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Sexuelle Belästigung als Zeichen der Macht

Arbeitsplatz Sexuelle Belästigung als Zeichen der Macht

Der Vorgesetzte starrt in den Ausschnitt, ein Kunde sucht körperliche Nähe, ein Kollege schickt E-Mails mit als Scherz verpacktem pornografischem Inhalt: Solche Vorfälle irritieren Frauen, oft wissen sie nicht: Wo ist die Grenze?

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Zur Ausstellung „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“, die seit gestern im Rathaus zu sehen ist, gehört auch ein Informationstisch mit Ratgebern für Opfer.Foto: Anna Ntemiris

Marburg. Pornozeitschriften auf dem Schreibtisch, obszöne Witze oder sexuelle Anspielungen: So etwas darf nach dem Gesetz zur Allgemeinen Gleichbehandlung in Arbeitsräumen nicht vorkommen. Die Realität sieht anders aus: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist in Deutschland ein Problem, das vor allem Frauen betrifft. Nach einer Befragung des Bundesfamilienministeriums ist jede vierte Frau betroffen. „Die gesetzliche Grundlage ist besser geworden, aber in der Praxis gibt es noch Probleme“, sagt Godela Linde vom Bezirksfrauenrat der Gewerkschaft Verdi.

Linde, die früher Rechtssekretärin beim Centrum für Revision und Europäisches Recht sowie Mitglied in der städtischen Gleichstellungskommission war, hat eine Ausstellung zum Thema „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ ins Rathaus geholt, die das Gleichberechtigungsreferat der Stadt Marburg seit Donnerstag präsentiert. Spätestens seit der Debatte über die Sprüche des FDP-Politikers Rainer Brüderle oder den Prozess des früheren IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn sei das Thema noch mal neu ins öffentliche Bewusstsein gerückt, erklärt Christa Winter, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Marburg. „Die Ausstellung heißt sexuelle Belästigung, aber eigentlich geht es um Macht.

Es geht in der Regel darum, Frauen klein zu halten“, so Linde. Meist seien junge Frauen die Opfer. „Nicht weil sie so schön sind, sondern weil sie neu am Arbeitsplatz sind, unerfahren und sich vielleicht nicht zu wehren wissen“, erklärt Linde. Meist können sich die Betroffenen der Situation nicht entziehen, ohne ihren Arbeitsplatz zu gefährden. Frauen werden sehr häufig abgewertet und diffamiert, wenn sie sich wehren. Das könne bis zur Kündigung führen, so Winter. Dabei müssten die Täter Konsequenzen spüren. Mit der Ausstellung will das Team des Gleichberechtigungsreferats auch Denkanstöße geben.

An die Brust fassen ist eine Straftat

Frauen sollen nicht mehr zunächst Scham empfinden oder versuchen, die peinliche Situation zu entzerren, so Linde. Sie gibt ein Beispiel aus ihrer Zeit als Berufsanfängerin vor mehr als 30 Jahren: „Als mich jemand an der Brust packte, gab ich ihm einen Apfel und sagte: Nimm den anstatt.“ Das sei ein falsches Verhalten gewesen, sie habe versucht, aus der peinlichen Situation eine lustige zu machen statt ihm deutlich zu machen, dass so ein Verhalten unerwünscht sei oder gar Vorgesetzte zu informieren. „Es handelt sich um Straftatbestände. Das sollte jedem klar sein“, sagt Dr. Christine Amend-Wegmann, Frauenbeauftragte der Stadtverwaltung.

Auch sie kennt aus eigener Erfahrung das Gefühl der „Schockstarre“ nach einer Belästigung. Amend-Wegmann fordert den Magistrat auf, das Thema sexuelle Belästigung in der Dienstvereinbarung aufzugreifen. Der Personalratsvorsitzende in der Stadtverwaltung, Steffen Kloske, erklärte, dass die Stadt die Vereinbarung zum partnerschaftlichem und kollegialem Umgang um diesen Punkt erweitern könnte. Die Stadtverwaltung sei offen für dieses Thema. „Es sollte nicht die Frau fragen, was habe ich falsch gemacht, sondern derjenige, der sie belästigt“, betont Kloske.

Besucherinnen der Ausstellung haben die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit dem Thema in einem Ausstellungsbuch anonym oder namentlich aufzuschreiben. Die Ausstellung ist im Gleichstellungsreferat, 3. Stock, bis zum 15. Oktober, montags bis mittwochs von 8.30 bis 16, donnerstags bis 18 und freitags bis 12.30 Uhr zu sehen. Am 20. August findet um 19.30 Uhr in den Räumen der Pro Familia, Frankfurter Straße 66, eine Diskussion zum Thema statt.

von Anna Ntemiris

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