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Tradition wahren, Innovation wagen

Nachfolge im Mittelstand Tradition wahren, Innovation wagen

Wie sieht Nachfolge ganz praktisch aus? Eine Tagung der Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft der Uni Marburg rückte diese Frage in den Fokus.

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Die Talkrunde beim Forum „Wert(e)basierte Unternehmensführung im Mittelstand – Mittelhessische Unternehmertage“ moderierten im Stadtverordnetensitzungssaal Professor Michael Lingenfelder (links) und Michael Müller (von rechts). Norman Held, Dr. Anne-
Kathrin Roth, Markus Hartmann und Annette Klingelhöfer berichteten über ihre Erfahrungen als Nachfolger.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Loslassen. Dieses Verb fiel am Mittwoch häufig bei den mittelhessischen Unternehmertagen. Im Fokus stand das Thema Nachfolge im Mittelstand. Frauen und Männer aus der Praxis berichteten den rund hundert Teilnehmern über ihre persönlichen Erfahrungen als Nachfolger. Experten aus Wissenschaft und Verbänden stellten Fakten und Forschungsergebnisse dar.

Eine Aussage: „Etliche geschäftsführende Gesellschafter halten sich noch für 18.“ Das sagte Roland Reiser von der Creditreform Rating AG. Er stellte anhand von Zahlen dar, dass derzeit in der Region, aber auch ganz Deutschland, Nachfolger in mittelständischen Betrieben gesucht werden. Insgesamt knapp 3 000 Unternehmen haben in den nächsten Jahren in Hessen einen Bedarf an einer Nachfolgeregelung.

Emotionen spielen oft entscheidende Rolle

Oft werde jedoch zu spät über die Nachfolge entschieden, und ein weiteres Problem sei, dass Seniorchefs auch nach einer Übergaberegelung weiterhin in dem Betrieb tätig sind – nicht loslassen. Wenn dann Mitarbeiter am neuen Geschäftsführer vorbei Beschlüsse vom Seniorchef einholen, sei dies Gift für das Miteinander in einem Betrieb. Emotionen spielen in der Wirtschaft, insbesondere bei der Nachfolgefrage, eine große, wenn nicht gar entscheiden­de Rolle, erklärte auch Carsten 
Heustock von der Industrie- und Handelskammer Kassel-
 Marburg.

Er berät seit 17 Jahren Existenzgründer und Unternehmer, die einen Nachfolger suchen. 40.000 Betriebe und 140-000 Arbeitsplätze sind pro Jahr aufgrund nicht geregelter Unternehmensnachfolge in Deutschland gefährdet, besagt eine IHK-Statistik. 54 Prozent der Mittelständler regeln ihre Nachfolge innerhalb der Familie. Ein Drittel übergibt die Firma an externe Personen.

Heustock: „Gute Unternehmen finden Nachfolger“

Andere – insbesondere Unternehmer, die in der Gastronomie, im Handel oder Verkehrsgewerbe tätig sind – finden überhaupt keinen Nachfolger. Doch Heustock sagt grundsätzlich: „Gute Unternehmen finden Nachfolger.“ Schwierig sei für manchen Inhaber, herauszufinden, wann er wie und wem offenbart, dass er auf der Suche nach einem Nachfolger ist. Heustock empfiehlt, mehrere Wege parallel zu gehen.

Kontakte in Netzwerken, anonyme Anzeigen – etwa über ein Portal der IHK – seien zum Beispiel möglich. Ein Berater oder Coach könne bei der Übergangsregelung helfen. Möglich ist auch, dass ein leitender Angestellter zum Nachfolger erkoren wird. Ein Beispiel dafür ist Norman Held von der Wetzlarer Firma Auto-Schach. Er erhielt vor zwei Jahren als Führungskraft das Angebot, Anteile zu übernehmen.

Da er sich schon immer gewünscht hatte, einmal selbstständig zu werden, nahm er das Angebot sofort wahr, berichtete er in einer Talkrunde den Zuhörern – die meisten von ihnen Inhaber oder Führungskräfte aus dem Mittelstand in der Region.

Gefahr der „Deformation des Lebensstils“

„Was unterscheidet den Unternehmer Held vom langjährigen Mitarbeiter“, fragte Professor Michael Lingenfelder. Der Wirtschaftswissenschaftler der Philipps-Universität moderierte die Talkrunde gemeinsam mit Michael Müller von der Volksbank Mittelhessen. „Ich hoffe nichts“, so Held. Er denke, dass er fachlich und menschlich der selbe sei. Lingenfelder berichtete, dass bei anderen Nachfolgern auch „Deformationen des Lebensstils“ festzustellen seien.

Um so etwas zu vermeiden, setzt Dr. Anne-Kathrin Roth auf die Unternehmensgrundsätze, 
die ihr Vater Manfred Roth (Roth Werke in Buchenau) eingeführt habe. Die Kultur und die Werte, die ihr Vater ins Unternehmen eingebracht hat, wolle sie als eine von drei Nachfolgern leben, erklärte sie. „Wichtig ist die Identifikation mit dem Unternehmen“, rät die Ökonomin künftigen Nachfolgern. Schon als Kind habe sie den Betrieb ihres Vaters erleben dürfen.

Auch wenn dieser versucht habe, Probleme aus dem Arbeitsalltag von der Familie fernzuhalten, habe sie dennoch mitbekommen, dass das Unternehmen trotz aller Erfolge keine heile Welt ist. Schwierige Themen könne man nur durch Zusammenhalt in der Familie 
bewältigen. Ähnlich äußerte sich auch Annette Klingel­höfer, die als Nachfolgerin des Unternehmens Konditorei Klingel­höfer sprach.

Austausch zwischen Unternehmern und Studenten

Für sie stand aber im Gegensatz zu Roth schon als Kind fest, dass sie einmal das Geschäft ihrer Eltern übernehmen wird. Sie wolle die Tradition ihres Unternehmens, das sie – gemeinsam mit dem Vater – in der fünften Generation führt, andererseits aber auch die Mitarbeiter und Stammkunden für Innovationen und neue Ideen begeistern. „Das ist eine große Herausforderung“, sagte sie.

Markus Hartmann von der Firma Kälte Klima Geschwill GmbH berichtete über seine Erfahrungen als Käufer eines Unternehmens. Auch das Thema Kaufverhandlungen und Finanzierung stand auf der Tages­
ordnung des Kongresses, der auch den Austausch zwischen Unternehmern und Studenten förderte.

von Anna Ntemiris

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