Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
„Wir sind keine Almosenempfänger“

Sozialwirtschaftsstudie „Wir sind keine Almosenempfänger“

Wirtschaftsmacht anstatt Bittsteller: Die Wohlfahrtsverbände sind stabilisierende Kraft und 
bedeutende Gestalter 
der Gesellschaft, geht aus der aktuellen Sozialwirtschaftsstudie hervor.

Voriger Artikel
Vorwurf: Mandant verteidigt ohne Zulassung
Nächster Artikel
Ein Berufsfeld im Wandel

Eine Altenpflegerin führt eine demenzkranke Frau: Vor allem in der Pflege wird der Bedarf an 
Arbeitskräften in den kommenden Jahren immens steigen.

Quelle: Sven Hoppe

Marburg. Die „Liga der freien Wohlfahrtspflege in Hessen“, zu der neben der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas und der Diakonie auch der Paritätische, das Deutsche Rote Kreuz und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden gehören, hatten die Studie in Auftrag gegeben.

Zusammen kommen die Verbände auf rund 113.000 Mitarbeiter, hinzu kommen etwa 160.000 ehrenamtlich Engagierte. „Als Wohlfahrtsverbände sind wir ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und gleichzeitig Anwalt für die Betroffenen und gestalten damit die Gesellschaft“, sagt Annette Wippermann, Vorstandsmitglied der „Liga“.

Bedeutung der Sozialwirtschaft wird unterschätzt

Für Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) ist klar: „Die Universitätsstadt Marburg und der Landkreis Marburg-Biedenkopf nennen sich nicht ohne Grund das soziale Herz Deutschlands.“ Denn es gebe eine „Dichte und Ausstattung sozialer Infrastruktur, die unerreicht ist“, sagte Spies.

So habe der Gesundheitsbereich in Marburg den höchsten Anteil der Wertschöpfung am Bruttosozialprodukt – in einem dreistelligen Millionenbereich, „und das ohne den Pharma-Standort und ohne die Uni-Klinik“, erklärte der Oberbürgermeister. Das verdeutliche die weitgehend unterschätzte Bedeutung der Sozialwirtschaft für das gesellschaftliche Geschehen.

An vielen Stellen herrsche immer noch eine Grundhaltung, die ein Zuschussempfängerbild von der Sozialwirtschaft habe. „Die Stadt Marburg – und ich hoffe, ich gewinne auch die Landrätin für den Landkreis dafür – wird in einen Prozess einer kooperativen Sozialplanung eintreten, die die Idee einer partnerschaftlichen Planung gemeinsam voranbringt“, versprach Spies.

Wohlfahrtsverbände sorgen für Stabilität in Krisen

Denn: „Die Ansprüche, die wir davon haben, wie die sozialen Strukturen mit den Klienten umgehen sollen, so muss am Ende auch unser Umgang mit den sozialen Strukturen sein.“ Wichtig sei, in eine Wirkungsorientierung einzutreten, um in Zeiten knapper Ressourcen einen größtmöglichen Nutzen zu erreichen.

Annette Wippermann stellte einige Kernthesen der gut 160-seitigen Studie vor. Untersucht wurden ausgewählte Arbeitsfelder wie die Flüchtlingshilfe, Altenhilfe, Ehrenamt und Schuldnerberatung. Deutlich wurde: Gerade zu Krisenzeiten sorgen die Wohlfahrtsverbände für gesellschaftliche Stabilität, sind eine integrative Kraft und sorgen aktiv für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Die Studie belegt außerdem: Soziale Arbeit lohnt sich finanziell in vielen Arbeitsfeldern. Die Verbände sind nicht nur Dienstleister, Arbeitgeber und Solidaritätsstifter. Sie reinvestieren ihre Mittel in die Soziale Arbeit – und das spart der öffentlichen Hand Geld.

Wie wichtig das Ehrenamt sei, habe sich beispielsweise bei der Flüchtlingskrise gezeigt: „Als diese 2015 eine unglaubliche Herausforderung war, waren die Wohlfahrtsverbände diejenigen, die am schnellsten reagieren konnten, weil sie bestimmte Strukturen die ganze Zeit aufrechterhalten haben.“

Jeder zehnte Hesse arbeitet in der Sozialwirtschaft

Zudem nähmen sie weiterhin die Verfahrensberatung für Flüchtlinge vor und zahlten diese aus eigener Tasche. „Dabei sollte dies eine grundlegende Aufgabe des Landes sein“, verdeutlicht Wippermann.

Volkswirtschaftlich „wird die Sozialwirtschaft oft nicht in der Größe wahrgenommen, die ihr gebührt“, sagt sie. Jeder zehnte Beschäftigte in Hessen sei in der Sozialwirtschaft tätig – mit einer Wirtschaftsleistung von 13 Milliarden Euro, was gut sechs Prozent der Wertschöpfung entspreche. Zudem sei jeder 30. sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz in Hessen der Freien Wohlfahrtspflege zuzuordnen. Angesichts der demografischen Entwicklung werde die Nachfrage nach Angeboten im Bereich Pflege weiter wachsen – und somit auch die „Wirtschaftsmacht Wohlfahrtspflege“.

Dass investiertes Geld in den sozialen Bereich auch immer einen Gewinn bringe – der sogenannte „Social Return in Invest“ –, verdeutlicht die Studie bei der Betrachtung der Caritas-Schuldnerberatung in Frankfurt: „Man versucht die Wirkungen, die man bei einem Klienten erreicht, monetär zu beziffern“, erläutert Wippermann.

Rainer Dolle: Das Bild muss sich ändern

Alle zwei Monate habe man bei 100 Klienten nachverfolgt, welche Veränderungen sich bei ihnen ergeben hätten – und diese Erfolge werden dann „monetarisiert“. Beispielsweise werden vermiedene Kosten, die durch Wohnungs- und Arbeitslosigkeit oder Inhaftierung entstanden wären, ebenso, wie die nicht entstandenen Kosten für Finanzberatung, Psycho- oder Familientherapie. Die Kosten der Beratungsstelle belaufen sich im Jahr auf 330.000 Euro – die Wirkungen lassen sich auf knapp 2,2 Millionen Euro beziffern. Heißt im Umkehrschluss: Für jeden investierten Euro bekommt die Gesellschaft 6,60 Euro an Gegenwert zurück.

Rainer Dolle, Geschäftsführer von „Arbeit und Bildung“, erläutert: „Wir sind nicht in der Opferrolle und keine Almosenempfänger, die dankend Geld bekommen. Die Studie zeigt, dass es nicht so ist – aber der Wirtschaftsfaktor und die Selbsterwirtschaftung gehen unter.“ Dieses Bild sollte sich möglichst schnell ändern – vielmehr sei es wichtig, in den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zu investieren, zu dem man immens beitrage.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr