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Trauer bestimmt den Firmenalltag

Menschen Trauer bestimmt den Firmenalltag

Im Dezember verlor Konrad Schweinsberger, Inhaber eines Heizungs- und Sanitärbetriebs, seinen 22-jährigen Sohn. Die Firma muss trotzdem weiter laufen, sie ist für die Familie existentiell.

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Reinhild und Konrad Schweinsberger aus Großseelheim zeigen ein Bild ihres verstorbenen Sohnes.

Quelle: Kristina Gerstenmaier

Marburg. Der Heizungssanitärmeister Konrad Schweinsberger sitzt zusammen mit seiner Frau Reinhild im Wohnzimmer des Hauses in Großseelheim. Zum Arbeiten hat der Inhaber der Klempnerei- und Installationsfirma Schweinsberger zurzeit wenig Lust, die Prioritäten im Leben haben sich verschoben, sagt er. Vor gut zwei Monaten starb sein Sohn: Er erlag eine Woche vor seinem 23. Geburtstag einem Gehirntumor. Seitdem hat sich Konrad Schweinsbergers Prioritätenliste - beruflich und privat - verändert.

Lange Zeit verdrängte der Vater das Thema Tod

Die Wohnzimmerwände sind mit Familienbildern bedeckt, auf vielen lächelt Andreas, über den seine Eltern sagen, er sei ein ruhiger, zufriedener und immer lachender Mensch gewesen. Auf einem kleinen Tisch im Hintergrund steht ein großes Porträtfoto, eine Kerze brennt. „Mein Bruder ist in meinen Armen gestorben, aber ein Kind zu verlieren, das schmerzt“, offenbart der 54-Jährige. „Das ist, als hätte man mir ein Stück von meinem Herz herausgeschnitten. Er wird immer fehlen.“

Am ersten Tag im Dezember war die Familie noch gemeinsam auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs, Sohn Andreas im Rollstuhl mit dabei. Als nur wenige Tage später eine Sterbebegleiterin ins Haus kam und der Familie mitteilte, Andreas werde den Kampf nicht überleben, da brach für Vater Konrad eine Welt zusammen. „Ich hatte diese Möglichkeit die ganze Zeit verdrängt. Zum Glück war meine Frau so vorausschauend. Andere Paare zerbrechen an so einem Schicksal, uns hat es zusammengeschweißt“, sagt er.

Andreas wollte den Betrieb übernehmen

Trotz der Belastung, trotz der anhaltenden Ungewissheit, trotz der Trauer über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand ihres Sohnes hatte Reinhild Schweinsberger Todesanzeigen aus der Zeitung als Vorlagen ausgeschnitten, hatte die Lieblingsmusikstücke ihres Sohnes zusammengesucht, hatte sich über Beerdigungsmodalitäten informiert. „Ich habe es von Anfang an gewusst“, sagt sie.

„Neun Monate braucht es, bis man geboren wird, 18 Jahre, um volljährig zu sein und von einer Sekunde auf die andere ändert sich das Leben. Das ist unfair.“ Diesen Spruch postete Andreas Schweinsberger auf Facebook, nachdem er im Oktober 2010 von dem Tumor erfahren hatte, der in seinem Kopf wuchs. Ein großer, kräftiger junger Mann war er gewesen. Er stand kurz vor seinem Abschluss als Elektriker - eine Prüfung fehlte noch - danach wollte er in der Firma seines Vaters einsteigen, in der auch schon sein älterer Bruder tätig war.

