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Thiemann: Ärzte müssen auch ökonomisch denken

Interview Thiemann: Ärzte müssen auch ökonomisch denken

Thiemann, selbst Betriebswirt und Arzt, will neue Spielregeln für Klinikdirektoren aufstellen: Wer schlechte wirtschaftliche Ergebnisse liefert, soll für seine Abteilungen künftig auch weniger Geld erhalten.

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Dr. Holger Thiemann (52), Kaufmännischer Geschäftsführer am UKGM-Standort Marburg, stellte sich im OP-Interview den Fragen von Till Conrad und Anna Ntemiris.

Quelle: Thorsten Richter

OP: Warum haben Sie sich Ende vergangenen Jahres dafür entschieden, Geschäftsführer am UKGM in Marburg zu werden?
Dr. Holger Thiemann: Zum einen hat es mich gefreut, wieder nach Marburg zu kommen, wo ich bis 1996 14 Jahre gelebt habe. Ich habe hier sechs Jahre Medizin studiert und acht Jahre als Unternehmer gearbeitet. Zum anderen hat mich die Aufgabe gereizt. Einige meiner Freunde und Kollegen sagten: Das ist der schwierigste Medizininmanager-Job Deutschlands.
OP: Und ist er es?
Thiemann: Zumindest ist es der schönste Job. Er ist spannend, weil er Medizin und Ökonomie sehr gut vereint. Wir sind in der Krankenhauswelt vorzeigbar. Der Geschäftsführer des drittgrößten Universitätsklinikums und des ersten privatisierten zu sein, das reizt. Wir betreten in vielen Bereichen Neuland. Wir können die privatisierte Hochschulmedizin neu für Deutschland definieren.
OP: Noch immer gelingt es dem UKGM nicht, in der Öffentlichkeit wieder Vertrauen herzustellen. Die wichtigsten Institutionen der deutschen Hochschulmedizin fällen ein verheerendes Urteil über das Ergebnis der Privatisierung und fordern, die Universitätsmedizin sollte grundsätzlich als Teil der staatlichen Daseinsfürsorge öffentlich-rechtlich organisiert sein. Ist das UKGM tatsächlich noch der Leuchtturm oder haben Sie zumindest Hoffnung, dass der Betrieb wirtschaftlich organisiert werden kann?
Thiemann: Ich glaube insgesamt, dass die Hochschulmedizin keine einfache Aufgabe hat. Die öffentlich-rechtlichen Hochschulen haben es im Moment auch sehr schwer. Meine Arbeit wäre an einer nicht-privatisierten Klinik nicht viel anders. Daher halte ich die Diskussion nicht ganz für sachgerecht.

„Die Hochschule hat keine einfache Aufgabe“

OP: Nochmal: Wie kann der Betrieb wirtschaftlich organisiert werden?
Thiemann: Wir übernehmen viele Aufgaben, aus denen sich andere Kliniken und Praxen zurückziehen. Zum Beispiel die Aus- und Weiterbildung von Medizinern. Wir stellen uns dieser Verantwortung. Wir haben rund 300 Mediziner in Ausbildung, und die Hälfte unserer Ärzte ist in Weiterbildung. Zur Wirtschaftlichkeit gehört dabei aber auch, dass wir den Kostenaufwand dafür benennen und gerecht verteilen müssen. Das heißt, dass die  Kliniken, die die Weiterbildung übernehmen, sollten dafür eine gewisse Vergütung bekommen. Kliniken, die das nicht machen, sollten dagegen eine Abgabe zahlen – ähnlich wie dies in der Industrie oder im Handwerk bereits üblich ist.  Ich werde mit dem ärztlichen Geschäftsführer Jochen Werner neue Konzepte für die Aus- und Weiterbildung von Medizinern vorlegen.

