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„Viele Einzelfälle ergeben buntes Bild“

UKGM-Betriebsrat „Viele Einzelfälle ergeben buntes Bild“

Die Überlastungsanzeigen haben am UKGM zuge­nommen. Der Betriebsrat möchte dazu eine Betriebsvereinbarung mit der Geschäftsführung abschließen.

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Vor Beginn der Betriebsversammlung auf den Lahnbergen lasen viele Mitarbeiter das Info-Heft des Betriebsrats.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Diesen Donnerstag besucht Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die Marburger Universität und besichtigt ein Vor­zeigeprojekt, die „Synthetische Mikrobiologie Synmikro“. Einige Meter weiter warten seit Monaten Mitarbeitervertreter des Uni-Klinikums auf ein Gespräch mit dem Landesvater, das bisher nicht erfolgt ist.

Es geht um Symbolik, es geht aber auch um ein Politikum: Die Situation des Uni-Klinikums. Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher und ihre Kollegen erwarten, dass Bouffier die Standortsicherung des Klinikums zur Chefsache macht und sich persönlich mit ihren Forderungen auseinandersetzt. Dass er bisher nicht einmal das persönliche Gespräch gesucht habe, sei enttäuschend, sagt Böttcher. Am Freitag nun wird sie dies auch Ingmar Jung mit­teilen, der als Staatssekretär im Wissenschaftsministerium mit den Mitarbeitervertretern aus Marburg sprechen wird.

„Zu Herrn Jung haben wir ohnehin Kontakt. Er macht seine Arbeit gut. Aber wir wollen, dass sich die Staatskanzlei mit dem Thema befasst“, erläutert Björn Borgmann, der auch Konzernbetriebsrat der Rhön AG ist, die das Klinikum betreibt. Das Land hält seit der Privatisierung noch einen Anteil von fünf Prozent. Das Land müsse seinen Einfluss als Miteigentümer und als politisch Verantwortlicher wahrnehmen, so Böttcher.

Argumente sind nicht neu, die Zahlen schon

Um seinen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, präsentierte der Betriebsrat am Mittwoch vor rund 350 Mitarbeitern in einer Betriebsversammlung eine Resolution, die diese verab­schiedeten. „Die Beschäftigten sorgen sich darum, dass sie mit ihrer Leistung unter den sich ständig verschlechternden Rahmenbedingungen nicht mehr die exzellente Versorgung für die Menschen sicherstellen können“, heißt es darin.

Dem Betriebsrat geht es auch um die Mitarbeiter, die in Forschung und Lehre tätig sind. Die Argumente sind nicht neu: Personalknappheit, Arbeitsverdichtung, Überstunden. Neu sind Zahlen, die der Betriebsrat öffentlich macht. Die Überlastungsanzeigen haben zugenommen: Bis vor einigen Tagen gab es im August bereits 26 Mitteilungen von Überlastung an den Arbeitgeber. Im Vorjahresmonat waren dies zwölf. Im Juni waren es 15, im Vorjahresmonat 4.

Frank Eggers, der als Operations-Pfleger arbeitet, berichtet von einer steigenden Arbeitsverdichtung. Man betreue an einem Tag immer mehr Patienten und habe häufig Überschneidungen mit anderen Teams, müsse sich also immer flexibler zeigen. Konkret fordern die Mitarbeiter nun auch per Resolution: eine Einigung bei der Trennungsrechnung, also der Zahlung des Fachbereichs Medizin für die Inanspruchnahme von Leistungen, die im Zuge der Forschung und Lehre durch das UKGM erbracht werden; eine Übernahme-Garantie für Krankenpflege-Auszubildende; weitere Investitionen; die Reduzierung von Zeitverträgen; einen Personalmindeststandard und den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Bouffier soll bei der Umsetzung des Forderungskatalogs mitwirken.

„Die Kollegen haben es leid“

-  Mitwirken sollen bald auch die Beschäftigten – an einer Befragung zu psychosozialen Faktoren am Arbeitsplatz. Auf diese anonyme Befragung haben sich Betriebsrat, Gewerkschaft Verdi und die Geschäftsführung geeinigt. Ziel ist, dass auf der Grundlage der Ergebnisse Verhandlungen zu einem Gesundheitsschutz-Tarifvertrag aufgenommen werden, erklärte Fabian Rehm von Verdi. Der Fragebogen wird den Mitarbeitern in den nächsten Wochen zugestellt und auf der nächsten Betriebsversammlung vorgestellt, erklärte Böttcher im OP-Gespräch. Wichtig sei, dass viele Beschäftigte aus allen Arbeitsfeldern den Fragebogen ausfüllen. Nur so habe man repräsentative Zahlen.

„Die Geschäftsführung sagt, wir würden immer nur Einzelfälle anprangern. Aber viele Einzelfälle ergeben ein buntes Bild“, sagt Borgmann. „Die Kollegen haben es leid, von gefühlter Mehrbelastung zu reden“, so Böttcher. Nun habe man die Möglichkeit, konkret aufzu­schreiben, wo und wie diese im Arbeitsalltag aufkomme.

- Der Betriebsrat verhandelt über eine gerichtliche Einigungsstelle eine Betriebsvereinbarung zum Thema Gefährdungsbeurteilung und werde über den gerichtlichen Weg zudem über eine Betriebsvereinbarung zum Thema Über­lastungsanzeigen verhandeln, sagte Böttcher der OP. Das bestehende Verfahren reiche nicht aus, um Überlastungen zu dokumentieren. Sie bedauere, dass der Weg über das Gericht gesucht werden musste.

- Borgmann informierte die Mitarbeiter zudem über ihr Recht, Pause zu machen. Was so banal klingt, sei auf manchen Stationen zu einem Problem geworden. Wer aufgrund der vielen Patienten keine Pause mache, solle dies dokumentieren, so Borgmann. Denn automatisch werde eine halbe Stunde Pause dennoch abgezogen – unbezahlte Mehrarbeit. Doch es gäbe Mitarbeiter, die dies nicht dokumentieren, um sich nicht möglichen Fragen des Arbeitgebers stellen zu müssen. „Es ist legitim, dass der Arbeitgeber Pausen anordnet, und wer keine macht, muss dies anzeigen, damit gegebenenfalls geprüft werden kann, woran dies liegt“, erklärte Borgmann.

von Anna Ntemiris

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