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Trauernde Tochter erhebt Vorwürfe

Uniklinikum Marburg Trauernde Tochter erhebt Vorwürfe

Die Angehörige einer verstorbenen Patientin erhebt schwere Vorwürfe gegen das Universitätsklinikum Gießen-Marburg: Sie beklagt lieblose Pflege und schwere Mängel in Kommunikation und Dokumentation.

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Eine Operation in einem Klinikum: In Marburg starb eine Patientin an den Folgen – und die Tochter erhebt schwere Vorwürfe gegen das Klinikum.

Quelle: OP

Marburg. Trotz ihres hohen Alters schien der Fall der Patientin K. (90) eigentlich ein Routinefall zu sein: Sie wurde nach einem Sturz in ihrer Wohnung mit einem Oberschenkelhalsbruch eingeliefert und operiert. Frau K. konnte nach den Aussagen ihrer Tochter am dritten Tag aufstehen und mit Hilfe des Pflegepersonals die Toilette aufsuchen.

Nach der Operation aber verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Patientin zusehends. Die Tochter, selbst Zahnärztin, wies, so berichtet sie heute, das Personal auf schon vor der OP deutlich erhöhte und weiter steigende Entzündungswerte bei ihrer Mutter hin. Die teilweise demente Frau war zunehmend schlechter ansprechbar und immer weniger in der Lage, zu essen oder zu trinken.

Trotz weiter steigender Entzündungswerte und weiterer Alarmzeichen wie hoher Blutdruck dauerte es, so der Vorwurf der Tochter, bis zum zehnten Tag nach der Operation, ehe eine Wundrevision gemacht wurde. Dass bei dieser Gelegenheit der gefürchtete Staphylococcus aureus festgestellt wurden, ein pennicillinresistentes Bakterium, das im Volksmund unter „Krankenhauskeim“ firmiert und bei Fachleuten MRSA genannt wird, führt die Tochter von Frau K. unter anderem darauf zurück, dass eine frühzeitige Antibiose nach der Operation nicht durchgeführt wurde. Frau K. erleidet weitere Komplikationen und verstirbt schließlich gut fünf Wochen nach der Operation.

Die Tochter beschwert sich schriftlich Ende Oktober. In einem Brief, der an den Aufsichtsratsvorsitzenden des Rhön-Klinikum, und die Chefärzte der Unfallchirurgie und der Gastroenterologie sowie an eine Oberärztin gerichtet ist beschwert sie sich über inkompetente, fahrlässige und lieblose Behandlung ihrer Mutter.

Professor Steffen Ruchholtz, der Chefarzt der Unfallchirurgie, begründet, warum Frau K. nach der Operation trotz hoher Entzündungswerte keine Antibiose erhalten hat, mit den „Gefahren einer ungezielten Antibiotikatherapie“. Ruchholtz machte die „deutlich eingeschränkte Kooperation und Kommunikation“ mit der Patientin dafür verantwortlich, dass die Komplikationen in Form einer tiefen Wundinfektion nicht zeitiger erkannt wurden.

Der ärztliche Direktor Professor Rainer Moosdorf räumt in seinem Antwortschreiben, ein, dass eine intravenöse Medikamentengabe angebracht gewesen wäre, nachdem Frau K. Tabletten wieder ausgespuckt hatte. Zu der von der Tochter angeklagten „lieblosen“ Pflege – unter anderem steht der Vorwurf im Raum, die Mutter sei vom Pflegepersonal angeschrien worden – schreibt Moosdorf: „Vieles ist im Nachhinein nicht mehr personenbezogen zu klären, Sie können aber in jedem Fall davon ausgehen, dass wir ... dafür Sorge tragen, dass hier in Zukunft verbesserte Abläufe realisiert werden.“

Die Tochter der Patientin K. kann inzwischen über den Tod ihrer Mutter reden. Sie wählt den Weg in die Öffentlichkeit, hat auch der OP alle Unterlagen zur Verfügung gestellt, aus denen zitiert wurde.
Professor Steffen Ruchholtz wehrt sich aber im OP-Gespräch gegen den Eindruck, am Universitätsklinikum werde schlechter gearbeitet als anderswo. Er verweist darauf, dass laut dem „Qualitätsreport 2009“ die Sterberate bei Patienten mit dem Krankheitsbild wie bei Frau K. in Marburg unter dem Bundesschnitt von 4,7 Prozent liegt. Und das, so Ruchholtz, obwohl die Patienten im Universitätsklinikum im Schnitt fast zehn Jahre älter sind als im Bundesdurchschnitt.

von Till Conrad

Mehr zu diesem Thema lesen Sie am Dienstag in der gedruckten OP.

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