an spezielle Anforderungen anpassen. So etwa beim Bau eines gedrechselten Treppengeländers, bei dem jeder einzelne Stab kürzer werden, das Profil dabei aber trotzdem stimmen muss.

„Drechseln ist eben eine Gefühlsarbeit und sehr knifflig“, weiß der erfahrene Handwerker. Und dabei auch nicht ganz ungefährlich, einen Finger hat ihn seine Arbeit an der Stichsäge bereits gekostet. Eine ruhige Hand konnte er sich trotzdem bis heute bewahren. Seinen Traumberuf will er fortführen, so lange er kann, erzählt der geschickte Rentner, der bald seinen 80. Geburtstag feiern kann. „Ich bin fit, ich mache einfach weiter.“

von Ina Tannert

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