OP: Der Chefarzt der Zukunft soll also ökonomisches Denken haben, ein Gesundheitsmanager sein. Was ist Ihnen wichtiger, der hippokratische Eid oder die Frage, lohnt sich die oder jene Behandlung bei gewissen Patienten?
Thiemann: Als Maximalversorger bieten wir ein breites medizinisches Angebot an, das für alle Patienten ausgelegt ist und nicht nur für  die Fälle, bei denen man gut verdient. Gerade deshalb ist es wichtig immer im Blick zu haben, dass die Budgets der Kliniken im Sinne der Patientenbehandlung wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt werden. Längst werden in Stellenausschreibungen für Ärzte auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse gefordert. Für mich sind Ökonomie und Krankenversorgung zwei Seiten einer Medaille. Der Chefarzt einer Klinik verantwortet hohe Summen. In  der Uniklinik Marburg haben aktuell 20 Oberärzte und Klinikdirektoren auf eigene Initiative und finanziert aus privaten Mitteln ein betriebswirtschaftliches Studium nebenher abgeschlossen. Dieses Engagement wollen wir künftig fördern. Wenn jemand Oberarzt wird, soll er bei uns ein Führungskräftetraining oder eine betriebswirtschaftliche Schulung absolvieren können.

OP: Und was ist mit der Ausbildung der anderen Berufsgruppen?
Thiemann:   Wir wollen die Ausbildung für die Pflegeberufe in einer Akademie zusammenfassen und einen Akademie-Koordinator dafür suchen. Im Moment hat jedes kleine Institut eine eigene Leitung, ein eigenes Budget.  Mit dem Fortschritt in der Medizin steigen die Anforderungen nicht nur für Ärzte, sondern auch für das Pflegepersonal und andere Berufsgruppen wie zum Beispiel Physiotherapeuten an eine qualifizierte und teils auch stärker spezialisierte Ausbildung. Wir werden spätestens 2014 damit anfangen, neue Angebote zu entwickeln und anzubieten, höchstwahrscheinlich mit einem in diesem Bereich erfahrenen Partner. 
OP: Sie wollen eine Medizinische Hochschule Mittelhessen gründen?
Thiemann : Eher „Praxishochschule Marburg“. Wichtig ist, dass wir für die Region und überregional einen attraktiven Studiengang schaffen, wo Interessenten neben dem Staatsexamen in der Pflege oder in Physiotherapie noch einen Bachelorstudiengang parallel absolvieren können. Das ist ein Thema, das auch für die Gesundheitsregion Marburg-Biedenkopf wichtig ist. Wir sind hier  der größte Arbeitgeber in der Region. Das ist eine Verantwortung, die wir ernst nehmen und deshalb mit innovativen Konzepten, gerade in der Ausbildung, unsere Mitarbeiter zukunftsfähig machen wollen.
Notfallversorgung muss verbessert werden.

„Für mich sind Ökonomie und Krankenversorgung zwei Seiten einer Medaille“
OP: Kann man den Betrieb am UKGM irgendwann wirtschaftlich organisieren?
Thiemann: Das ist eine meiner Aufgaben. Ich glaube, dass die Universitäts-Kliniken ansprechende Margen haben sollten. Wichtig ist hierbei, über Weiterbildungszuschüsse zu sprechen und mit den Krankenkassen zu verhandeln, für innovative Behandlungsmethoden eine entsprechende Refinanzierung zu bekommen.

OP: Sie sind ja schon seit acht Monaten Geschäftsführer. Das ist im Vergleich zu Ihren Vorgängern ja fast eine lange Zeit.
Thiemann : Viele wünschen sich Kontinuität – unabhängig von meiner Person – , damit systematisch Dinge angegangen werden können. Wir sind dabei, die medizinischen Abläufe stetig zu verbessern. Hier in Marburg ist meine Fakultät, an der ich studiert habe und promoviert bin. Ich habe für mich keine kurzfristige Perspektive, sondern plane, die nächsten fünf oder zehn Jahre  gemeinsam mit Professor  Werner den Standort in eine sichere Zukunft zu führen.

OP : Ist es unter der Maßgabe der Fallpauschalen überhaupt noch möglich, Geld zu verdienen? Oder müssen Sie sich noch Einnahmequellen, zum Beispiel durch Facharztausbildung sichern?
Thiemann: Die Profitabilität der einzelnen Kliniken ist sehr unterschiedlich. Ich glaube, dass gute Medizin auch wirtschaftlich erfolgreich ist. Wer gute Autos baut, ist auch erfolgreich. Ein Beispiel: In der Neurologie sind wir auf der Focus-Liste auf Platz 1. Hochschullehrer wissen, dass sie im harten Wettbewerb stehen. Sie sind es gewöhnt, für knappe Ressourcen zu kämpfen. In der Universität gibt es das System der Leistungsorientierten Mittel (LOM). Der Dekan des Fachbereichs Medizin vergibt solche LOM. Wir nicht, denken aber darüber nach, künftig wirtschaftliche Zuweisungen nach Betriebsergebnis zu staffeln. Wir wollen eine fordernde Solidarität, damit alle Bereiche eine gewisse Wirtschaftlichkeit haben. Es kann nicht dauerhaft sein, dass einige Bereiche immer wieder gute wirtschaftliche Ergebnisse liefern und die anderen nicht. Wir werden mit den Klinikdirektoren neue Spielregeln aufstellen müssen. Professor Werner und ich würden als Schiedsrichter schauen und coachen. Natürlich werden die, die am Ende nicht so viel Geld bekommen, zunächst nicht so begeistert sein.
OP: Welche kostenentlastenden Maßnahmen haben Sie bisher durchgesetzt?
Thiemann: Ich persönlich habe gar nicht so viel umgesetzt. Wir haben ein Leistungszuwachs in Marburg, auch durch Neubesetzungen. Wir haben mehr Patienten und mehr komplexere Behandlungen. Wir versprechen uns Ende 2013 den Zuwachs, durch Dinge, die wir jetzt vorbereiten. Am 21. August bekommen wir einen neuen Pflegedirektor. Wir haben Strukturen verbessert.

OP: Welche?
Thiemann: Zum Beispiel die Umstrukturierung der Pflege: Problematisch ist es, wenn ein Patient zum Beispiel vier Tage von uns versorgt wird, die häusliche Weiterversorgung aber nicht gewährleistet ist. Wir haben immer mehr Menschen, die sich nach einer gesundheitlichen Krise nicht mehr allein versorgen können. Die kann ich nicht nach vier Tagen auf die Straße setzen, wenn keine Angehörigen da sind. Unsere Herausforderung wird mit den regionalen Reha-Kliniken sein, die zügige Weiterversorgung neu zu regeln. Wir bekommen die Wartezeit nämlich nicht bezahlt und für den Patienten beginnt das Training später. Wir brauchen Casemanager, die sofort da sind, um die Weiterversorgung zu regeln. Denn Patienten, die hier länger bleiben müssen, als medizinisch notwendig gehen auch zu Lasten der Wirtschaftlichkeit.
Wir haben derzeit noch in einigen Bereichen eine Verweildauer, die 20 Prozent über den offiziell geltenden indikationsspezifischen Verweildauern liegen, die von den Kostenträgern im Rahmen der Umstellung auf das DRG-Fallpauschalensystem bei der Bemessung der Leistungsentgelte zugrunde gelegt werden. Dies ist keine Erfindung des UKGM, sondern die der Selbstverwaltung beziehungsweise die des Gesetzgebers.

