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Vom Online-Laden in die reale Welt

Internethandel mal anders Vom Online-Laden in die reale Welt

Ein Ladenbetreiber, der auch einen Online-Shop eröffnet, ist keine Seltenheit. Einige Internet-Händler gehen den umgekehrten Weg – und öffnen Filialen in der realen Welt, auch im Landkreis.

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Caroline und Christof Drescher haben den Schritt von der virtuellen in die reale Welt mit ihrem Ladengeschäft „Welt der  Decken“ in Niederweimar bereits 2009 gewagt.

Quelle: Andreas Schmidt

Niederweimar. Einmal durch Amazon bummeln? Was unvorstellbar klingt, könnte schon bald Realität werden: Klassische Internet-Händler wagen sich erzeit verstärkt in die nicht-virtuelle Welt – und eröffnen erste stationäre Läden. Jüngstes Beispiel: Der Internetriese Amazon, der angeblich über einen Laden in New York nachdenkt. Auch in Deutschland lassen sich derzeit reine Online-Händler in der Fußgängerzone nieder.

„Es ist tatsächlich so, dass immer mehr Onliner sich in die stationäre Welt begeben“, sagt Eva Stüber vom Institut für Handelsforschung (IFH). „Online kann man datenbasiert etwas über den Kunden lernen, aber das Persönliche geht besser im Geschäft.“

Nach IFH-Angaben gibt es hierzulande derzeit 40.000 reine Online-Händler – nach Prognosen der Experten dürften 90 Prozent von ihnen allerdings nicht bis 2020 überleben. Ein Grund ist demnach die Übermacht von Internetriesen wie Amazon und Zalando. Grund genug, in der nicht-virtuellen Welt aktiv zu werden – auch wenn die Platzhirsche aus dem Netz selbst dorthin drängen.

Kunden wollen Waren erstmal anfassen

Zuletzt öffnete etwa der Online-Trachtenhändler Almliebe eine Filiale in München. Auch der Internet-Möbelverkäufer „Fashion4home“ hat seine Sofas bereits auf Einkaufsmeilen in Berlin oder Hamburg aufgebaut. Ein weiteres Beispiel ist der Elektronikhändler Cyberport. In den Fußgängerzonen angekommen ist auch der Online-Müsliversender „Mymuesli“, der den ersten Laden 2009 startete und Ende dieses Jahres bereits auf 25 Filialen kommen will.

„Viele Menschen möchten Produkte, gerade Lebensmittel, ja erstmal anfassen und eventuell probieren vor einem Kauf“, sagt Mymuesli-Mitgründer Max Wittrock. „Das können wir in den Läden bieten und dort auch beraten.“ Zugleich rufe das Logo in der Innenstadt die Marke ins Bewusstsein. Wittrock: „Es schadet der Bekanntheit sicher nicht, wenn viele Menschen jeden Tag an Mymuesli-Läden vorbeilaufen.“

Worüber nun die großen Händler zögerlich nachdenken, ist in Niederweimar schon seit einigen Jahren Realität: Dort eröffneten Caroline und Christof Drescher in 2009 ihren Laden „Welt der Decken“ – zuvor hatten sie sich bereits seit 2006 einen Namen mit ihrem Internet-Shop gemacht.

Die Nische gesucht und in Bettwaren gefunden

„Ich bin Informatiker und habe schon früher Shop-Systeme für Kunden programmiert“, erinnert sich Christof Drescher. Er habe gemeinsam mit seiner Frau überlegt, was man „noch so nebenbei“ aufbauen könnte. Den Ausschlag zum Thema Bettwäsche habe letztendlich gegeben, „dass wir zuhause eine große Bettdecke von 2,20 mal 2 Metern hatten, für die wir keine Bettwäsche gefunden haben. Also mussten das Problem auch andere Leute haben“, erzählt Drescher.

Die Nische war gefunden, die Dreschers bauten den Kontakt zu namhaften Herstellern auf – und der Online-Handel kam ins Rollen. „Dabei setzen wir ausschließlich auf Markenartikel und nicht auf China-Ware, die wir bei Ebay verramschen“, sagt Christof Drescher. „Das erste war ein Paradies-Kissen, das wir verkauft haben – das ging nach Hamburg. Ich bin dann direkt mit einem Glas Sekt in den Garten zu meinen Eltern gelaufen – denn jetzt ging es los“, erinnert sich Caroline Drescher.