600 Trauergäste kamen, um Abschied zu nehmen

Dann fingen aber starke Kopfschmerzen an, ihn zu quälen. Als die Schmerztabletten nicht mehr halfen, fuhr man ihn in die Notaufnahme: In Andreas Kopf wucherte ein so genanntes Glioblastom des Härtegrads 4, ein Tumor groß wie ein Hühnerei. Es folgte eine erste Operation, dann Bestrahlung und Chemotherapie. „Es war schon niederschmetternd den Jungen so zu sehen, einen Kerl von 1,90 Metern“, erzählt Reinhild Schweinsberger. „Am Gründonnerstag haben wir dann die Hiobsbotschaft bekommen: nichts hatte angeschlagen.“ Eine zweite Operation folgte im April 2012. Volkstanz, Autos, Motorräder, der Jugendclub, seine Freundin, Horrorfilme und natürlich sein Handy; dafür hatte Andreas eine Leidenschaft. Er sei allseits beliebt gewesen, erzählt seine Mutter. Er hatte viele Freunde. Und zu seiner Beerdigung kamen etwa 600 Trauergäste. „Das hat uns geholfen, alleine hätten wir das nie geschafft.“

Nur in der letzten Lebenswoche musste Andreas liegen

Die Familie versuchte, so viel Zeit miteinander zu verbringen, wie möglich. Man fuhr in den Schwarzwald, nach Berlin, erfüllte dem Sohn jeden Wunsch. Doch die Termine bei dem behandelnden Oberarzt Professor Dr. Herwig Strik, wurden immer niederschmetternder.

Als es mit Andreas Gesundheitszustand immer weiter bergab ging, eine halbseitige Lähmung folgte und schließlich der Rollstuhl, baute Konrad Schweinsberger den Eingang des Hauses barrierefrei um und installierte einen Treppenlift in das obere Stockwerk. Nur in seiner letzten Lebenswoche kam Andreas ins Liegen, sein ständig bimmelndes Handy fiel ihm aus der Hand. „Er hatte keine Schmerzen, er war ganz stark und er hat bis zuletzt gehofft“, erinnert sich Reinhild Schweinsberger. „Und er hatte so ein großes Herz, er war ein so lieber Kerl, der immer lachte, bis zuletzt. Damit hat uns sogar noch gestärkt.“ Konrad Schweinsberger fügt hinzu: „Er war so groß und stark. Man fragt sich schon warum. Ich kann es nicht begreifen. Warum er. Man denkt immer, so etwas trifft nur die anderen.“

Nach diesem Gespräch muss Konrad Schweinsberger zu einem Termin, um seine Firma zu repräsentieren. Dass das Gespräch lange dauerte, stört ihn nicht. Er kann sich ohnehin kaum aufraffen. Die Prioritäten in seinem Leben haben sich verschoben. Doch als Selbstständiger kann er sich eine Auszeit kaum erlauben.

Hintergrund: Das Glioblastom

Das Glioblastom ist ein hirneigener Tumor, der sich aus den Gliazellen, dem Stützgewebe des Gehirns, entwickelt. Laut WHO-Klassifikation wird dieser aggressiv wachsende Tumor auf Grund seiner Bösartigkeit als Grad IV eingestuft. Etwa 5000 bis 6000 Neuerkrankungen werden pro Jahr in Deutschland registriert.

Damit machen Glioblastome etwa 1 Prozent der Tumorerkrankungen aus und kommen somit relativ selten vor. Die Ursachen sind bisher unklar, diese Art von Tumor schlage schicksalhaft zu, wie Professor Dr. Herwig Strik, Oberarzt der Neurologie und Neuroonkologie am Universitätsklinikum Marburg erläutert. Er betreute auch die Familie Schweinsberger. Der Ausgang der Erkrankung sei in diesem Fall von Anfang an klar gewesen, denn eine vollständige Entfernung des Tumors sei nicht möglich gewesen.
Die Zellen waren resistent gegen Therapiemaßnahmen. Andreas Schweinsberger sei ein untypisch junger Patient gewesen, bei dem sich der Tumor zudem sehr aggressiv entwickelt habe.

Im Blickpunkt:
Konrad Schweinsberger ist vielen Handwerkern in der Region bekannt: Er ist Obermeister der Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Marburg. Der 54-Jährige engagiert sich also auch ehrenamtlich für seinen Berufszweig. Wenn‘s mal klempt, ist er eigentlich immer da – das wissen seine Kollegen und Innungsmitglieder, aber in den letzten Wochen war er oft nur körperlich anwesend – Herz und Seele sind bei Sohn Andreas.

Kristina Gerstenmaier

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