Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Vom Lehrling zum Vorstandsmitglied

Nachruf Vom Lehrling zum Vorstandsmitglied

Vergangenen Sonntag ist Professor Hans Gerhard Schwick, langjähriges Vorstandsmitglied der ehemaligen Behringwerke AG, im Alter von 87 Jahren in Berlin verstorben.

Voriger Artikel
DGB kritisiert Ausnahmen für Langzeitarbeitslose
Nächster Artikel
Firmen helfen Eltern im Notfall

Professor Hans Gerhard Schwick ist am Sonntag verstorben.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Seit 1968 war Schwick Mitglied des Vorstandes der Behringwerke AG, seit 1980 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen in 1992 Werksleiter des Unternehmens.

Seine berufliche Karriere begann 1942 mit 14 Jahren als Lehrling in den Behringwerken. Schwick zeigte früh ein großes Interesse an proteinchemischen Arbeiten und gleichermaßen an der Gestaltung seines Arbeitsumfelds. Er wurde zum Vorsitzenden der Gewerkschaftsjugend gewählt.

An den Wochenenden besuchte er eine private Chemieschule in Frankfurt, die er 1958 als Chemotechniker abschloss. Eine Sonderprüfung erlaubte ihm die Zulassung zum Studium ohne Abitur. Von 1959 bis 1963 studierte Hans Gerhard Schwick Biologie an der Universität Marburg mit Promotion zum Dr. phil. im selben Jahr.

Während der gesamten Zeit seiner Ausbildung blieb er Mitarbeiter des Unternehmens, was unter anderem auch auf eine tatkräftige Förderung und Unterstützung seiner Vorgesetzten hinweist, die sein Talent früh erkannten. Sein betrieblicher und wissenschaftlicher Aufstieg setzte sich fort mit der Erteilung der Gesamtprokura 1965 und der Verleihung der Visnewskiy-Medaille in Russland.

Hohe Auszeichnungen im Jahr 1973

Bereits zwei Jahre später wurde Schwick die Forschungsleitung der Behringwerke übertragen – 1968 wurde er Mitglied des Vorstands. An der Universität Marburg habilitierte er sich 1969 im Fach Physiologische Chemie. Er erhielt die Lehrbefugnis in diesem Fach und wurde 1973 Honorarprofessor der medizinischen Fakultät der Philipps-Universität.

Durch die Verleihung des Robert-Koch-Preises und der Robert-Koch-Medaille 1973 sowie der Verleihung der Medaille der Universitätsstadt Marburg im selben Jahr wurden seine wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Verdienste weiter anerkannt.

1992 wurde Schwick die Philipps-Plakette der Universität Marburg verliehen, im selben Jahr erhielt er das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Nach 50 Jahren Zugehörigkeit und einer beispiellosen Karriere schied Hans Gerhard Schwick 1992 aus den Behringwerken aus. Zu seinem 80. Geburtstag 2008 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Marburg verliehen.

Kranke profitieren von seine Forschung

In der Zeit von 1951 bis 1992 sind 238 zitierfähige Publikationen von Schwick als Erst- oder Mitautor dokumentiert. Durch die umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten haben Schwick und seine Mitarbeiter sich große Verdienste auf dem Gebiet der Proteine des menschlichen Plasmas erworben.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse führten dank einer engen Zusammenarbeit mit klinisch arbeitenden Wissenschaftlern an Universitäten im In- und Ausland zu Fortschritten in der Behandlung von Patienten mit Plasmaprotein-Mangel und -Fehlfunktionen.

Schwick war Mitglied oder Mitbegründer folgender Gesellschaften: Der „Société Internationale de Transfusion Sanguine“, der „Deutschen Gesellschaft für klinische Chemie“, der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Blutgerinnungsforschung“, der „Deutschen Hämophiliegesellschaft zur Bekämpfung von Blutungskrankheiten“ und der „Deutschen Gesellschaft für Immunologie“.

Die Behringwerke waren unter Schwick ein ungewöhnliches, erstaunliches und erfolgreiches Unternehmen. Die Zahl der Beschäftigten stieg von 1800 auf 3200, der Umsatz von 85 Millionen Mark in 1970 auf 1,9 Milliarden Mark in 1992. Die Mitarbeiter sprachen überwiegend mit großer Achtung, ja mit Stolz von ihrem obersten Chef und dem Unternehmen.

Engagement im sozialen Bereich

Hans Gerhard Schwick bot ihnen als Werksleiter regelmäßig Mitarbeitergespräche an, in denen er sich ihre Belange und Sorgen anhörte und, falls nötig, versuchte, zusammen mit den direkt Vorgesetzten Härten zu mildern oder abzustellen. Er erwartete Leistung und Loyalität und bot als Verantwortlicher auf Unternehmensseite einen sicheren Arbeitsplatz. Die Fluktuationsrate in der Belegschaft lag demzufolge über viele Jahre nicht höher als zwei Prozent.

Schwick führte das Unternehmen unabhängig von geltenden Managementtrends patriarchalisch und zeigte darüber hinaus mit seiner Mitgliedschaft im Marburger Universitätsbund und mit persönlichen Stiftungen unter anderem an das Universitätsmuseum ein starkes soziales Interesse.

Dank seiner erfolgreichen Arbeit als Forscher und Unternehmer, als aktiv lehrendes Mitglied der Marburger Universität und durch sein soziales und kulturelles Engagement hat er sich für die Mitarbeiter und Patienten sowie für die Stadt und den Industriestandort Marburg in besonderer Weise verdient gemacht.

von Dr. Roloff Johannsen

  • Dr. Roloff Johannsen war ehemals Vice President Aventis Behring und hat viele Jahre mit Hans Gerhard Schwick zusammengearbeitet.
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr