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„Angst vor einem Outlet ist nicht begründet“

Teka-Chef Bernd Brinkmann „Angst vor einem Outlet ist nicht begründet“

Laut Bernd Brinkmann muss der Einzelhandel in Marburg keine Angst vor der Outlet-Konkurrenz haben. Denn der Teka-Chef hat ein weiteres Haus in Homburg – wenige Kilometer vom Outlet Zweibrücken entfernt.

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In Outlet-Centern herrscht quasi immer „Sale“. Teka-Inhaber Bernd Brinkmann ist der Meinung, der heimische Handel müsste die Eröffnung eines Outlets nicht fürchten.

Quelle: Lukas Schulze

Marburg. Die mögliche Ansiedlung eines Outlet-Centers in Pohlheim bei Gießen bewegt die Gemüter. Unter anderem hat sich die Marburger Stadtpolitik eingeschaltet und Widerstand gegen das mögliche Center angekündigt – um die Händler in Marburg und vor allem in der Oberstadt zu schützen.

Bernd Brinkmann, Inhaber des Kaufhauses Teka in der Marburger Bahnhofstraße, kann die Aufregung des Handels zwar verstehen – doch aus eigener Erfahrung weiß er, dass die Sorgen unbegründet sind. Denn: Im „Saarpfalz Center“ in Homburg an der Saar betreibt Brinkmann das Kaufhaus „Brinkmann ­Mode und mehr“ mit 3.000 Quadratmetern Fläche – knapp 20 Kilometer entfernt vom Fashion Outlet Center Zweibrücken.

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„Ich hatte damals – wie auch viele meiner Kollegen – riesige­ Ängste, als die Planungen für das Outlet konkret wurden“, erinnert sich Brinkmann. Die Händler seien Sturm gelaufen, „es war für uns eine Horror-Vorstellung, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ein Outlet eröffnet“, sagt Brinkmann. Doch bis zum heutigen Tage habe das Geschäft in Homburg nicht unter dem Factory-Outlet gelitten. „Wir haben damals mit der Einschätzung falsch gelegen“, gibt er heute zu, „und ich muss sagen: Da liegt man gerne falsch“, sagt er schmunzelnd.

Für ihn steht fest: „Die Angst vor einem Outlet ist nicht begründet.“ Das heiße aber nicht, dass er für ein solches Center plädiere, „denn in Zweibrücken selbst hat es durchaus Auswirkungen gegeben“, sagt Brinkmann. Wenn er an Pohlheim und die umliegenden klassischen Händler denke, „dann wird es bestimmt Auswirkungen geben“, ist er sicher. Eine Einschränkung macht Bernd Brinkmann jedoch: „Der Sporthandel hat immens gelitten.“

Großkonzerne sind größere Bedrohung für den Handel

Die Erfahrungen Brinkmanns werden durch Untersuchungen des Dienstleisters Ecostra unterstützt: Demnach habe die Innenstadtlage von Zweibrücken durchaus unter zum Teil signifikanten Umsatzeinbrüchen zu leiden – betroffen gewesen sei vor allem die Sportartikel-Branche, heißt es in einem der OP vorliegenden Papier.

Gleichwohl hätten laut empirischer Studie sechs bis sieben Prozent der Outlet-Besucher auch die Innenstadt der Standortgemeinde besucht – Experten gingen jedoch von deutlich geringeren Werten aus.

Bernd Brinkmann verdeutlicht, dass der Handel in Marburg durchaus vielfältig sei und einen guten Stand habe. Gravierender, als die Bedrohung durch ein eventuelles Outlet-Center sei die Bedrohung durch Großkonzerne. So gehe beispielsweise Lidl den schleichenden Weg in die Mode. „Die nehmen Edel-Designer und bieten deren Shirts oder Ähnliches für 20 Euro an, die im Fachhandel ein Vielfaches kosten“, konkretisiert er. Im Fachhandel sei die Ware­ durchaus von besserer Qualität, „das ist für den Kunden aber nur schwer nachvollziehbar“, sagt der Kaufhaus-Chef.

„Die Macht, die Lidl und Co. über die Industrie – und letztendlich über unsere Lieferanten – haben, ist das Problem. Denn wir Händler des Mittelstands können bei diesen Mengen, die Großunternehmen abnehmen, nur schwer mithalten.“

Für ihn ist klar: „Die Lieferanten müssen Container füllen und brauchen Masse. Die können nicht von einer kleinen Teka in der Bahnhofstraße leben.“ In der Folge seien sie im Endeffekt diesen Großunternehmen ausgeliefert.

Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann (CDU) reagiert auf die Kritik aus Marburg, Gießen und Wetzlar: „Man sollte nicht den Fehler machen und ohne fundierte Zahlen und Projektkenntnisse das Projekt schlechtreden“, sagt er auf OP-Anfrage. Die Bedrohung für den Einzelhandel in der Region gehe vom Internetversandhandel, nicht von einem möglichen Outlet, zu dem noch keine Gutachten vorliegen, aus.

Aktuell gebe es einen der großen Anbieter des Internethandels, der auch an der Fläche in Pohlheim interessiert sei. „Wir reden hier von 1.600 Lkw-Bewegungen pro Tag, 24 Stunden lang.“ Bei diesem Vorhaben wäre sowohl die Belastung für Pohlheim, als auch für den gesamten Einzelhandel wesentlich größer.

Den Autobahnanschluss gibt es quasi als Zugabe

„Groteskerweise wäre ein solches Vorhaben an gleicher Stelle sofort ohne Abweichungsantrag genehmigungsfähig.“ Eine solche Zielabweichung strebt Pohlheim an: „Jede Kommune sollte eine faire Chance bekommen, seine Ideen zur Weiterentwicklung der Region vorzutragen und gegebenenfalls auch durch Abweichungsanträge genehmigt zu bekommen“, sagt Schöffmann. Bis dahin seien viele Analysen und Gutachten nötig.

Es gehe aber nicht nur um den Bau eines Outlets, das Gewerbegebiet insgesamt wolle man entwickeln. Dadurch komme die „gesamte Wertschöpfungskette von Arbeitsplätzen, Grundsteuern und Gewerbesteuern für die Stadt Pohlheim zum Tragen“. Einen seit über 20 Jahren gewünschten Autobahnanschluss „gäbe es als Zugabe dazu“.

von Andreas Schmidt und Björn Wisker

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