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Viele Marburger mit künstlichen Knien

Operationen Viele Marburger mit künstlichen Knien

Der Vorwurf: Es werden bundesweit zu viele künstliche Kniegelenke eingesetzt. Das Universitätsklinikum Marburg erklärt: Immer mehr jüngere Patienten wünschen die Eingriffe, weil sie sich eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erhoffen.

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Eine OP-Schwester greift nach dem OP-Besteck. Die Zahl der Kniegelenk-Operationen in Krankenhäuser ist regional sehr unterschiedlich.Archivfoto

Quelle: Friso Gentsch

Marburg. Ob ein Patient mit Kniebeschwerden am Knie operiert wird, hängt Studien zufolge nicht nur von seiner Erkrankung ab, sondern auch davon ab, wo in Deutschland er wohnt. In bestimmten Regionen erfolgen demnach überdurchschnittlich häufig drei chirurgische Eingriffe: Kniegelenke werden ersetzt, Nachoperationen sind notwendig und Knie werden arthroskopisch gespiegelt. Die Bertelsmann Stiftung hat für ihren Faktencheck Gesundheit gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie (DGOOC) die drei Operationen anhand anonymer Daten der AOK untersucht und die jeweilige Häufigkeit pro 100000 Einwohner einer Region berechnet.

Die Untersuchungen ergaben folgendes Bild: In wirtschaftlich schwachen Regionen gebe es eine Unterversorgung und eventuell eine geringere Nachfrage nach den Knieeingriffen, in reicheren Landkreisen dagegen eine Überversorgung und möglicherweise eine stärkere Nachfrage.

Experte: Zahlen seit 2008 unverändert

Die Bertelsmann Stiftung wirft die Frage auf, inwiefern die Versorgung der Bevölkerung mit Operationen am Knie am tatsächlichen medizinischen Bedarf ausgerichtet ist. Ähnliche Fragestellungen ergaben sich in der Vergangenheit im Zusammenhang mit künstlichen Hüftgelenken. Die aktuelle Studie bezieht sich aber nur auf das Thema Knie-Operationen. Ein anderes Ergebnis der aktuellen Studie: Die Arthroskopien verringern die Zahl der künstlichen Kniegelenke nicht. Stattdessen werden dort, wo besonders viele Knie gespiegelt werden, auch besonders viele Gelenke ausgetauscht. In Bayern bekommen Patienten fast doppelt so häufig ein neues Knie wie in Berlin. Und in Ostdeutschland gibt es vergleichsweise wenig solcher orthopädischer Eingriffe.

Wo mehr Orthopäden sind, gibt's weniger OPs

Laut der Studie gibt es in Marburg-Biedenkopf 172 Eingriffe pro 100000 Einwohner. Damit werden im heimischen Kreis mehr künstliche Kniegelenke eingebaut als im Bundesdurchschnitt, der bei 129 liegt. Zum Vergleich: Im Land Hessen gibt es im Schnitt 137 Knie-Operationen, im Kreis Gießen 128 und in Frankfurt weniger als 100. Ebenfalls über dem Schnitt im Land liegt der Kreis Waldeck-Frankenberg: Dort liegt die Qupte bei 175, im Lahn-Dill-Kreis bei 147. Das Universitäts-Klinikum Gießen und Marburg verweist auf Anfrage der OP auf eine Experten-Aussage anlässlich des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Darin erklärt Professor Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der DGOOC, Berlin: „Der Vorwurf hält sich hartnäckig: Es werden zu viele künstliche Hüft- oder Kniegelenke eingesetzt.“ „Die Entwicklung bei den untersuchten Operationen ist unterschiedlich. Demnach ist der immer wieder behauptete anhaltende Anstieg bei den Hüftgelenkersatzoperationen allenfalls vorübergehend zu verzeichnen. Die Zahlen von 2011 liegen sogar geringfügig unter denen von 2005. Für die Kniegelenksendoprothetik ist eine mäßige Steigerung von zwölf Prozent gegenüber 2005 zu verzeichnen. Seit 2008 sind die Eingriffszahlen jedoch weitgehend unverändert.“ Auffällig allerdings sei der Anstieg der Operationszahlen bei Wirbelsäuleneingriffen. Besonders markant ist die Zunahme bei Bandscheibenoperationen (plus 58 Prozent).

Auf der Suche nach Gründen für die unterschiedlichen Versorgungsraten konnte eine angebotsinduzierte Nachfrage für die Versorgung mit Hüft- und Kniegelenksendoprothetik in Deutschland nicht nachgewiesen werden. Es ist vielmehr so, dass in Bereichen mit einer größeren Zahl von niedergelassenen Orthopäden seltener operiert wird. Einen statistisch signifikanten Zusammenhang gibt.

UKGM: Arthrose ist Voraussetzung für Eingriff

UKGM-Sprecher Frank Steibli erklärt: „Nach unserer Erfahrung wünschen immer mehr jüngere Patienten eine Knieprothese, weil sie sich eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erhoffen. Wir versuchen dem in Marburg mit einer umfassenden, ordentlichen Beratung zu begegnen und nur dann die Indikation zu stellen, wenn eine andere Alternative nicht mehr möglich ist.“

Generell gilt am UKGM nach eigenen Angaben folgendes Vorgehen: Voraussetzung für die Implantation einer Knieprothese sind eine radiologisch nachweisbare hochgradige Arthrose des Kniegelenkes und Schmerzen des Patienten jeden Tag, nicht nur bei Belastung sondern auch in Ruhe. Des Weiteren sollten alle konservativen Maßnahmen, wie beispielsweise eine Schuhzurichtung, Krankengymnastik, physikalische Maßnahmen, medikamentöse Therapien einschließlich Injektionen erfolglos versucht sein. „Dann ist die Implantation einer Knieendoprothese medizinisch korrekt indiziert und der Patient ist in aller Regel dann auch damit zufrieden“, so Steibli.

von Anna Ntemiris

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