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„Internet ist ein ganz großer Umsatzkiller“

Schuh- und Modegeschäft Glaeser „Internet ist ein ganz großer Umsatzkiller“

36 Jahre lang war das Geschäft Schuhe und Mode Glaeser in der Oberstadt zu finden. Am diesen Mittwoch ist der letzte Öffnungstag, dann schließt die Marburger 
Filiale für immer ihre 
Pforten.

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Aufbruchsstimmung: Das Schuhgeschäft Glaeser in Marburg schließt endgültig. Die Zukunft des Unternehmens sehen Inhaberin Cristina Glaeser (links) und Mutter Steffi Glaeser am Standort Kirchhain.

Quelle: Ina Tannert

Kirchhain. „Wir verabschieden uns aus Marburg – mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Inhaberin Cristina Glaeser. Für diese Entscheidung hat die Unternehmerfamilie klare Gründe und deutliche Worte. Der Wegzug aus Marburg nach mehr als drei Jahrzehnten habe man im Team lange überlegt, sich schließlich gegen die Universitätsstadt als zweites Standbein entschieden. Der Hauptgrund ist die sinkende Kaufkraft. „Der Standort Marburg und insbesondere die Oberstadt hat sich zum Schlechten gewandelt“, findet Ex-Chefin Steffi Glaeser. Sie gab die Geschäftsführung vor einigen Jahren an die Tochter weiter. Lange Jahre habe sie versucht, das Geschäft in Marburg zu halten, zog mehrmals um, wirtschaftlich half es schlussendlich nichts.

Die Altstadt sei zwar gut frequentiert, viele Menschen kämen vorbei – „aber das sind Bummler, keine Käufer“. Die Fluktuation der Einzelhändler sei hoch. Auch durch den Wegzug von großen „Frequenzbringern“ in den vergangenen Jahren, wie namhaften Kosmetik- und Modeläden, sei die Kundschaft immer mehr ausgeblieben. Weitere Geschäfte dürften in den nächsten Jahren ebenfalls abwandern, schätzt sie. „Es wird ja nicht besser.“

Ein weiterer Grund sei der Onlinehandel. „Das Internet ist ein ganz großer Umsatzkiller“, betont die Seniorchefin. Das treffe viele Branchen, auch die Schuhgeschäfte. Während die ältere Kundschaft noch vor Ort die Ware anprobiere, gehe der Trend der jungen Generation zum Internetkauf.

Glaeser: In Kirchhain kommen mehr Kunden

Noch ärgerlicher: so mancher Kunde nutze dennoch den größten Vorteil der Geschäfte – die Beratung vor Ort direkt am Produkt – und suche danach dann online nach demselben Schuh. Manche zücken noch im Gespräch die Handykamera. „Wir sind nicht die Beratungsfiliale des Internets – manche Kunden können so gar nicht wertschätzen, was man ihnen anbietet“, ärgert sich die Unternehmerin. Dem habe sie bereits versucht entgegenzuwirken: „Wir halten extra ein Tablet bereit, um den Kunden zu zeigen, dass sie die Ware im Internet nicht günstiger bekommen oder nur Lockangebote finden“, erklärt sie. Geholfen habe das schlussendlich auch nicht. Probleme habe das Geschäft damit vor allem in Marburg, weniger in Kirchhain. Dort steht das Stammgeschäft, seit 1879, und wirbt mit einer langen Tradition.

Auch ihre Zukunft sieht die Unternehmerfamilie in der Nachbargemeinde. Dort stehe es besser um die Wertschätzung der Kundschaft, viele Stammkunden aus Marburg kämen schon jetzt nach Kirchhain zum Einkaufen. Auch die beiden Mitarbeiter der Marburger Filiale arbeiten nun in Kirchhain weiter. Ein entscheidender Vorteil sei die bessere Parkplatzsituation, „das zieht die Kunden“, sagt Glaeser. Auch wenn es keinen so großen Branchenmix vor Ort gebe – viele Geschäfte seien noch inhabergeführt, „das schafft Vertrauen und der tägliche Bedarf kann abgedeckt werden“.

Auf ihre Wurzeln besinnt sich die Familie auch jetzt wieder und wird Ende des Monats ein zweites Geschäft in Kirchhain eröffnen. Direkt gegenüber hat Inhaberin Cristina Glaeser den „Young Shop“ für Damenbekleidung übernommen. Der wird seit Juli komplett renoviert und am 28. September unter dem neuen Namen „Frauenzimmer“ neu eröffnet. Davon verspricht sich die Familie ein neues und wirtschaftlicheres zweites Standbein. Als Ausgleich zu der Marburger Filiale.
Ist damit Kirchhain jetzt der effektivere Standort? „So weit würde ich jetzt nicht gehen – aber es gibt große Vorteile“, sagt Cristina Glaeser.

Das Gebäude in der Barfüßerstraße ist bereits verkauft. Es gibt bereits Pläne für ein neues Geschäft. Welches, weiß sie noch nicht. „Lange leer stehen wird es nicht“, verrät sie.

von Ina Tannert

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