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„Transfergesellschaft wäre eine Chance“

Johnson Controls „Transfergesellschaft wäre eine Chance“

Nach dem beschlossenen Aus des Werks in Friedensdorf laufen Gespräche zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung von Johnson Controls – es soll über Sozialplan und Interessensausgleich verhandelt werden.

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Das Aus für Johnson Controls in Friedensdorf ist beschlossen – der Betriebsrat wünscht sich eine Transfergesellschaft.

Quelle: Andreas Schmidt

Friedensdorf. Carmen Thomä, Betriebsratsvorsitzende des „Lahnwerks“, wie das Unternehmen landläufig heißt, sagt auf Anfrage der OP, dass „vordergründig der Betrieb derzeit ganz normal weiterläuft. Aber hintergründig will die Belegschaft natürlich wissen, was unmittelbar passiert und was als Nächstes ansteht.“

Bis zur endgültigen Schließung des Werks wird es noch dauern – das Unternehmen hatte vor drei Wochen mitgeteilt, dass man das Werk in Friedensdorf bis 2019 sukzessive abwickeln werde.
Johnson Controls begründet die Schließung mit einer „mangelnden wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit“. Das Werk in Friedensdorf habe in den vergangenen Jahren erhebliche Verluste verbucht.

Zahlreiche Automobilhersteller würden ihre Fertigungsstandorte nach Osteuropa verlegen – und in der Folge von den Zulieferern, zu denen auch Johnson Controls gehört, eine Preisbildung erwarten, die sich am Niveau von Osteuropa orientiere. Analysen des Werks in Friedensdorf hätten ergeben, dass dies nicht machbar sei.

„Wir haben nun erste Gespräche geführt, und es wurden bereits weitere Termine vereinbart“, sagt Carmen Thomä. Man befinde sich zunächst „noch ganz am Anfang in der Informationsphase vor allem über die wirtschaftliche Situation, aber es läuft auf Sozialplanverhandlungen hinaus“.

„Enttäuschung und Zorn“ 
in der Belegschaft

Es gebe bereits Mitarbeiter, die nicht so lange warten wollten und bereits gekündigt hätten. „Das hält sich im Moment aber noch im Rahmen“, so Thomä. Allerdings habe das Werk in der Vergangenheit schon zahlreiche Mitarbeiter verloren – „es wurde ja schon viel Personal abgebaut“, sagt die Vorsitzende. So seien Anfang 2015 noch knapp 900 Mitarbeiter beschäftigt gewesen, „derzeit sind wir bei gut 700 Leuten“.

Ein offizielles „Freiwilligenprogramm“, bei dem das Unternehmen kündigungswilligen Mitarbeitern eine Prämie zahlt, gebe es derzeit nicht, „die Leute verlassen das Unternehmen nach eigenen Verhandlungen“, erläutert Thomä.

Die Stimmung im Betrieb sei verständlicherweise nicht die beste, „aber es ist ähnlich wie zum Zeitpunkt der Bekanntgabe: Auch da war niemand wirklich überrascht, denn die Entwicklung in der Firma lief auf eine Schließung hinaus. Enttäuschung und Zorn sind aber trotzdem da.“

Thomä hatte schon lange bemängelt, dass das Friedensdorfer Werk keine neuen Aufträge bekäme. „Derzeit sind noch Aufträge vorhanden, die abgearbeitet werden. Aber die werden im Laufe der kommenden Monate auch auslaufen“, sagt sie. Was dann passiere, sei derzeit noch nicht abzusehen.

Die avisierte Werkschließung war auch Thema in der Politik: Sowohl der Kreistag als auch das Dautphetaler Parlament erklärte sich solidarisch mit den Beschäftigten und appellierte an die Firmenleitung, das Werk nicht zu schließen. Gebracht hat das bisher nichts – „aber der Zuspruch tut schon gut“, resümiert Thomä. So würden die Beschäftigten erleben, dass sie nicht alleine seien und die Politik sich für sie einsetze.

„Fachkräfte sind 
weiter stark gesucht“

Dennoch stehen die Zeichen derzeit so, dass bald gut 700 Mitarbeiter auf der Straße stehen werden. „Die Facharbeiter werden bestimmt gute Chancen haben, wieder unterzukommen“, meint Thomä. Problematisch sei jedoch der große Anteil von ungelernten Kräften, und auch für die älteren Mitarbeiter werde es schwierig. „Daher werden wir bei den Verhandlungen für die Schaffung einer Transfergesellschaft kämpfen.“

Dass der Arbeitsmarkt durchaus aufnahmefähig sei, bestätigt auch Gerhard Wenz, Bereichsleiter bei der Marburger Arbeitsagentur. „Fachkräfte sind weiter stark gesucht“, erläutert er. Doch auch er sieht Probleme bei den ungelernten Kräften – diese machten rund die Hälfte der Belegschaft aus. Zum Teil seien sie schon sehr lange im Unternehmen, denn sie hätten sehr gut verdient.

„Für sie wäre der Übergang in eine Transfergesellschaft eine gute Chance – aber ob die Firma einer Gesellschaft zustimmt, muss verhandelt werden“, sagt Wenz. Die Agentur für Arbeit zahle während der Zeit „Transferkurzarbeitergeld“ zwischen 60 und 67 Prozent – plus einem verhandelten Betrag, den das Unternehmen beisteuere. „In der Transfergesellschaft können die Mitarbeiter dann qualifiziert werden, damit sie wieder in Arbeit kommen“, erläutert Wenz.

Denkbar seien auch Prämien für Menschen, die besonders schnell wieder in Arbeit kommen – „als Anreiz, die Gesellschaft schnell wieder zu verlassen“.

von Andreas Schmidt

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