Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Solarfirma mit Rückenwind aus Holland

Wagner Solar Solarfirma mit Rückenwind aus Holland

Wagner Solar will Konzepte und nicht nur Produkte verkaufen. Das Unternehmen rechnet damit, bis Ende des Jahres schwarze Zahlen schreiben zu können.

Voriger Artikel
Pflegeschüler führen Station in Eigenregie
Nächster Artikel
Trotz Einigung droht ein Nachspiel

Die Geschäfte führt Brigitte van Egten, Direktorin der niederländischen Firma Dutch Solar Systems. Andreas Knoch (rechts) als Leiter Vertrieb und Technik und Michael Fina als Leiter Einkauf, Produktion und Logistik verfügen über Prokura und gehören der Geschäftsleitung an.

Quelle: Privatfoto

Cölbe. Die Firma Wagner und viele der Mitarbeiter kennt Brigitte van Egten seit vielen Jahren – als Geschäftspartnerin. Nun hat die 60-jährige Niederländerin aus Enschede eine Zweitwohnung in Cölbe und ist Geschäftsführerin im neuen Wagner.

Die Chefin kocht Kaffee und erzählt in fast perfektem Deutsch, warum die neue Firma immer noch den alten Namen hat – oder vielmehr warum alle meinen, dass dies so ist: Kaum einer hatte den Firmennamen – Wagner & Co Solartechnik GmbH – bisher in voller Länge verwendet.

Dass alle von „Wagner Solar“ sprachen und schrieben, haben die neuen Firmeninhaber nutzen können: Die einstige Abkürzung „Wagner Solar“ ist nun offizieller Name des Cölber Unternehmens, das nach der Insolvenz seit dem Herbst vergangenen Jahres zur niederländischen Sanderink-Gruppe gehört.

„Wir haben die Marke, das Logo, den Internetauftritt unverändert gelassen. Selbst die E-Mail-Adressen mussten wir nicht ändern, weil diese alle mit Wagner Solar endeten“, sagt Brigitte van Egten. Die 60-jährige Holländerin steuert von Cölbe aus die Wagner-Geschäfte, aber auch ihre früheren Aufgaben in Holland, die sie nun nach und nach aufgeben werde.

In Cölbe hat das Energie-Unternehmen eines seiner beiden Gebäude aufgeben müssen – das Haus in der Industriestraße ist nun die Adresse in Cölbe. Das neue Gebäude in Kirchhain – die Kollektorfabrik – bleibe weiterhin bei Wagner, sagt van Egten. Denn die holländische Firma hat im Herbst 80 von 110 Mitarbeitern übernommen, der Platz für Entwicklung und Produktion werde benötigt, so van Egten.

Flache Hierarchien

Die Mitarbeiter sind räumlich enger zusammengerückt, viele hoffen auch auf eine neue Atmosphäre. „Brigitte“, wie sie von allen genannt wird, will dazu beitragen. „Erstmal habe ich im Dezember alle Mitarbeiter für zwei Wochen in die Betriebsferien geschickt. Das gab es noch nie, aber alle haben nach den bewegenden und unruhigen Monaten zuvor eine Pause gebraucht. Alle hatten unter den teils negativen Meldungen gelitten. Die Pause hat gutgetan.“

Sie setze auf flache Hierarchien, Optimismus, einen breiten Kundenstamm und viele gute Ideen, die die Entwickler hätten. Ihre unternehmerischen Erfolge und Konzepte aus Holland will sie auch in Cölbe und Kirchhain erzielen. „Ich will Wagner so positionieren, dass Wagner Konzepte bieten kann und nicht nur Produkte. Es gibt beispielsweise viele Großhändler, die Photovoltaik verkaufen, aber wir nicht beraten. Wir entwickeln und vertreiben an das Fachhandwerk – mit Beratung und weiteren Serviceleistungen.“

Doch auch wie ihre Vorgänger und wie so viele in der Branche setzt sie auch Hoffnungen auf die Politik. „Wer erneuerbare Energie weiterhin will, muss dafür viel tun“, sagt sie: Staatliche Förderung, Steuervorteile für erneuerbare Energie sind gemeint. „Wir haben ein Saisongeschäft. Im Frühjahr und Herbst verkaufen wir am meisten.“ Daher sei die Zeit jetzt besonders wichtig für das Unternehmen, das bis Ende des Jahres schwarze Zahlen schreiben will.

Wärmerückgewinnung aus Duschwasser

Die Bilanz sei gesund, der Controller aus Holland prüft derzeit die Zahlen. Man stehe jetzt schon besser da als geplant. „Wir sind wie viele Handwerksbetriebe froh, dass wir bisher kaum Schnee hatten und viele Anlagen installieren konnten.“
 Wärme vom Duschwasser Solarthermie, Montagegestelle, Photovoltaik sind nach der Neuaufstellung die Standbeine von Wagner Solar. Neu hinzugekommen ist ein innovatives Produktfeld, das die Geschäftsführerin aus Holland mitgebracht hat: Die Wärmerückgewinnung aus Duschwasser. „Man kann 50 bis 60 Prozent der Energie von Duschwasser zurückgewinnen.“

Wer mit 37 Grad warmem Wasser dusche und einen Duschwasser-Wärmetauscher verwende, erhalte 27-Grad-Wasser zurück. Duschwasser-Wärmetauscher verwenden die Wärme des fließenden Abwassers und erwärmen damit direkt das Kaltwasser, das zur Dusche fließt. In Holland laufe das Geschäft mit diesen Passivhaus-zertifizierten Geräten sehr gut.

