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Von Urlaubsrecht bis Mindestlohn

„Recht im Alltag“ Von Urlaubsrecht bis Mindestlohn

Mithilfe von Märchenfiguren, Hollywoodstars oder Helden der Antike stellt Arbeitsrechtsexperte Rühle Recht und Gesetz dar. Seine Arbeitsrechts-Folgen sind Kunstwerke und wertvolle Wegweiser im Paragraphendschungel. Jetzt beendet Rühle nach fast 30 Jahren die Serie.

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Hans Gottlob Rühle zeigt seine erste OP-Folge „Aktuelles Arbeitsrecht“, die am 28.8.1986 veröffentlicht wurde. Heute heißt die Serie „Recht im Alltag“.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Menschen lieben Geschichten und nicht Fakten“, sagt Hans Gottlob Rühle. Er wiederum liebt es, aus Fakten Geschichten zu machen. Was das bedeutet, wissen die OP-Leser seit fast 30 Jahren. Der Arbeitsrechts-Experte und langjährige Direktor des Marburger Arbeitsgerichts beschreibt jeden Samstag einen aktuellen Arbeitsrechts-Fall - eingebettet in eine Kurzgeschichte. Diesen Samstag zum letzten Mal.

Nachdem der 65-Jährige Anfang dieses Jahres als Richter in Pension gegangen ist, will er auch mit dieser Autoren-Tätigkeit aufhören. Zwar hätte er nun endlich mehr Zeit für die Kolumne, aber ihm fehlen jetzt Fälle aus der Praxis - der Stoff für seine Geschichten. Rühle schrieb aber nicht nur über lokale Rechtsstreitigkeiten, die vor dem Marburger und später Gießener Arbeitsgericht landeten. Er erklärte auch Gesetzesänderungen und Urteile des Bundesarbeitsgerichts. An die erste Folge erinnert sich Rühle noch gut: 1986 ging es ums Urlaubsrecht, welches das Bundesarbeitsgericht neu ausgelegt hatte.

Dass die Oberhessische Presse jede Woche eine Arbeitsrechts-Folge abdruckte, sei bundesweit einmalig in der Zeitungslandschaft, sagt Rühle. „Der große Verdienst der OP besteht darin, dass sie Arbeitsrecht populär gemacht hat“, so der Richter. In fast jeder Familie spiele das Arbeitsrecht eine Rolle - jeder Tarif- oder Arbeitsvertrag sei Teil dessen, dennoch sei in den 80er Jahren das Strafrecht weitaus mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit gewesen. „Sensationelle Prozesse sind ja auch die Ausnahme im Arbeitsrecht“, weiß Rühle.

Rühle schrieb eine Folge nach der anderen, entwarf fiktive Personen, die Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz wurden, immer zu spät zur Arbeit kamen oder einfach nicht aufhören wollten, zu qualmen.

Erboste Anrufe von Juristen beim Chefredakteur

Damit die Anonymität gewahrt blieb und der Leser Spaß hat, wählte Rühle mal Märchen- oder Romanfiguren, verstorbene Künstler, Politiker oder Helden aus der Antike als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber. Virginia Woolf bekam eine Rolle als Chefin einer Psychotherapie-Praxis, Ludwig Erhard oder ein Kläger namens Carl Spitzweg waren auch schon bei „Recht im Alltag“ vertreten.

Dass seine Folgen gut ankamen, nahm Rühle im Gerichtssaal oder beiläufig bei Betriebsbesichtigungen wahr. „Ich sah die Ausschnitte aus der OP am Schwarzen Brett und anhand der Passagen, die farbig gemarkert waren, konnte ich erkennen, ob es der Arbeitgeber oder Betriebsrat aufgehängt hatte“, erzählt der Jurist. Doch Rühle gesteht auch, dass es nicht nur Begeisterung für seine Rubriken gab. „Am Anfang gab es Probleme, weil einige Anwälte befürchteten, dass ich dadurch die kostenlose Rechtsberatung übernehme.“

Erboste Anrufe von Ex-Kollegen beim damaligen Chefredakteur der OP habe es gegeben. Nachdem aber kein Anwalt wegen Rühle weniger Arbeit hatte, sei die Aufregung verschwunden. „Ich habe in der Kolumne immer versucht, Lösungswege aufzuzeigen. Aber es gibt kein Schwarz oder Weiß, keine absolut richtige Lösung. Arbeitsrecht besteht aus Kompromissen.“ Güterabwägung heißt das im Juristendeutsch, das Rühle gern und gut übersetzt.

Rauchverbot und Videoüberwachung

Das Rauchverbot war eines der großen Themen, die Rühle anschaulich vermittelte. Er malte sich aus, wie in den Kantinen und Pausenzimmern der Betriebe über die Vor- und Nachteile gestritten, gejammert und philosophiert wurde.

Das Persönlichkeitsrecht war ebenfalls ein Lieblingsthema. Ist Videoüberwachung gestattet? Es gibt Grenzen, sagt Rühle.

Und wann beginnt Diskriminierung? Es sei ihm eine Herzenssache gewesen, dass sich Leser an die eigene Nase fassen und zum Beispiel fragen, wie sie im Alltag mit Kollegen ausländischer Herkunft umgehen. Das Thema Diskriminierung von Frauen fand Rühle auch aus juristischer Perspektive spannend: Es ging um die Altersversorgung von Teilzeitkräften - Themen, die heute vielleicht selbstverständlich sind, waren vor fast 30 Jahren noch revolutionär.

Ältere OP-Leser werden sich noch an die Kolumne „Spießer Philipp“ erinnern: Die Glosse enthielt Klatsch und Tratsch, aber auch spitze Bemerkungen über lokales Geschehen und Politiker. „Keiner wusste, dass ich der Autor war“, strahlt Rühle. Nachdem er zufällig „enttarnt“ wurde, hörte er mit dieser Rubrik auf.

„Schutzlos den Kapitalisten ausgeliefert?“

Nach der Wende begann Rühle die Zusammenarbeit mit einer Zeitung in Ostdeutschland. Nachdem OP-Verleger Dr. Wolfram Hitzeroth die Eisenacher Presse nach der Wende übernahm, führte auch diese Zeitung Rühles Rubrik ein. Dort begann er die Serie mit der „Einführung ins Arbeitsrecht der Bundesrepublik“. „Sind die Arbeitnehmer schutzlos den Kapitalisten ausgeliefert?“, lautete eine der Fragen von damals.

Am Samstag, in der 1055. und letzten OP-Folge „Recht im Alltag“, geht es um den Mindestlohn.

von Anna Ntemiris

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