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Süßwarenindustrie wartet auf die WM

Ferrero-Chef im Interview Süßwarenindustrie wartet auf die WM

Er vertritt nicht nur eine  große Schokoladen-Firma, sondern auch die Interessen von rund 200 Unternehmen: Stephan Nießner ist Lobbyist.

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Quelle: Thorsten Richter

Das Wort Lobbyverband hat in Deutschland zu Unrecht einen negativen Ruf, sagt Stephan Nießner. Der Geschäftsführer von Ferrero Deutschland wurde kürzlich zum Vorsitzenden des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) gewählt. In dieser Position vertritt er die wirtschaftlichen Interessen von über 200 meist mittelständischen Unternehmen. „Verbandsarbeit zu betreiben bedeutet auch, der Politik Informationen über die Branche zu geben, die sie sonst nicht bekommen würde“, erklärt er.

Ferrero-Chef beklagt "bürokratische Überregulierung"

Sein Vorgänger Dr. Dietmar Kendziur (ebenfalls Ferrero) kandidierte aus Altersgründen nicht mehr für den BDSI-Vorsitz.
Dem Vorstand des BDSI gehört Nießner bereits seit 15 Jahren an, der  Firma Ferrero sogar seit 21 Jahren, daher sei die Verbandsarbeit für ihn nicht wirklich neu. Neu ist, dass er noch mehr Termine wahrnimmt als vorher: Fahrten vom Ferrero-Sitz in Frankfurt zum Werk in Stadtallendorf gehören ebenso dazu wie Termine in Bonn, wo der BDSI seinen Sitz hat. Bonn ist für den BDSI ein guter Standort – dort ist das Bundesverbraucherministerium und Brüssel ist von dort aus gut erreichbar. In Brüssel, so Nießner, werden immer kompliziertere Richtlinien erlassen, die weder Verbrauchern noch den Fachleuten in den Unternehmen im Detail verständlich seien. Er beklagt eine bürokratische Überregulierung. Ein Übermaß an Kennzeichnungsauflagen ersetze nicht die Verbraucheraufklärung. Abgesehen von den EU-Vorgaben kann sich die Branche nicht beklagen. Süßwaren finden immer Abnehmer.

"Fürs nächste Jahr sind wir verhalten optimistisch"

„Die deutsche Süßwarenbranche ist seit 39 Jahren Exportweltmeister”, sagt Nießner. Und sie habe noch Wachstumsmöglichkeiten – deutsche Produkte sind im Ausland immer beliebter. Nahezu jede zweite Tonne deutscher Süßigkeiten geht in den Export. Der deutsche Markt dagegen ist gesättigt. Derzeit allerdings hat Süßes Hochkonjunktur, denn die Vorweihnachtszeit ist Festzeit für die Süßwarenhersteller. „Unsere Branche ist sehr stark wetterabhängig, denn zum Verband gehören auch Hersteller von Speiseeis oder Knabbergebäck. Eis lief ganz schlecht im kalten Frühsommer, dafür wurde viel Schokolade verkauft“,  so Nießner. Salzstangen und Chips laufen bei sportlichen Großereignissen besonders gut. Die Süßwarenhersteller freuen sich also auf die Fußball-WM in Brasilien im nächsten Jahr. Eine Prognose für das Gesamtjahr 2013 kann der BDSI-Vorsitzende noch nicht abgeben: Das erste Halbjahr schloss mit einem leichten Plus ab. „Fürs nächste Jahr sind wir verhalten optimistisch.” Steigerungen seien nur auf kleinem Niveau zu erwarten. Im vergangenen Jahr machten die Verbandsmitglieder, darunter Ferrero, Oetker, Nestle oder Storck, einen Umsatz von 12,7 Milliarden Euro.

Vier Fragen - Vier Antworten:

OP: Süßigkeiten werden häufig als Dickmacher oder Fettbombe bezeichnet. Was sagen Sie dazu?
Nießner: Süßwaren und Knabberartikel sind nicht zum Sattessen da, sondern bescheren uns Wohlfühlmomente. Ob die Ernährung insgesamt ausgewogen ist, hängt immer davon ab, in welcher Menge die einzelnen Lebensmittel gegessen werden und ob eine vielfältige Auswahl getroffen wird. Die deutsche Süßwarenindustrie stellt in Deutschland Produkte von hoher Qualität und Sicherheit her, die zu Genuss und Lebensfreude beitragen und  zu einer ausgewogenen Ernährung gehören. Die Hersteller richten sich bei den Rezepturen ihrer Produkte nach dem Geschmack der Verbraucher. Der Klassiker ist immer noch die Milchschokolade, Zartbitter wird populärer. Änderungen der Rezepturen einiger Lebensmittel oder gar Verbote für bestimmte Süßwaren sind der falsche Weg zur Förderung eines gesunden Lebensstils. Auch die Einschränkung der Werbefreiheit für Lebensmittel ist völlig ungeeignet, Übergewicht zu bekämpfen.