Das Geschäft wuchs schnell an: Die Ware, die sich zunächst in Christof Dreschers Büro am Marburger Friedrichsplatz stapelte, wuchs an – „wir brauchten mehr Fläche“. Also mietete das Ehepaar einen 40-Quadratmeter-Raum in Niederweimar als „Versandlager“.

„Nach unseren regulären Jobs haben wir dort die Bestellungen fertig gemacht, abends stand dann DPD vor der Tür und hat die Pakete abgeholt. Und wenn wir bis dahin nicht fertig waren, haben wir die Pakete selbst ins Depot nach Staufenberg gebracht“, erzählt Caroline Drescher.

Beginn mit Bauchschmerzen

Der Handel wuchs – daher entschloss sich das Paar in 2008 zum großen Schritt: Sie planten ein 400 Quadratmeter großes Ladengeschäft mit Versandlager im Neubaugebiet in Niederweimar, feierten 2009 Eröffnung. Denn sie hatten ihre Nische gefunden: „Wir können die Kunden beraten, das können die Großen nicht“, sagt Christof Drescher. Und dieses Konzept gehe auch im stationären Laden auf. Beide gaben ihre regulären Jobs auf – für die „Welt der Decken“.

„Anfangs hatte ich Bauchschmerzen“, gibt Caroline Drescher zu. Schließlich muss der Handel nicht nur den Abtrag für den Bau bezahlen, sondern auch eine vierköpfige Familie ernähren. Denn gerade der Sommer sei nicht unbedingt die Saison für Bettwaren und Co. „Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt“, sagt sie lachend – das Geschäft läuft, den Schritt haben beide nicht bereut.

Fachleute sehen stationäre Läden auch als eine Art Ausstellungsfläche für das Unternehmen. „Ich glaube, dass ein stationäres Handelsgeschäft einen Showroom-Charakter hat und auch eine Markenpräsenz vermittelt“, sagt Handelsexperte Thomas Harms. Vor allem für Modehändler könne sich das lohnen – auch, um künftig unnötige Retouren zu vermeiden.

Viele Internethändler bieten Versand zur Ansicht an

Der Online-Händler Zalando ist ebenfalls in der echten Welt angekommen – und betreibt in Berlin und Frankfurt Outlet-Stores. Über den Verkauf reduzierter Ware hinaus sind einer Sprecherin zufolge allerdings keine Filialen geplant. „Wir sind vom Herzen her auf jeden Fall Online-Händler und das ist auch unser Fokus“, sagt sie.

Die Outlets seien aber ein „guter Berührungspunkt“ zu den Kunden. Medienberichten zufolge sollen Kunden in der möglichen Amazon-Filiale etwa online bestellte Waren abholen und nicht mehr erwünschte Artikel zurückgeben können. Außerdem solle es dort in einer Art Mini-Lagerhaus ein eingeschränktes Sortiment von Waren zur Zustellung am selben Tag innerhalb New Yorks geben.

Auch Kunden des Trachtenhändlers Almliebe können sich Ware aus dem Online-Shop zur Anprobe in die Filiale schicken lassen. Umgekehrt können Kunden im Laden an speziellen Stationen das Online-Sortiment durchforsten. Fachleuten zufolge ist gerade diese Verzahnung der verschiedenen Verkaufskanäle ein Schlüssel zum Erfolg.

Muss nun aber jeder Internet-Anbieter raus ins wahre Leben? „Ich glaube nicht, dass jeder Online-Händler ein stationäres Geschäft braucht“, sagt Harms. IFH-Expertin Stüber weist auf die Fallstricke hin: „Allein schon die Standortwahl ist ein Thema, das für Onliner bisher nicht relevant war. Hinzu kommen lang laufende Mietverträge oder die Frage nach der Ladengestaltung.“

von Andreas Schmidt und Antonia Lange

Das Unternehmen „Mymuesli“ bietet Beratung im Laden. Foto: David Ebener
 
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