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„Unsere Existenz hängt an den Läden“

Dissonanz um Döner-Preis im Rewe „Unsere Existenz hängt an den Läden“

Marburger Döner-Gastronomen sehen sich in ihrer Existenz bedroht – weil der Rewe-Markt am Erlenring das türkische Gericht zum Preis von zwei Euro anbietet.

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Der Döner ist eines der beliebtesten Fastfood-Gerichte in Deutschland. In Marburg fürchten die Döner-Gastronomen aufgrund des Zwei-Euro-Döners von Rewe am Erlenring um ihre Existenz.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Der Döner gilt in Deutschland als die türkische Speise schlechthin: In aufgeschnittenes Fladenbrot wandert Fleisch vom Drehspieß, darauf kommen unterschiedliche Salate, abgerundet wird das Ganze mit einer Soße. Und auf Wunsch gibt es auf die bekannte Frage „scharf?“ mehr oder weniger Chili-Pulver auf den Döner. Auch in Marburg bieten weit mehr als ein Dutzend Gastronomen den Döner in ihren Lokalen an, in der Regel zu Preisen zwischen 3,50 und 5 Euro.

Doch diese Gastwirte haben mittlerweile eine starke Konkurrenz bekommen: Der Rewe-Markt am Erlenring bietet das türkische Produkt an seiner heißen Theke seit April ebenfalls an – jedoch zum Kampfpreis: Lediglich zwei Euro müssen die Kunden bezahlen. Und das Angebot kommt bei den Kunden offenbar so gut an, dass der Inhaber des Markts, Uwe Kranich, nun auch in seinem Markt in Wetter Döner zum selben Preis anbietet.

Zunächst hatte Kranich das Angebot mit einem Banner an der Außenseite des Markts mit dem Zusatz „Aktion“ beworben, was eine zeitliche Befristung impliziert. Doch auf den neuen Werbebannern ist der Zusatz entfallen, das Angebot scheint dauerhaft etabliert. Die türkischen Gastronomen sind entsetzt und sehen sich jetzt in ihrer Existenz bedroht. Denn bei diesem Preis könnten sie nicht mithalten, argumentieren sie.

Starke Umsatzeinbußen führen zu Entlassungen

In ihrer Not haben sie sich an den Anwalt Rolf Schwedux gewandt. Vorerst möchten sie anonym bleiben. Doch bei einem Treffen mit der OP in den Räumen des Anwalts erläutern die Geschäftsleute die Problematik: Im Gegensatz zum Rewe-Markt, der das Döner-Geschäft in seinen normalen Geschäftsräumen auf vorhandener Fläche abwickeln kann, müssen sie Lokale mieten, was die Kosten schon automatisch in die Höhe treibe. Auch müssten sie Toiletten ebenso vorhalten wie etwa auch Sitzgelegenheiten, zählen die Gastronomen auf – der Döner aus dem Markt sei nur zum Mitnehmen gedacht.

„Aber das ist den Kunden egal, sie sehen, dass es bei Rewe billiger ist und kaufen dort“, so ein Gastronom. Verspeist würde der Döner dann direkt vor dem Markt auf den Treppen, auf dem nahegelegenen Elisabeth-Blochmann-Platz oder auf den Lahnterrassen. „Vor allem Studenten nutzen das Angebot, die kommen kaum noch zu uns“, so der Gastronom.

Einer seiner Kollegen verdeutlicht, dass die Döner-Lokale häufig die einzige Möglichkeit seien, damit die Betreiber überhaupt arbeiten könnten – denn sonst fänden sie keinen Job. „Ich musste selbst schon einen Mitarbeiter entlassen, weil mein Umsatz um gut 30 Prozent eingebrochen ist“, sagt ein weiterer Gastronom. Damit er seine Familie ernähren könne, stehe er nun pausenlos selbst im Laden, „aber das Geld reicht kaum noch. Und ich bin auch langsam am Ende meiner Kräfte“, sagt er.

Für die Gastronomen ist klar: „Einen Döner für zwei Euro mit Gewinn zu verkaufen – das ist für uns unmöglich.“ Dem Markt gelänge dies nur, weil er die vorhandene Struktur nutzen könne und die Kundschaft die Gelegenheit nutze, auch gleich noch andere Dinge im Markt zu kaufen.