OP: Gesundheitspolitiker von CDU und SPD haben einen Risikoaufschlag für besonders zuckerhaltige Lebensmittel ins Gespräch gebracht. Würde ein Aufschlag bei der Mehrwertsteuer auf fett- und zuckerreiche Produkte eine Veränderung der Essgewohnheiten bewirken?
Nießner: In Dänemark, wo eine ähnliche Strafsteuer vor zwei Jahren eingeführt wurde, wurde sie kurze Zeit später wieder abgeschafft. Zur Übergewichtsbekämpfung ist sie untauglich, wie die gesamte wissenschaftliche Forschung hierzu belegt, weil Übergewicht eine Frage des Lebensstils und nicht eine Frage des Energiegehaltes einzelner Produkte ist. Übergewicht ist vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem mit vielen Ursachen und vor allen Dingen auch mangelnder Bewegung der Kinder in unserer heutigen Medienwelt. Gerade rund um das Thema Ernährung gibt es viele Behauptungen, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Hier wünschen wir uns mehr Sachlichkeit.

OP: Was sind die wichtigsten Themen, die Sie als BDSI-Chef in Angriff nehmen wollen?
Nießner: Die Rohstoffbeschaffung und Rohstoffsicherung sehe ich als eine der größten Herausforderungen an. Der BDSI engagiert sich seit Jahren für einen nachhaltigen Kakaoanbau. Der BDSI hat seinen Mitgliedern empfohlen, den Anteil des nachhaltig erzeugten Kakaos in Süßwaren in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen. Der BDSI hat gemeinsam mit der Bundesregierung, dem Lebensmitteleinzelhandel und der Zivilgesellschaft das Forum Nachhaltiger Kakao gegründet, das die Lebensbedingungen der Kakaobauern in Westafrika verbessern will. Wir arbeiten außerdem an einer europäischen Norm zur Nachhaltigkeit von Kakao und dessen Rückverfolgbarkeit mit. Die Bedingungen im Kakaoanbau sind einzigartig und nicht vergleichbar mit denjenigen bei anderen pflanzlichen Rohstoffen aus Drittländern. Auch bei den Rohstoffen wie Palmöl und Haselnüssen engagiert sich die deutsche Süßwarenindustrie im Bereich der Nachhaltigkeit.

OP: Nichtregierungsorganisationen sagen, die Süßwarenindustrie würde Profit zulasten der armen Kakaobauern machen.
Nießner: Wir engagieren uns vor Ort. Aber:  Wir Europäer können nicht darüber entscheiden, was in Afrika passieren soll. Die Kakaoanbauländer haben eigene Regierungen. Ganz wichtig ist es deshalb, dass die Bundesregierung und Nichtregierungsorganisationen beim Forum Nachhaltiger ­Kakao dabei sind, denn wir können nur gemeinsam mit den Ursprungsländern die Probleme lösen. Vergessen Sie nicht, in der Elfenbeinküste herrschte zehn Jahre lang Bürgerkrieg, in dieser Zeit entwickelte sich nichts positiv. Wir hoffen, dass die Lage nun politisch stabil bleibt, um die Nachhaltigkeitsziele schrittweise voranbringen zu können.

Hintergrund:

Der BDSI ist Wirtschafts- und Arbeitgeberverband der Süßwarenhersteller. Die 200 Mitglieder repräsentieren 90 Prozent des Wertes der Süßwarenproduktion in Deutschland und beschäftigen rund 49 000 Mitarbeiter. Zum BDSI gehören die Hersteller von Schokolade, Feinen Backwaren, Bonbons, Markeneis, Knabberartikeln, Kaugummi und Rohmassen.

Die Süßwarenindustrie ist die viertgrößte Branche der deutschen Ernährungsindustrie. Der Staat sollte laut BDSI den Gesundheitsschutz gewährleisten und den Verbraucher vor Täuschung schützen, dabei aber ein Übermaß an staatlichen Eingriffen vermeiden. Der Staat dürfe nicht Kaufentscheidungen als falsch bezeichnen oder versuchen, die Bürger in ihrem Essverhalten zu bevormunden. Dagegen sollte die Verbraucheraufklärung gestärkt werden. Der BDSI fordert das Schulfach Ernährung.

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