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Untreue: Angeklagter beharrt auf „Missgeschick“

Schöffengericht Untreue: Angeklagter beharrt auf „Missgeschick“

Weil er seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkam, stand ein Tankstellen-Pächter wegen 
Untreue vor Gericht. Er 
erklärte sein Versäumnis mit einem Missgeschick.

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Der Pächter einer Tankstelle wurde wegen Untreue zu einer Geldstrafe verurteilt.

Quelle: Tobias Hase

Marburg. Schuld an versäumten Zahlungsterminen soll die Mutter des Angeklagten sein, die das Geld versehentlich auf das Konto des Sohnes einzahlte – das nahm ihm das Schöffengericht aber nicht ab und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe.

Bis vor drei Jahren führte der Angeklagte eine Tankstelle in der Gemeinde Dautphetal, bis der Betreiber der Kette seinen Pächter wegen fehlender Zahlungseingänge fristlos an die frische Luft setzte. Zwischen Januar und März 2013 soll der Mann die Einnahmen des von ihm verkauften Treibstoffs, rund 60.000 Euro, nicht an den Inhaber abgeführt haben. Die Staatsanwaltschaft warf ihm 18 Fälle von Untreue vor.

Laut der vertraglichen Regelung mit dem Inhaber hatte der Verwalter die Tageseinnahmen nach Geschäftsschluss per Geldkassette in den Nachttresor seiner Bank einzuzahlen. Die tägliche Buchung kam jedoch nicht immer an, landete regelmäßig in der eigenen Tasche. Einen Fehler gemacht zu haben gab der Angeklagte zu, eine mit Absicht herbeigeführte Veruntreuung stritt er ab.

Mutter übernahm 
die Bankgeschäfte

Kompliziert gestaltete sich die Prüfung der umfangreichen Geschäftsunterlagen. Der Tankstellenbetrieb besteht aus zwei Teilen: dem Verkauf des Treibstoffs und den Einnahmen aus dem Shop samt Waschstraße.

Letztere gebühren dem Pächter, den Gewinn aus dem Treibstoffgeschäft hat er an den Inhaber abzuführen. Beides wurde in der Anklage angeblich nicht auseinandergehalten, wandte sich der Angeklagte gegen einen Großteil der Vorwürfe. Der Rest entstand durch ein Missgeschick, beteuerte der 35-Jährige.

Während der Tatzeit sei er aus gesundheitlichen Gründen nicht mit der täglichen Abrechnung und Einzahlung befasst gewesen. Diese Aufgabe übernahm seine unerfahrene Mutter, die das Geld zur Bank brachte. Angeblich versehentlich nutzte sie dafür falsche Einzahlungsbelege, meist mit den Daten des Sohnes, die dieser blanko unterschrieben hatte.

Das Geld landete schließlich ohne Aufteilung beider Geschäftsbereiche entweder komplett auf seinem Geschäftskonto oder wurde in voller Höhe an den Inhaber überwiesen, der Einfachheit halber, erklärte der Beschuldigte. Seiner Aufgabe, Ordnung in die unübersichtliche Buchhaltung zu bringen, habe er krankheitsbedingt nicht nachkommen können.

„Das tut mir auch leid“, eine betrügerische Absicht stünde nicht dahinter. Nachdem die Sache herauskam zahlte er die offene Summe jedoch nicht zurück, „das hat meine Liquidität nicht zugelassen“. Der Auflösung des Pachtvertrags folgte ein noch anhaltender Zivilstreit.

Der Inhaber berichtete von mehreren zu spät eingegangenen Zahlungen sowie von Eingängen zu hoher Beträge, die zurückgebucht werden mussten. Für manche Tage wurde zudem „gar nicht bezahlt“. Dass die Firma die eingehenden Gutschriften korrekt mit den richtigen Fälligkeitstagen verbuchte bezweifelte Verteidiger Sascha Marks: „Die Zahlungen sind nachweislich geleistet worden.“

Gericht sieht Angaben als „schlichtweg lebensfremd“

Zum Teil stimmte dem auch Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer zu. Den Erklärungen über das angebliche Missgeschick stand er hingegen skeptisch gegenüber: Dass der Geschäftsmann nicht in betrügerischer Absicht handelte, teils seine gesamten Tageseinnahmen an den Inhaber abführte und der Mutter über das wichtige Bankgeschäft keine genaueren Anweisungen gab – das konnte er nicht glauben. „Wer fremdes Geld in das schwarze Loch des eigenen Kontos wirft, der veruntreut“, befand er und forderte eine Bewährungsstrafe samt Geldbuße für den nicht vorbestraften Mann.

Die Verteidigung pochte auf ein „betriebliches Versehen“. Wie in jedem Unternehmen könnten Fehler passieren, „das kommt vor, da ist der Teufel eben manchmal ein Eichhörnchen“, so Marks, der einen Freispruch forderte.

Die angeklagte Gewerbsmäßigkeit der Taten sah das Schöffengericht nicht, konnte die Beteuerungen des Angeklagten jedoch auch nicht glauben. Wegen Untreue in acht Fällen wurde der Beschuldigte zu einer Geldstrafe von 200 Tagessätzen zu je 50 Euro verurteilt.

Ins Auge stachen vor allem dessen „wenig konkrete Angaben“ über das angebliche Versehen der Mutter, die als ahnungslose Botin alles verschuldet haben soll – „das ist schlichtweg lebensfremd und nicht nachvollziehbar, das kann man einfach nicht glauben“, sagte Richter Thomas Rohner.

von Ina Tannert

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