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Übernahmestopp für Pflege-Azubis

UKGM Übernahmestopp für Pflege-Azubis

Der größte Ausbildungsbetrieb in der Region, das UKGM, wird dieses Jahr erstmals keine eigenen Bewerber aus der Krankenpflege übernehmen können. Das Thema sorgt in Marburg für Streit.

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Bei der jüngsten UKGM-Betriebsversammlung am 19. November in Marburg protestierten Auszubildende, die sich um ihre Zukunft sorgten.

Quelle: Archivfoto: Andreas Schmidt

Marburg. Das UKGM wirbt mit einem Film, der auch im Kino gezeigt wird, für seine 20 Ausbildungsberufe. Der beliebte Ausbildungsbetrieb galt bisher als Garant für eine gute Ausbildung mit Zukunftaussichten. Doch die Zukunft für die Krankenpflegeschüler, die in diesem Jahr ihre Ausbildung in Marburg beenden, sieht nicht rosig aus.

Zum 31. März schließen mehr als 20 angehende Krankenpfleger ihre Lehre ab, sie haben am Montag erfahren, dass sie definitiv nicht übernommen werden, erklärt Tobias Fischer, der die Interessen der jugendlichen Arbeitnehmer im Betriebsrat vertritt. „Die Auszubildenden haben in der Hochphase des Prüfungsstresses von dieser prekären Situation erfahren“, sagt Fischer.

Dr. Gunther K. Weiß, Ge­schäftsführer des UKGM Marburg, erklärt auf Anfrage der OP: „Wir hatten die Teilnehmer des aktuellen Kurses schon im Oktober vergangenen Jahres darauf hingewiesen und den Azubis empfohlen, sich gezielt an anderen Krankenhäusern zu bewerben.“ Fischer sagt, die UKGM-Chefs haben ihm und seinen jungen Kollegen erklärt, dass die Klinik aufgrund des wirtschaftlichen Drucks das Personal nicht übernehmen könne.

UKGM-Vertreter: Keine Stellen frei

„Wir sind als UKGM mit derzeit über 1300 Auszubildenden der größte Ausbildungsbetrieb in der Region. Mit über 630 Auszubildenden allein in den Pflegeberufen bilden wir seit vielen Jahren weit über unseren eigenen Bedarf hinaus aus. Wir tun dies gerne, da viele Krankenhäuser heute schon in Südeuropa oder sogar Asien nach qualifizierten Pflegekräften suchen müssen“, erklärt Weiß.

Es seien aber derzeit keine Stellen frei, sodass man den Auszubildenden kein Angebot machen könne, sagt Weiß. „Wir bedauern dies sehr“, erklären Weiß und Pflegedirektor Michael Reinecke in einer schriftlichen Antwort an die OP. Man sei sich aber sicher, dass die sehr gut ausgebildeten jungen Menschen mit ihrem in Marburg erworbenen Know-how beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt des Gesundheitswesens in der Region haben.

Weiß ist zuversichtlich, dass er im Herbst den Absolventen wieder Angebote machen könne. Aus Kreisen des UKGM ist aber zu hören, dass auch im Herbst ein Übernahme-Stopp bevorsteht. Der Abschlussjahrgang im Herbst ist mit rund 55 Auszubildenden deutlich größer als der jetzige.

Seit August 2009 wurden am UKGM Marburg 267 Schüler in der Pflege ausgebildet, von denen 123 nach der Ausbildung übernommen wurden. Alle anderen hatten sich laut UKGM an anderen Häusern beworben. Im jetzigen Abschlusskurs befinden sich laut UKGM 22 Auszubildende.

Betriebsrat kündigt „Gegenwind“ an

„17 Anträge auf Übernahme in ein Angestelltenverhältnis am UKGM liegen aktuell vor. Von diesen 17 Antragsstellern wird aufgrund seiner Funktion in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) einer übernommen“, erklärt das UKGM. Fischer betont, dass JAV-Mitglieder laut dem Betriebsverfassungsgesetz übernommen werden müssen – es hätte sonst einen Rechtsstreit gegeben, sagt Fischer.

Aber auch jetzt will der Betriebsrat „für Gegenwind“ sorgen. Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher und ihr Stellvertreter Wolfgang Demper erklärten, der Manteltarifvertrag schreibe dem UKGM die Übernahme von Auszubildenden vor.
Dort heißt es: „Die Tarifparteien gehen davon aus, dass alle Gesundheits-, Kranken- und Kinderkrankenpflegeschülerinnen (...) in unmittelbarem Anschluss an ihre Ausbildung in ein Arbeitsverhältnis übernommen werden können, sofern keine personen-, verhaltens-, betriebsbedingte oder gesetzliche Gründe entgegenstehen“. Der Betriebsrat fürchtet unterdessen einen anstehenden Stellenabbau, der Übernahme-Stopp sei einer der Schritte dafür.

Im November herrschte unter den Beschäftigten bereits Aufregung, weil das UKGM offensiv für Abfindungsverträge geworben hatte. Ein Stellenabbau solle dadurch nicht gefördert werden, man gehe von dem Abbau von 55 Stellen durch Fluktua­tion aus, hieß es.

von Anna Ntemiris

 
Zur Person

Tobias Fischer (21) ist seit August 2014 Vorsitzender der Gesamt-Jugend- und Auszubildendenvertretung des UKGM. Am Standort Marburg vertritt er bereits seit Mai die Interessen der 467 Auszubildenden. Seit Dezember ist er zudem Vorsitzender der Konzern-Jugend- und Auszubildendenvertretung der Rhön-Klinikum AG, die das UKGM betreibt. Er hat nach seiner Schulzeit in Kirchhain am UKGM eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger abgeschlossen.

Foto: Nadine Weigel

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