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„Rente ist vor allem ein Jugendthema“

DGB und andere Gewerkschaften werben „Rente ist vor allem ein Jugendthema“

Mit einer Aktion an Hunderten Pendler-Bahnhöfen haben die Gewerkschaften vor einer kompletten Aushöhlung der Rente gewarnt. Auch in Marburg wurden Flyer zum Thema verteilt.

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Michaela Vermeij (rechts) verteilt vor dem Marburger Hauptbahnhof Informationsmaterial zum Thema Rente an Passant Dennis Porras. Die Gewerkschaft will das Thema im Bundestagswahlkampf platzieren.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Soziale Gerechtigkeit – dieser Begriff ist seit der Kür von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt. Und genau da ­gehört er auch hin, findet Dr. Ulf Immelt, Organisationssekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Mittelhessen. „Die soziale Frage soll wieder in den Fokus der Politik rücken“, so Immelt – und ein zentraler Bestandteil dessen sei die Rente.

Damit diese im anstehenden­ Bundestagswahlkampf eine entsprechende Berücksichtigung findet, haben der DGB und die anderen Gewerkschaften gestern eine Kampagne ­gestartet. An mehr als 300 Bahnhöfen – darunter in Mittelhessen neben Marburg auch ­Gießen und Wetzlar – und anderen Pendler-Hotspots verteilten Gewerkschafter Zehntausende mit Parolen bedruckte Tüten voller Coffee-Sticks und Müsli-Riegeln sowie Flyer. Heute will die große Koalition im Bundestag die letzten drei großen Renten-Reformgesetze dieser Wahlperiode beschließen. Dann dürfte­ die Rente eine Rolle im Wahlkampf spielen. Erwartet wird, dass die SPD den Startschuss mit der Vorstellung ihres Rentenkonzeptes gibt.

„Das Modell Riester 
hat versagt“

Verdi-Chef Frank Bsirske sagte bei der Aktion an einem S-Bahnhof in Berlin: „Wir brauchen einen Kurswechsel in der Rentenpolitik.“ Das Sicherungsniveau der Rente müsse jetzt auf dem aktuellen Stand von 48 Prozent stabilisiert und im weiteren Schritt angehoben werden – etwa auf 50 Prozent. Das Niveau beschreibt das Verhältnis der Rente zum Durchschnittslohn. IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban kritisierte: „15 Jahre Riester-Rente haben gezeigt, dass man den Lücken in der gesetzlichen Rente nicht hinterhersparen kann.“

In die gleiche Kerbe schlägt auch Immelt. „Das Modell Riester hat versagt“, sagt er. Im Jahr 2002 hatte der damalige ­Bundesarbeitsminister Walter­ Riester die staatlich geförderte private Altersvorsorge im Altersvermögensgesetz verankert. Seitdem besteht ein „Drei-Säulen-Modell“ aus staatlicher, betrieblicher und vom Staat geförderter privater Altersversorge. Jene dritte Säule diene aber nicht den Interessen der arbeitenden Bevölkerung, das heißt der künftigen Rentner, glaubt Immelt. Gerade Menschen mit geringen Einkommen könnten sich dies gar nicht leisten.

Immelt warnt vor Altersarmut

Und selbst wenn, bleibe ein Teil der Rücklagen immer bei Versicherungskonzernen hängen, die mit der Altersvorsorge Geld verdienten. Daher träten die Gewerkschaften dafür ein, die gesetzliche Rente zu stärken. „Das Geld für Riester-Rente wandert an die Versicherungskonzerne statt an den Staat. Man sollte es lieber sinnvoll in die staatliche Rente investieren“, so Immelt. Dann steige auch der Arbeitgeberanteil wieder ein wenig.

Auf den verteilten Flyern fordern die Gewerkschaften, den Anteil der gesetzlichen Rente­ zunächst bei den 48 Prozent zu stabilisieren und in einem zweiten Schritt auf 50 Prozent anzuheben. Eigentlich ist eine­ schrittweise Absenkung von 53 Prozent Anfang des Jahrtausends bis auf unter 42 Prozent im Jahr 2045 vorgesehen. Der Prozentwert entspricht dabei der Höhe einer Standardrente­ im Vergleich zum deutschen Durchschnittsverdienst. „Das führt zu zunehmender Altersarmut“, sagt Immelt.

„Die Rente mit 67 
ist gescheitert“

Auch die Rente mit 67 sei „gescheitert“. „Jedem dürfte klar sein, dass man in diesem Alter nicht mehr auf dem Bau stehen oder im Klinikum pflegen kann“, so der Gewerkschafter. Daher „müssen flexible Übergänge geschaffen werden“. „Das haben wir uns nicht in irgendwelchen Vorstandsetagen ausgedacht“, betont er. Die Erkenntnis resultiere unter anderem aus einer Beschäftigten-­Befragung. Da zudem auch die Arbeitsbelastung immer größer werde, solle es etwa besser möglich sein „Teilzeitphasen einzubauen“ – sei es zur Erholung oder zur Weiterbildung.

Ein weiterer Punkt sei, stärkeren Schutz bei der Erwerbsminderungsrente zu schaffen – „für Leute, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden“. Schließlich sei es „kein Geheimnis, dass Arbeit immer stressiger wird“. Aus diesem Gesichtspunkt heraus und aufgrund des „massiven Niedriglohnsektors“ sowie von häufigen Befristungen der Arbeitsverträge sei Rente „vor allem ein Jugendthema – auch wenn das Paradox klingt“. Denn die Jungen seien es, die später weniger Rente zu erwarten haben. „Daher wollen wir eine gesellschaftliche Stimmung schaffen, die dafür sorgt, dass die Politik das Thema angehen muss.“

von Peter Gassner
 und unserer Agentur

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