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Sterne sind Blindenschrift – sagt die Klägerin

Arbeitsgericht Sterne sind Blindenschrift – sagt die Klägerin

Weil sie ihre abstrusen „Erkenntnisse“ vermittelt, hat die Uni eine Dozentin freigestellt und verlangt ein psychiatrisches Gutachten. Dagegen klagt die Frau, die Erstaunliches herausgefunden haben will.

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Eine Dozentin der Philipps-Universität Marburg hat geklagt, weil ihr Arbeitgeber eine psychiatrische Untersuchung verlangt.

Quelle: Sven Geske

Gießen. „Wir haben ja den Termin heute verlegen müssen, weil die Klägerin einen Befangenheitsantrag gestellt hat“ – mit diesen Worten eröffnete Hans Gottlob Rühle am Freitag seinen letzten Kammertermin. Denn Rühle geht am Freitag in den Ruhestand, wird dann lediglich noch bis mittags Güteverhandlungen abarbeiten.

Die Klägerin, eine Niederländisch-Dozentin an der Philipps-Universität, war mit dem Befangenheitsantrag jedoch beim Landesarbeitsgericht Frankfurt gescheitert. Einen Tag vor dem Kammertermin hatte sie zudem um eine weitere Verlegung gebeten.

Denn: Zwei Monate zuvor hatte der DGB die rechtliche Vertretung der Klägerin niedergelegt. „Ich habe die Verlegung aber abgelehnt, denn zwei Monate genügen, um sich einen neuen Anwalt zu suchen“, sagte Rühle. Dennoch war die Klägerin am Freitag nicht erschienen, sodass der Arbeitsrichter in ihrer Abwesenheit verhandelte.

Die Frau ist seit 1992 als Lektorin für Niederländisch an der Philipps-Universität beschäftigt. Die Universität hat ihr die Weiterbeschäftigung verweigert, nachdem die Dozentin erkrankt war und im Jahr 2014 zurückkam. Sie sollte sich beim Leiter des arbeitsmedizinischen Dienstes untersuchen lassen – verweigerte dies aber. Stattdessen hatte sie ein Attest ihrer Hausärztin vorgelegt, das ihr bescheinigte, dass kein Grund für eine weitere Krankschreibung bestehe.
Doch die Universität wollte von ihr ein Gutachten, mit dem sie belegen könne, dass sie psychisch gesund sei. Denn es sei vermehrt zu Beschwerden von Studierenden und Kollegen gekommen, dass die Klägerin ihre Vorlesungen mit „privaten Forschungsergebnissen überfrachte“, wie Rühle erläuterte.

In einem Personalgespräch im November 2013 wurde die Klägerin aufgefordert, dies zu unterlassen, denn sie sei verpflichtet, Niederländisch zu unterrichten. In diesem Gespräch hatte die Dozentin behauptet, die so genannte „Lauthelix“ entdeckt und weiterentwickelt zu haben. Mit deren Hilfe ließen sich „alle sprachlichen und geschichtlichen Entwicklungen sowie alle weiteren Weltphänomene erklären“, trug Rühle vor.

Bibel ist ein chemisches Kochbuch von Frauen

Zudem habe die Klägerin bei dem Personalgespräch eine Münze kleiner als ein Ein-Cent-Stück präsentiert und behauptet, dass sich „auf dieser Münze die Erklärung der gesamten Welt“ befinde. Zudem habe sie sich in dem Gespräch geweigert, weiterhin nur Niederländisch zu unterrichten. Vielmehr könne sie nicht auf die Weitergabe ihrer Forschungsergebnisse an die Studierenden verzichten. Denn sie sei „dazu berufen, dieses Wissen weiterzugeben“, so Rühle.

Und dieses „Wissen“ widerspricht so ziemlich allem, was in der heutigen Welt bekannt und auch wissenschaftlich anerkannt ist. So sagt die Angeklagte, sie habe „das Rätsel um die Weltformel des Universums bereits gelöst und dabei festgestellt, dass die Bibel ein chemisches Kochbuch ist, das von Frauen verfasst wurde“.

Die Sprache der Bibel könne durch die Lauthelix dekodiert werden – dabei komme heraus, dass es sich um chemische und mathematische Formeln handele. Frauen seien die Begründer der Wissenschaft und lediglich von Männern unterdrückt worden.

Es folgte ein weiteres Personalgespräch am 18. Dezember vergangenen Jahres – verbunden mit der weiteren Weigerung, nur Niederländisch zu unterrichten. Das Verhalten der Uni sei Mobbing und das Unterdrücken der wissenschaftlichen Wahrheit, so die Klägerin.

Israel lag mal in Nordfrankreich

Denn ihre Forschung habe noch viel mehr Erstaunliches zutage gefördert: Sie habe die Sterne mittlerweile als Blindenschrift entziffert und könne sie lesen, außerdem habe es in Deutschland nie Kaiser gegeben, sondern nur in den Niederlanden. Das habe auch Adolf Hitler gewusst und sei daher in die Niederlande einmarschiert. Übrigens: Moses sei eine Frau – Mosa – und sie habe ihr Grab gefunden.

In einer E-Mail mit einer Adressatenliste von mehr als vier Seiten hatte sie zudem mitgeteilt, dass Israel gar nicht in Palästina lag – sondern in Nordfrankreich, wo damals Niederländisch gesprochen wurde. Die französische Sprache habe sich aus dem Niederländischen „gehelixt“. In dieser Mail hatte die Klägerin die Studierenden auch dazu aufgefordert, für sie zu demonstrieren und dabei „Lauthelix“ zu skandieren.

In einer weiteren Mail mit riesigem Verteiler äußerte sie die Befürchtung, dass sie „zu einem zweiten Snowden“ werde – außerdem beleidigte sie sowohl Professoren als auch die Uni-Präsidentin Katharina Krause aufs Übelste.
Richter Hans Gottlob Rühle urteilte, dass die Klägerin bis zum 31. März ein psychiatrisches Gutachten vorlegen müsse, das ihre Geschäfts- und Prozessfähigkeit unter Beweis stelle. Aufgrund der vorliegenden Aktenlage bestünde „aufseiten des Gerichts der dringende Verdacht des Fehlens der Prozessfähigkeit“, so Rühle. Die von der Klägerin verbreiteten Erkenntnisse widersprächen sämtlicher Wissenschaft und den geschichtlichen Fakten.

von Andreas Schmidt

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