Marktbetreiber ist für die OP nicht zu erreichen

Anwalt Schwedux hat die Sorgen der Gastronomen in einem Brief zusammengefasst und diesen sowohl Marktleiter Uwe Kranich als auch der Konzernzentrale von Rewe übermittelt. In seinem Schreiben verdeutlicht er, dass seine Mandantschaft gerne in den Dialog mit dem Marktleiter treten würde.

Doch eine Antwort aus Marburg blieb aus, stattdessen kam ein Schreiben von der Rechtsabteilung des Rewe-Konzerns. Darin wird versichert, dass die Preise im Rewe-Markt Kranich keinesfalls unter Einstandspreis kalkuliert seien. In dem Schreiben wurde auch auf Berlin verwiesen, „wo auch Preise unter zwei Euro gang und gäbe sind und die Läden trotzdem florieren“.

Uwe Kranich war auch auf Nachfrage der OP nicht zu erreichen. Stattdessen erbat sein Marktleiter die Fragen schriftlich – die Antworten kamen dann von Konzern-Pressesprecherin Anja Krauskopf.  Auch sie verweist beim Argument kostendeckende Herstellung auf Berlin. „Nach der zugrunde liegenden kaufmännischen Kalkulation lässt sich der Döner durchaus kostendeckend herstellen. Dies zeigen auch Beispiele in Städten wie Berlin, wo Döner in einigen Bezirken flächendeckend für 2 Euro und in einigen Bezirken sogar nur für 1,50 Euro angeboten wird“, schreibt sie.

Ein Verdrängungswettbewerb finde nicht statt. Der Rewe-Markt Kranich sei „ein Lebensmitteleinzelhandels-Unternehmen, kein Gastronomiebetrieb. Insofern kann auch kein (Verdrängungs-)Wettbewerb stattfinden“, so die Pressesprecherin. Heiße Theken gehörten heute zum Standard moderner Supermärkte. „Das Döner-Angebot ist ein Zusatzangebot des Marktes. Unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ist jeder Händler beziehungsweise Kaufmann bemüht, sein Angebot an die Bedürfnisse der Kunden anzupassen beziehungsweise zu ergänzen“, so Anja Krauskopf.

Soziales Engagement kontra Dumpingpreis

Der Rewe-Markt Kranich wirbt indes auch mit seinem sozialen Engagement – etwa für Flüchtlinge oder die Marburger Tafel. Daher wollte die OP wissen, ob sich der Dönerverkauf vor dem Hintergrund möglicher Entlassungen mit diesem Engagement vertrage. Darauf teilte die Pressesprecherin mit, dass Unternehmertum und soziales Engagement sich nicht ausschlössen.

„Es ist nicht nachvollziehbar, dass der Verkauf von Döner dem sozialen Engagement des Rewe-Marktes Kranich widerspricht“, heißt es. Der Markt unterstütze eine Reihe sozialer Projekte – „ermöglicht wird dies durch den Umsatz, den der Markt macht. Im Übrigen wird das Döner-Angebot gerne von Menschen angenommen, die lediglich über ein geringes Einkommen verfügen, wie zum Beispiel Asylsuchende, Migranten oder Studenten“, so Krauskopf.

Den Gastronomen ist dies kein Trost – sie fürchten weiter um ihre Existenz, „auch wenn der Rewe-Döner viel kleiner ist“, wie sie sagen. An der Qualität ihrer Döner wollen sie jedoch nichts ändern, ein „Döner light“ komme wohl nicht infrage.

„Vielleicht kommen wir doch noch ins Gespräch“, gibt einer seiner Hoffnung Ausdruck. Denn ob sie wirklich vor Gericht ziehen wollen, das wissen sie nicht. „Gegen so einen großen Konzern hat man doch keine Chance“, meint er. Der Anwalt sehe zwar Chancen – doch für einen Gang durch alle Instanzen dürfte das Geld zu knapp werden. „Aber wir wollen nicht aufgeben – unsere Existenz hängt an den Läden.“

von Andreas Schmidt

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