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Sparkassen-Promi fordert Ende der Niedrigzinsen

Georg Fahrenschon Sparkassen-Promi fordert Ende der Niedrigzinsen

Der frühere bayrische Finanzminister und jetzige Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbands erteilte vor Mittelständlern in Friedensdorf Brüsseler Finanzplänen eine Absage.

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Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, sprach im Bürgerhaus Friedensdorf vor geladenen Gästen. Foto: Benedikt Bernshausen

Quelle: Benedikt Bernshausen

Dautphetal. Der Mittelstand ist das Rückgrat der hessischen Wirtschaft, erklärt die Kreishandwerkerschaft Biedenkopf in ihrer Einladung für einen Vortragsabend mit Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) und Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Fahrenschon greift das Bild auf: „Ein Rückgrat darf nicht überlastet werden“, erklärt er am Montagabend im Bürgerhaus Friedensdorf.

Er spricht über die Schuldenkrise in Europa, über die Investitionszurückhaltung deutscher Mittelständler, über die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. „Die bisherige Euro-Rettungspolitik trägt erste Früchte: Eine Reihe von Eurostaaten konnte wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum vermelden“, berichtet er. Und erklärt den Zuhörern, darunter zahlreiche Mittelständler aus dem Hinterland: „Die Krise ist noch nicht überstanden.“ Denn bisher sei hauptsächlich Zeit erkauft worden, unter anderem mit dem Instrument niedriger Zinspolitik. Das Wachstum nehme zu, die Wettbewerbsfähigkeit werde gestärkt. Aber niedrige Zinsen haben Nebenwirkungen, warnt Fahrenschon. „Sie sorgen nicht für günstige Kreditkonditionen, sie landen nicht beim Mittelstand in Europa“, erklärt Fahrenschon, der 2008 bis 2011 bayrischer Finanzminister war. Der Niedrigzins subventioniere neue Schulden für die Krisenländer. Und er verstärke die gegenseitige Abgängigkeit. Einzelne Banken verdienen daran, in dem sie mit dem „billigen Geld“ Staatsanleihen der Krisenstaaten aufkaufen. Gerade die schwächsten Banken werden so zu immer höheren Risiken verführt. Fahrenschon warnt daher erneut: Je länger die Niedrig-Zins-Politik andauere desto gravierender werden die Nebenwirkungen. „Die Rechnung zahlen die deutschen Sparer“, sagt er. Sie müssen heute bei sicheren Investments negative Realzinsen hinnehmen. „Dies wird bei längerer Dauer zu erheblichen Lücken in der Altersvorsorge führen“. Leidtragende seien auch Kreditinstitute mit vielen Kundeneinlagen. Er empfiehlt seinen Kollegen in der EZB daher, die Zinsen zu erhöhen. Vor zwei Wochen hatte Finanzminister Schäfer den deutschen EZB-Direktor Jörg Asmussen für einen Vortragsabend ebenfalls nach Dautphetal geholt. Dort gab Asmussen aber keine Prognose über die Zinspolitik ab.

Fahrenschon kritisiert besonders auch die einheitliche Regulierung von Banken. Schattenbanken, große Bankkonzerne oder britische Investmentbanken sollten strenger reguliert werden als Sparkassen oder Genossenschaftsbanken. Selbst kleinste Bankhäuser werden mit Dokumentationspflichten überhäuft, moniert der Sparkassenpräsident. Die EU-Politik in Brüssel nimmt der Verbandschef ins Visier. Sollte die Bankenunion wie geplant umgesetzt werden, sollte es eine Aufsicht über die Banken geben, dann müssten Sparkassen und Genossenschaftsbanken Geld zur Abwicklung von Investmentbanken bereitstellen, das sei nicht hinnehmbar. „Wir lassen ja auch nicht die Pkw-Halter die Versicherungen für Gefahrguttransporter zahlen.“ Einer einheitlichen EU-Einlagensicherung erteilt er ebenfalls eine Absage. Der Mittelstand benötige stabile, eigene Hausbanken, schlägt Fahrenschon den Bogen zum Beginn seiner Rede.

Bei den Fragen aus dem Publikum macht der Maler Friedrich Lissner deutlich, dass das heimische Handwerk noch wenig an Brüssel denkt. „Wir wollen wissen, wie man den jungen Leuten hilft, damit sie in das Handwerk einsteigen“, erklärt er und erhält Beifall. Fahrenschon bestätigt: In den nächsten 20 Jahren geht die Hälfte aller Betriebe in die nächste Generation über, das Thema Nachfolge sei sehr wichtig. Die regionalen Sparkassen seien mit den Industrie- und Handelskammern Ansprechpartner für Gründerfinanzierung, erklärt er. Fred Schneider, stellvertretender Kreishandwerksmeister und Moderator des Abends, sagt: Das Handwerk profitiere derzeit „von der Angst, dass das Geld abhanden kommt: Die Menschen investieren ins Häuschen.“

von Anna Ntemiris

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