Appell an die Politik

Weniger gut sei in Holland das Standing von Handwerkern. „In Deutschland hat der Handwerker noch eine Beziehung zu seinen Kunden, und zwar eine gute. Firmen präsentieren zum Beispiel stolz ihren Technikraum. Und Bürger haben Vertrauen in ihren Handwerker. In Holland ist das oft anonym, man ruft einen Dienst an, ohne zu wissen, welche Firma das ist.“

Van Egten kennt das Geschäft, die Vor- und Nachteile. Der Wettbewerb mit China werde härter, hier appelliert sie an die Brüsseler Politiker für die Einhaltung der Marktpreise zu sorgen. „Die meisten Photovoltaik-Module kommen aus China. Viele Chinesen unterbieten die für Europa verabredeten Mindestpreise. Das ist nicht erlaubt, aber da keine Kontrolle stattfindet, nutzt das nichts.“

Als Juristin sei sie, was Recht und Gesetz angeht, sehr sensibel. Daher werde sie sich nicht scheuen, bei EU-Politikern vorstellig zu werden oder Beweise zu liefern.

von Anna Ntemiris

Hintergrund
Das Tauziehen um den einstigen Solarpionier hatte im September 2014 ein Ende: Der Geschäftsbetrieb der Wagner & Co Solartechnik GmbH ging auf eine Tochter der Sanderink Holding unter der Führung des niederländischen Unternehmers Gerard Sanderink über. Sanderink war bisher ein Großkunde des Unternehmens aus Cölbe, das im Frühjahr Insolvenz angemeldet hatte. Zuvor hatte noch eine eigens gegründete Genossenschaft – dazu gehörten auch viele Mitarbeiter – versucht, die Firma zu kaufen. Die Niederländer übernahmen nur die Geschäftsbereiche Solarthermie und Photovoltaik sowie die Montagesysteme, nicht aber die Heiz- und Pellettechnik. In Spitzenzeiten hatte das Unternehmen, das vor rund 35 Jahren gegründet wurde, 300 Mitarbeiter. Von der einstigen Wagner-Spitze blieben nur noch Andreas Knoch und Michael Fina in der neuen Geschäftsleitung.
Blickpunkt
Brigitte van Egten war und ist noch Geschäftsführerin der Sanderink-Tochter Dutch Solar Systems. Solar Wagner war bisher einer der Lieferanten von DSS. Van Egten ist Rechtswissenschaftlerin, arbeitete in Holland als Richterin und Hochschullehrerin. Sie wechselte die Branche und das Berufsfeld, um nach dem Tod ihres Ehemannes die IT-Firma der Familie weiterzuführen. Diese wird inzwischen von den Mitarbeitern geführt, aber van Egten ging in die Solarbranche. Ein Unternehmen zu führen, mache ihr Spaß. „Am Anfang habe ich sehr viel über Technik lernen müssen. Ich habe ab und an gesagt, ich bin blond, ich habe keine Ahnung. Erklären Sie es mir“, so van Egten. Heute kann sie über Warm-wasserrückgewinnung sprechen, als ob sie Ingenieurin sei. Das hört sie gern.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mit der Sonne Richtung Zukunft

Was vor 30 Jahren für die Wagner & Co. Solartechnik GmbH in Cölbe noch Pionierarbeit war, ist heute fast alltäglich: Auf immer mehr Dächern im Landkreis finden sich Solarkollektoren wieder.

mehr
Mitarbeiter wollen Angebot für insolvente Solar-Firma abgeben

Eine von Mitarbeitern gegründete Genossenschaft will Anfang Juli ein Angebot für das insolvente Solar-Unternehmen Wagner im mittelhessischen Cölbe vorlegen. Geplant sei, wesentliche Geschäftsbereiche und den größten Teil der etwas mehr als 100 Mitarbeiter zu übernehmen, teilte die Genossenschaft am Montag mit.

mehr
Insolvenzverwalter muss entscheiden

Mitarbeiter der insolventen Wagner & Co Solartechnik GmbH haben eine Genossenschaft gegründet, um das Geschäft fortzuführen. Gestern stellte sie ihre Zukunftspläne vor.

mehr
Heimische Solarbranche steckt in Krise

Preisverfall durch weltweit hohe Lagerbestände und eine wachsende Konkurrenz aus Asien machen den Herstellern von Solartechnik in ganz Deutschland zu schaffen. Auch Unternehmen aus der Region leiden darunter.

mehr
Firma aus Holland kauft Wagner Solar

Die eigens für die Übernahme der insolventen Firma Wagner gegründete Genossenschaft hat den Kürzeren gezogen. Ihr Projekt war engagiert, aber wirtschaftlich nicht erfolgversprechend. Ein Investor aus Holland ist neuer Inhaber.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr