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Ziel: vom Flüchtling zum Banker

Sparkasse Marburg-Biedenkopf Ziel: vom Flüchtling zum Banker

Abdulkarim Al Hassan, Flüchtling aus Syrien, wird im Sommer seine Lehre zum Bankkaufmann bei der Sparkasse beginnen. Die Erfahrungen mit ihm sind so gut, dass die Bank nun eine Projektwoche für Flüchtlinge anbot.

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Andreas Bartsch (hinten, von links), Marian Zachow und Uwe Kreiter sowie Volker Breustedt (hinten, von rechts) und Rafael Ruiz 
Lopez gemeinsam mit den Projektteilnehmern und Betreuern.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Acht Geflüchtete zwischen 21 und 32 Jahren aus Syrien, Afghanistan und dem Iran nutzten eine Woche lang die Möglichkeit, ganz praxisnah einen Einblick in das Berufsbild des Bankkaufmanns zu gewinnen.

„Das ist für eine Sparkasse nicht gewöhnlich, beleuchtet aber, welche Aktivitäten wir außer Geld anlegen und Kredite vergeben sonst so machen“, resümierte Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Andreas Bartsch. Die Sparkasse habe einen öffentlichen Auftrag, den sie beispielsweise auch mit der Ausbildung wahrnehme. „Wir sind regional verwurzelt, aber international tätig – und wir haben eine ganze Reihe von Mitarbeitern im Haus, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder die ausländische Wurzeln haben“, so Bartsch.

Doch für ihn sei persönlich auch ein weiterer Grund sehr wichtig, warum man den Flüchtlingen diese Einblicke gewährt habe: „In den letzten Monaten hat der Rechtspopulismus Raum gegriffen, den ich nur schwer akzeptieren kann“, sagte Bartsch. „Integration kann nur dann funktionieren, wenn jemand vorangeht“, ist sich Bartsch sicher.

Dass das Berufsziel Bankkaufmann für Flüchtlinge keine Utopie sei, sehe man an Abdulkarim Al Hassan, der derzeit bei der Sparkasse eine Einstiegsqualifizierung absolviert, die im Sommer in eine Ausbildung mündet ( die OP berichtete). Und auch ein weiterer syrischer Flüchtling sei bereits im Hause tätig.

Praktische Arbeit mit Kunden am Schalter

Sechs Azubis der Sparkasse nahmen sich der Flüchtlinge an: Gemeinsam hatten sie einen Plan erarbeitet, um den potenziellen späteren Kollegen die Arbeit von Bankkaufleuten möglichst nahe zu bringen – anhand von praxisnahen Übungen ebenso, wie mit einem Tag in der Berufsschule. So konnten die Teilnehmer gleich sehen, welche schulischen Anforderungen es gibt.

Außerdem wurde ein Praxistag am Kundenschalter in verschiedenen Filialen dargestellt: Unter Anleitung der Azubis nahmen sie Routinevorgänge im Zahlungsverkehr vor und testeten im Gespräch mit den Kunden auch ihre Deutschkenntnisse. Die, so waren sich alle Projektbeteiligten einig, spielten eine entscheidende Rolle.

Die Auszubildenden, die sich auf das Projekt beworben hätten, seien „mit sehr viel Herzblut bei der Sache“ gewesen, sagte die Ausbildungsverantwortliche Christine Hanka-Weller. Auch sie hätten von dem Projekt profitiert, da sie „Einblicke in Lebensgeschichten, eine andere Kultur oder das, was die Teilnehmer zu Hause aufgegeben haben“, erhalten hätten. Bei einigen der Kursteilnehmer habe die Sparkasse durchaus Potenzial erkannt, sodass nicht auszuschließen sei, dass einige von ihnen eine Einstiegsqualifizierung bei der Bank absolvieren würden.

Ein Teilnehmer berichtete, dass er bei dieser ersten Erfahrungen „viele Informationen mitgenommen“ habe – „und ich habe auch viele neue Worte kennengelernt“, sagte er lachend. Er könne sich durchaus vorstellen, in der Sparkasse zu arbeiten.

Volker Breustedt: „Schaut euch die Menschen an“

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) verdeutlichte, dass es bei der Integration von Flüchtlingen in Arbeit durchaus zu Erschwernissen alleine schon durch die rechtlichen Rahmenbedingungen gebe. Allerdings sei das „Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge“, das gemeinsam von Kreisjobcenter und Arbeitsagentur Marburg ins Leben gerufen wurde, die richtige Anlaufstelle, um Interessenten diese Hürden aus dem Weg zu räumen.

„Die Akteure versuchen alles zu unternehmen, um neu Zugewanderten Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen“, sagte Zachow. Die Sparkasse habe sich „auf den Marathonlauf Arbeitsmarktintegration“ eingelassen – das sei keine Selbstverständlichkeit. Die Geflüchteten brächten viel Motivation mit und böten viel Potenzial, „und das nicht nur an der Werkbank, sondern auch in den Weißhemd-Berufen“, verdeutlichte Zachow.

Volker Breustedt, Leiter der Arbeitsagentur Marburg, sagte: „Eine Firma, die heute sagt, dass sie keine Menschen aus anderen Herkunftsländern als Deutschland einstellt, ist ganz schnell am Ende ihrer Weisheit.“ Der Weg, wie ihn die Sparkasse gehe, sei der, den auch die Arbeitsagentur immer wieder klarmache: „Schaut euch die Menschen an. Bildung kommt daher, dass man sich ein Bild macht und nicht, dass man ein Buch liest. Sonst würde es Buchung heißen“, so Breustedt. Das Projekt war so erfolgreich, dass schon ein weiterer Termin festgelegt wurde.

von Andreas Schmidt

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