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Vom Kult-Objekt zum Umwelt-Problem

Das Ende der Plastiktüte Vom Kult-Objekt zum Umwelt-Problem

Ein gutes halbes Jahrhundert lang waren Plastik­tüten aus dem täglichen 
 Leben nicht wegzudenken. Doch nun werden sie sukzessive auch aus den Geschäften verbannt.

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Im Jahr 2000 gab es in der Mensa eine Plastiktüten-Ausstellung – organisiert von Andrea Müller und ihrem Vater Dieter.

Quelle: Archiv

Marburg. Ach, was war das schön damals, zu Beginn der 90er-Jahre: Ich hatte mein Studium begonnen, die erste eigene Wohnung im Südviertel bezogen – und verwirklichte aus damaliger Sicht kreative, in der Retrospektive allerdings eher verrückte Ideen für die Einrichtung. Eine davon: Ein Duschvorhang aus Plastiktüten.

Monatelang habe ich sie gesammelt, rund 40 Stück waren nötig, um den Spalt zwischen Decke und Badewannenrand gleichzeitig möglichst bunt und auch effektiv zu verdecken. Als alle Tüten beisammen waren, ging es an die Verarbeitung: Mit dem Folienschweißgerät habe ich die Plastiktüten verbunden, dann mit einer Lochzange in die oberste Reihe Ösen eingezogen, durch die dann Vorhangringe kamen – irgendwann war das Schmuckstück fertig. Ein Unikat, das zwar nicht besonders praktisch war, denn die Plastiktüten waren doch recht steif. Aber als Blickfang war dieser Duschvorhang einfach großartig. Und er tat jahrelang seinen Dienst.

Doch es gab auch echte Plastiktüten-Sammler. Eine Sammlerin war Andrea Müller aus einem Marburger Stadtteil: Sie hatte rund 2500 unterschiedliche Exemplare, gesammelt in der ganzen Welt – und einen Teil ihrer Tüten stellte sie im Jahr 2000 in der Mensa aus. Zum Abschluss wollte Müller die Ausstellung für einen guten Zweck verkaufen – der Erlös sollte für ein Erlebniswochenende für krebskranke Kinder verwendet werden.

In den 60ern begann der Siegeszug der Plastiktüte

2500 Tüten sind im Vergleich zur Sammlung des Deutschen „Tüten-Papst“ jedoch nichts: Heinz Schmidt-Bachem nannte rund 150.000 Papier- und Plastiktüten sein Eigen. Damit schuf er das „Portable Art Museum“ in Düren, das aber seit dem Tod des Sammlers im Jahr 2011 geschlossen ist.

Ihren Siegeszug trat die praktische Tragehilfe Anfang der 60er-Jahre an: So behauptet William Hamilton, am 20. August 1960 in Schweden das erste Patent für eine Plastiktüte mit Handgriff erhalten zu haben. In Deutschland trägt das erste technisch verwertbare Patent für eine „Plastiktragetasche“ das Datum 1. November 1960.

Die Wurzeln der Tüte liegen quasi in Marburg. Der ehemalige Schüler der Martin-Luther-Schule, Karl Waldemar Ziegler, der später an der Philipps-Universität Chemie studierte, erhielt für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der Hochpolymere 1963 den Nobelpreis für Chemie. Die Forschungsergebnisse waren die Grundlage für die Plastik-Tüten-Produktion auf Polyäthylen-Basis.

Vom Transportbeutel zum Sammler-Objekt

1961 gab das Kaufhaus Horten in Neuss die ersten Plastiktüten aus. Sie wurden damals „Hemdchentüten“ genannt, weil die Träger wie die eines Unterhemds aussahen. 1965 folgte schließlich die „Reiterbandtragetasche“, die basierend auf den Erfahrungen der papierverarbeitenden Industrie entwickelt wurde und als erste „richtige“ Plastiktragetasche gilt.

