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Rente mit 70 „wird kein Tabu mehr sein“

Marburger Wirtschaftsgespräch Rente mit 70 „wird kein Tabu mehr sein“

Beim Marburger Wirtschaftsgespräch referierte Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats und häufiger Gast im Kanzleramt, über wirtschaftspolitische Herausforderungen.

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Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates, sprach zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vertreter der lokalen Wirtschaft waren zum Treffen der unionsnahen Vereinigung von Wirtschaftsvertretern gekommen.

Steigers Vortrag unter dem Titel „Den Wandel gestalten – Positionierungen des Wirtschaftsrates zu den Herausforderungen der Zukunft“ war ein kritischer Streifzug durch sämtliche aktuellen bundes- und europapolitischen Themen.

Gleich zu Beginn sprach er über seine Auffassung der Schuldenkrise in Griechenland, unterstützte dabei den Sparkurs von Kanzlerin Angela Merkel (CDU): „Hilfe sollte es nur im Gegenzug für Reformen geben, nicht für den, der am lautesten ruft.“

Seit der Regierungsübernahme durch Ministerpräsident Alexis Tsipras sei zu viel Kapital außer Landes geflossen. Und auch, wenn die Rückzahlung der griechischen Schulden höchst fraglich sei – ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone hält Steiger für verkehrt: „Dann bestünde die große Gefahr, dass Griechenland das europäische Gleichgewicht kippt und andere südeuropäische Länder nachfolgen. Griechenland ist der Lackmus-Test für die europäische Idee.“

Brauchen nicht nur „Mundwerker“

Im wirtschaftlichen Wettrennen mit den USA und China dürfe sich die EU nicht in Kleinstaaterei verlieren, sondern müsse geschlossen agieren. Gleichzeitig stelle der demografische Wandel eine große Herausforderung dar. Steiger geißelte die „Sozialromantik“ der SPD und das kürzlich von der großen Koalition beschlossene Rentenpaket der SPD-Politikerin Andrea Nahles.

„Die Rente mit 63 bürdet jedem Neugeborenen in Deutschland ein Gros an Neuschulden auf“, befand Steiger. „Deutschland wird bis 2030 6,5 Prozent der Erwerbstätigen verlieren. Die Rente mit 63 verschärft dieses Problem noch zusätzlich“, kritisierte er, machte sich stattdessen für einen flexiblen Renteneintritt stark und forderte mehr Transparenz in der Altersvorsorge. Gleichzeitig prognostizierte Steiger: „Langfristig wird die Rente mit 70 kein Tabu mehr sein.“

Durch die Rente mit 63 werde der Fachkräftemangel zudem immer drängender. Steiger betonte: „Wir benötigen mehr Anerkennung für Handwerker, Deutschland kann nicht nur ein Land von Akademikern sein. Wir brauchen nicht nur ,Mundwerker‘, sondern auch Handwerker.“

Angesprochen auf die diesbezügliche Rolle der Asylpolitik propagierte Steiger die Einführung eines Punktesystems wie in Kanada und Australien, das die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte favorisiert. Eine wichtige Rolle spielten dabei die jeweiligen brancheninternen und lokal-wirtschaftlichen Bedürfnisse. Die derzeitigen Einwanderungsverfahren seien zu langwierig: „Ausländische Fachkräfte – auch aus Südeuropa – tun sich das deutsche Bürokratiemonster nicht an. Die gehen lieber woanders hin.“

Energiewende ist eine „Herkulesaufgabe“

Schließlich ging der Gast aus Berlin auf die aktuelle Energiepolitik der Bundesregierung ein. Mit 105 Milliarden Euro an Subventionen für erneuerbare Energien sei eine dramatische Grenze erreicht. Die Energiewende, das Kind einer schwarz-gelben Regierung, drohe der Regierung zu entgleiten.

„Wir wollten eine Vorreiterrolle einnehmen, haben wichtige Atomkraftwerke abgeschaltet. Vier Jahre nach Fukushima ist uns aber noch niemand gefolgt. Da müssen wir uns schon fragen, ob wir überhaupt auf dem richtigen Weg sind“, kritisierte Steiger den Run auf erneuerbare Energien. „Wir brauchen Energie nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen“, forderte er.

Steiger wolle von Subventionen wegkommen, konnte sich allerdings nicht der Kritik eines Ratsmitglieds widersetzen, das die Unterstützung des Wirtschaftsrates von teuren Offshore-Windanlagen anprangerte und mehr Kompetenz innerhalb des Rates in Bezug auf erneuerbare Energien anmahnte. Zum Abschluss machte Steiger jedoch deutlich: „Energiewende und Infrastruktur sind die Herkulesaufgaben der Zukunft. Jetzt müssen die Weichen gestellt werden, bevor 2017 die nächste Bundestagswahl bevorsteht.“

von Jouka Röhm

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