„Hier in Marburg ist meine Fakultät“

OP : Es gibt Abteilungen, die Sorge vor Outsourcing haben. Eine  davon ist die Physiotherapie. Sie haben die Geschäfts-Leitung der Physiotherapie, die bislang der Orthopädie unterstellt war, übernommen.
Thiemann: Die Physiotherapie ist ein gutes Beispiel für den Wandel. Die medizinische Trainingstherapie wird kaum von Patienten genutzt, weil wir keine Rehaklinik sind. Die Physiotherapie eines Großklinikums findet mittlerweile zu einem relevanten Anteil auf der Intensivstation statt. Die Physiotherapeuten gehen auf die einzelnen Stationen, erbringen dort ihre mobilen Leistungen wie Atem- und Bewegungstraining. Wir sind dabei, die Wirtschaftlichkeit neu zu überprüfen, damit die Kollegen auch genau dort eingesetzt werden, wo sie von Patienten gebraucht werden.

OP : Das ist jetzt aber kein Argument gegen Outsourcing. Die Abteilung ist nicht wirtschaftlich, Sie wollen Sie aber halten?
Thiemann: Natürlich. Das Knowhow hat von außen keiner, wir sollten die Kompetenz daher eher ausbauen. Aber die internen Dienstleister sollten ein eigenes Budget haben und einen Leistungspreis bekommen, den die anfordernden Kliniken, zum Beispiel die Orthopädie zahlt. Die Preise sollten marktgerecht sein, damit die Klinik nicht mehr zahlt, als wenn sie eine externe Praxis beauftragt hätte.

OP : Wie sieht es mit der Kooperation mit dem Diakoniekrankenhaus Wehrda aus?
Thiemann: Wehrda ist Lehrkrankenhaus, und wir kooperieren mit der Geriatrie in Wehrda. Die geriatrische Weiterbehandlung ist ein Problem. Wenn die Behandlung eines alten multimorbiden Menschen bei uns abgeschlossen ist, muss sich die  geriatrische unmittelbar anschließen. Da können wir nicht Tage warten bis ein Platz in den Geriatrien in Wehrda oder Bad Endbach frei wird. Immer dann, wenn wir die Probleme behalten, denken wir darüber nach, die Versorgung selbst zu machen.

OP: Sie bauen eine Geriatrie auf?
Thiemann: Schlimmstenfalls müssten wir reagieren und das selber machen, wenn es nicht klappt. Das wäre die ultima ratio. Wir wünschen uns jedoch Partner, die die strukturierte Weiterversorgung übernehmen.

OP: Die Notfallversorgung ist auch ein Beispiel für eine Partnerschaft, die aus Ihrer Sicht verbessert werden muss?
Thiemann: Ja, das ist ein Problem und eine Herausforderung. Wir freuen uns über den wachsenden Zuspruch in unserer Notfallambulanz. 40 Prozent derjenigen, die unsere Notfallambulanz betreten, sind wirklich krankenhauspflichtige Notfälle. 20 Prozent gehören eigentlich zur Notfallaufnahme der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nach Wehrda. Wenn die KV immer mehr Notfallpraxen schließt, erwarten wir weiteren Zuwachs. Lange Wartezeiten wollen wir künftig bei uns vermeiden, indem wir im Bedarfsfall durch einen Bereitschaftsdienst das Personal aufstocken können.

OP: Bei der Hochschulmedizin gab es Probleme bei der Trennungsrechnung zwischen dem UGKM und der Philipps-Universität. Wie ist der Streit ausgegangen?
Thiemann: Wir starten in Marburg und Gießen ein gemeinsames Projekt und beleuchten mit externer Unterstützung von zwei Beratungsgesellschaften Felder in Forschung und Lehre, die laut Vertrag immer wieder kritisch waren. Wir hatten jetzt eine Informationsveranstaltung dazu, ich habe den Eindruck, dass man sich der Sache vernünftig nähert. Das Ganze wird hoffentlich dazu führen, dass man für beide Seiten verlässliche Handlungsgrundlagen hat. Erreicht werden sollen zukünftig abgestimmte prospektive Budgets.

von Anna Ntemiris und Till Conrad

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