Die Plastiktüte entwickelte sich rasant weiter – vom Transportbeutel über einen Werbeträger bis hin zum kultigen Sammler-Objekt. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Und das ist wohl auch gut so. Denn Plastikmüll verschmutzt die Meere, außerdem dauert es rund 500 Jahre, bis die Natur den Kunststoff zersetzt hat. Zudem werden die Taschen zum Großteil aus Erdöl hergestellt, was die Vorräte endlicher Ressourcen weiter erschöpft.

Allerdings sind Plastiktüten nicht ganz so umweltschädlich, wie ihr Ruf. So werden sie zwar aus Erdöl hergestellt. Doch je nach Sichtweise schaden sie der Umwelt weniger als die Alternativen aus Papier. Papiertüten sind zwar als Müll weniger problematisch – doch ist ihre Herstellung sehr ressourcen-intensiv. In der Gesamtbilanz sagen auch Umweltverbände: Damit eine Papiertüte ökologisch ebenso gut ist wie eine Plastiktüte, muss man sie mehrmals verwenden.

50.000 bis 60.000 Tüten pro Jahr - in einem Markt

Nachdem sich der Einzelhandel jüngst bereits verpflichtet hat, keine kostenlosen Tüten mehr an die Kunden herauszugeben (die OP berichtete), stehen langsam auch die Bezahl-Tüten vor dem Aus. Als zweitgrößter Lebensmittel-Einzelhändler Deutschlands schafft Rewe die Plastiktüten nun komplett ab. Das soll pro Jahr etwa 140 Millionen Plastiktüten einsparen, stattdessen setzt die Gruppe auf Papiertüten, Kartons oder Tragetaschen aus Baumwolle oder Recycling-Material.

Nach und nach laufen die letzten Taschen über die Verkaufsbänder – so etwa auch im Markt in der Marburger Universitätsstraße. „Wir haben hier im Jahr zwischen 50.000 und 60.000 Tüten verbraucht“, sagt Inhaber Christian Naumann.

Seine Kundschaft habe positiv auf den Wegfall der Taschen reagiert. Denn eigentlich gibt es schon seit Ende vergangenen Jahres in dem Markt in der Universitätsstraße keine Plastiktüten mehr – er gehörte nämlich zu den Testmärkten der Rewe-Gruppe. „Natürlich gab es Nachfragen, es war am Anfang sehr beratungsintensiv. Aber wir hatten vorab unser Personal geschult – sodass wir unsere Kunden genau informieren konnten.“

Weltweiter Abschied von der Plastikverschwendung

Für Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) ist klar: „Für uns alle ist der Plastikmüll einerseits ein Ärgernis, auf der anderen Seite haben wir doch auch die Bequemlichkeit schätzen gelernt, die Plastiktüten beispielsweise bei Regenwetter oder ­gegen auslaufende Materialien bieten.“

Die Industrienation Deutschland und Mitteleuropa können einen erheblichen Beitrag dazu leisten, ein Umdenken zu fördern und den weltweiten Abschied von der Plastikverschwendung einzuleiten, hob Kahle hervor. „Deswegen freut uns die Initiative von Rewe. Wir hoffen, dass das ein Signal an den Einzelhandel sein kann, mutig auf andere Verpackungen umzustellen.“

Neu ist der Verzicht auf Plastiktüten indes nicht: So hat beispielsweise Tegut diese Taschen schon seit 2007 nicht mehr im Programm, wie eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage der OP erläuterte. Von Edeka, dem größten Deutschen Lebensmittel-Einzelhändler, lag bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme vor.

von Andreas Schmidt

 
Bürgermeister Dr. Franz Kahle (von links) signiert im Beisein von Filialleiter Andreas Ziegler, Inhaber Christian Naumann und Andrea Heinz vom Fachdienst Umwelt die symbolisch letzte Plastiktüte, die im Rewe-Markt in der Universitätsstraße über das Band ging. Foto: Andreas Schmidt
 
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