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Tischler buhlen um Gymnasiasten

Nachwuchsgewinnung Tischler buhlen um Gymnasiasten

Die Jahreshauptversammlung der Marburger Tischlerinnung stand im Zeichen von Nachwuchsförderung und Gesundheitsvorsorge.

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Der Vorstand der Tischler-Innung: Dirk Schmitz (von links), Obermeister Stephan Becker, Norbert Schneider, Walter Ortmüller, Fritz Wolf und Guido Textor.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Die körperliche Fitness spielt im Tischlerhandwerk eine besondere Rolle. „Leider wird der Betriebsarzt mittlerweile nicht mehr von der Berufsgenossenschaft gestellt, wir müssen uns also nun darum kümmern, immer einen entsprechend zertifizierten Mediziner bei der Hand zu haben, der etwa die Lärmbelastung vernünftig einschätzen kann“, sagte Obermeister Stephan Becker.

Doch auch die Prävention spiele in Zeiten immer älter werdender Angestellter eine zunehmend größere Rolle. Daher hatte die Innung Gabriele Graf-Weber von der IKK als Gastrednerin eingeladen.

„Mittlerweile ist das Durchschnittsalter im Handwerk von 36 Jahren in 2004 auf etwa 41 Jahre in 2013 angestiegen, da bleibt es nicht aus, dass die Leute öfter und länger ausfallen. Wenn sie dem entgegenwirken möchten, empfiehlt es sich, die Arbeit immer wieder kurz zugunsten kurzer Yoga-Übungen vor allem für den Rücken zu unterbrechen“, sagte sie.

Nach den derzeitigen Statistiken gingen rund 40 Prozent der chronischen Erkrankungen im Gewerbe auf den Muskel-Skelett-Bereich zurück – und dabei spiele die Wirbelsäule eine große Rolle. „Wir haben bei uns errechnet, dass sich jeder Euro, den Unternehmen in die Prävention stecken, im Schnitt auf Dauer doppelt auszahlt“, so Graf-Weber.

Kompliziertes Handwerk braucht geistig fitte Leute

Doch auch am anderen Ende der Alters-Skala sehen die Tischler Handlungsbedarf: Die Jugendförderung war das große Thema von Lehrlingswart Norbert Schneider. „Grundsätzlich ist die Lage bei uns Tischlern derzeit noch ganz gut, aber natürlich müssen wir da am Ball bleiben, was gerade bei den Gymnasien schwierig ist.“

Obermeister Becker ergänzte: „Auch das Tischlerhandwerk wird nun einmal durch den Anstieg an Technik und Vorgaben immer komplizierter, wir brauchen auch mehr geistig wirklich fitte Lehrlinge. Da mittlerweile immer mehr junge Leute sowieso nur noch aufs Gymnasium gehen, müssen wir da ran.“

Problematisch werde es jedoch beim Grundverständnis der Schulen, denn nach den Erfahrungen der Tischler-Innung sähen sich die Gymnasien in der Pflicht, vorrangig für die Hochschulen auszubilden.

„Bei Haupt- und Realschulen gibt es an Bildungstagen oder in Handwerkswochen immer eine gute Zusammenarbeit, aber bei den Gymnasien müssen wir uns meist mit schlechten Plätzen und wenig Aufmerksamkeit abfinden“, so Schneider. Dabei zeige die Erfahrung: Mit Abitur und Uni würden auch nicht alle glücklich oder bekämen einen Job.

„Solange vonseiten der Bildungsbehörden kein Umdenken einsetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als uns vermehrt um die Studienabbrecher zu bemühen“, ist sich Schneider sicher. Das bedeute für die Innung jedoch einen nicht unerheblichen Mehraufwand, denn im Gegensatz zur Industrie mit entsprechend professionellen Personalern erfolgten die Anwerbe­bemühungen im Handwerk traditionell ehrenamtlich.

  • Walter Ortmüller wurde bei der Versammlung für sein 25-jähriges Meisterjubiläum mit einer Urkunde der Handwerkskammer geehrt.

von Marcus Hergenhan

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