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„Sanfte Revolution“ für die Wirtschaft

Gemeinwohlökonomie Lahn-Eder „Sanfte Revolution“ für die Wirtschaft

Unternehmen verschreiben sich nicht dem Kapitalismus, sondern dem Wohl der Gesellschaft – dieses Leitbild prägt die Gemeinwohlökonomie. Auch in Marburg hat sich eine Gruppe gegründet, um die Idee voranzubringen.

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Ein Teil der im vergangenen Jahr gegründeten Regionalgruppe „Gemeinwohlökonomie Lahn-Eder“ mit den Gründungsmitgliedern Stefan Schulte (ab Dritter von links) und Josef Rother.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Stefan Schulte, der seit 1995 Regionalmanager der Region Burgwald-Ederbergland ist, gehört quasi zu den „Gründungsmitgliedern“. „Josef Rother, Dirk Posse und ich haben vor einem Jahr zusammengesessen und gesagt, dass die Zeit reif ist, dass ein solches Projekt hier entsteht“, erinnert er sich.

Im Juni habe er dann Christian Felber, der Gründer der Bewegung, in Frankfurt gehört – „das hat mich so begeistert, dass wir dann noch im Juni die Regionalgruppe gegründet haben“, so Schulte. Seit Ende März ist diese nun offiziell als aktive Gruppe der internationalen GWÖ-Bewegung anerkannt, zählt derzeit rund 20 Mitglieder.

Die Gemeinwohlökonomie ist der Modellentwurf einer ethischen Wirtschaftsordnung, die für alle Menschen die gleichen Rechte, Freiheiten und Chancen vorsieht. Ziel der Bewegung ist es, individuelles, unternehmerisches und politisches Handeln an den Werten des Gemeinwohls auszurichten. Grundlage ist dabei eine Gemeinwohlbilanz, die von selbstständigen Unternehmen und Institutionen erstellt werden kann.

Hintergrund

Als Gemeinwohlökonomie (GWÖ) wird ein Wirtschaftsmodell bezeichnet, das eine Orientierung der Wirtschaft am Gemeinwohl, Kooperation und Gemeinwesen in den Vordergrund stellt. Anhand von Kriterien wie Menschenwürde, Solidarität, ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Mitbestimmungen können Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz erstellen – und so gegebenenfalls Vorteile erhalten, etwa bei Ausschreibungen oder auch durch Steuererleichterungen.

„Die Bilanz verdeutlicht, wie stark die Werte Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Demokratie beim unternehmerischen Handeln berücksichtigt werden“, erläutert Josef Rother. So ergäben sich transparente Informationen sowohl für Beschäftigte als auch für Verbraucher.

Die GWÖ sei ein „sehr charmanter Ansatz, da nicht im ersten Schritt alles radikal umgeworfen werden soll, sondern eine sanfte Reform empfohlen wird“, erläutert er. Rother ist Prokurist des Beratungs-Unternehmens „Gefak“, „auch für uns und unsere Beratung sind solche Ansätze interessant, denn wir versuchen ohnehin, das Thema Nachhaltigkeit fester im Bewusstsein unserer Kunden zu verankern“.

Rother hat sein Unternehmen bereits nach der GWÖ zertifizieren lassen, denn: „Wir messen den Erfolg unseres Unternehmens nicht alleine an monetären Kennziffern – denn das ist ein ganz zentrales Element, woran unser System krankt. Wir haben das, was Mittel zum Zweck ist – nämlich das Geld – zum Selbstzweck ernannt.“ Die GWÖ stelle „die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße, indem ein Unternehmen sich neben der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit auch fragt, was es in ökologischer oder sozialer Hinsicht tut“.

Anhand von allseits akzeptierten Grundwerten, „die auch in jeder Verfassung verankert sind“, können Unternehmen die Gemeinwohlbilanz erstellen – so kann es direkt sehen, in welchen Gebieten es bereits gut ist oder wo noch Verbesserungspotenzial besteht. „So können sich die Firmen Ziele setzen, die nicht darauf ausgerichtet sind, den Umsatz um zehn Prozent zu steigern – sondern etwa, mehr Mitarbeiter zu qualifizieren oder Ähnliches“.

Diese Bilanz stelle laut Rother „ein hervorragendes Werkzeug zur Organisationsentwicklung“ dar. Außerdem wolle die GWÖ versuchen, die Werte, die man im persönlichen Umfeld schätze, auch auf die Wirtschaft zu übertragen. Das seien die kurzfristigen Ziele, „doch die Vision sieht vor, dass unser Wirtschaftssystem nach und nach so umgestaltet wird, dass Unternehmen, die so etwas machen, besser ­dastehen“ – etwa durch steuerliche Anreize.

Leader-Mittel zur Beratung von Firmen und Gemeinden

„Die Gemeinwohlbilanz ist aber selbst dann, wenn der Überbau nicht greift, ein ganz pragmatisches Instrument und für Unternehmen lohnend“, verdeutlicht Rother. Denn so könnten auch Verbraucher anhand der Bilanz direkt erkennen, wie sich eine Firma engagiert – ein handfester Wettbewerbsvorteil. Wünschenswert sei beispielsweise, dass Unternehmen mit einer positiven Gemeinwohlbilanz bei öffentlichen Ausschreibungen den Vorzug bekämen.

Rother weiß: „Man braucht einen langen Atem.“ Doch wenn er vor einigen Jahren bei der Vorstellung von Studien mit der Erkenntnis, dass das Wirtschaftssystem in seiner jetzigen Form gegen die Wand fahren werde, noch heftigen Gegenwind erfahren habe, „ernte ich diesen Widerspruch heute nicht mehr. Die Zeit ist also reif.“

Die Stadt Frankenberg hat in Zusammenarbeit mit der GWÖ-Regionalgruppe ein durch EU-Leader-Mittel gefördertes Programm für die Region Burgwald-Ederbergland auf den Weg gebracht, dessen Ziel es ist, dass durch Information und Beratung von Unternehmen und Gemeinden diese eine Gemeinwohlbilanz erstellen. 32.000 Euro gibt es dafür. Die erste Gemeinde hat bereits einen Schritt getan: So hat Bürgermeister Volker Carle die Idee eingebracht, Cölbe zu einer „Gemeinwohl-Gemeinde“ zu entwickeln (die OP berichtete).

Die Regionalgruppe will die GWÖ nun in der Region bekannter machen. So findet am Dienstag, 16. Mai, eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel: „Gemeinwohlökonomie als Weg einer gesellschaftlichen Transformation?“ im Technologie- und Tagungszentrum Marburg statt. Zudem findet vom 3. bis 5. November die Regionalkonferenz „Nachhaltig handeln – Wirtschaften fürs Gemeinwohl“ in Cölbe statt. Hauptreferent wird Christian Felber, Begründer der GWÖ, sein.

von Andreas Schmidt

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