Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Region ist Innovationstreiber in Hessen

Patentanmeldungen im IHK-Bezirk steigen Region ist Innovationstreiber in Hessen

Nicht nur wirtschaftlich geht es der Region gut – sie ist auch innovativ: 
 Das belegt die Zahl der 
Patentanmeldungen 
im IHK-Bezirk Kassel-Marburg, die hessenweit den Spitzenplatz einnimmt.

Voriger Artikel
Programm eröffnet Perspektiven für Frauen
Nächster Artikel
„Speed-Dating“ für Unternehmer

Die Firma Schneider in Fronhausen ist eines der „patentaktiven“ Unternehmen im IHK-Bezirk: Geschäftsführer Gunter Schneider (von links), Oskar Edelmann von der IHK und Dr. Stephan Huttenhuis stehen an einer „UPC 300“ – einem ultrapräzisen Bearbeitungszentrum für die wirtschaftliche Fertigung von Freiformflächen, in der mehrere Patente stecken.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Im Vergleich zu Hessen ist die Innovationskraft im Bezirk der IHK Kassel-Marburg derzeit am stärksten.

Die ansässigen Unternehmen haben im Zeitraum von 2010 bis 2013 gut 30 Prozent mehr Patente je 100.000 Einwohner angemeldet als der Durchschnitt der Unternehmen hessenweit. Das zeigt eine aktuelle Studie des Patentinformationszentrums Kassel (PIZ), die die IHK Kassel-Marburg in Auftrag gegeben hat.

Demnach wurden hessenweit 153 Patente je 100.000 Einwohnern angemeldet – im Kammerbezirk waren es indes 212. Innerhalb der IHK Kassel-Marburg sticht der Altkreis Marburg mit einer Patent-Anzahl von 272 je 100.000 Einwohnern deutlich heraus, gefolgt vom Schwalm-Eder-Kreis (249), Kassel (221) und Waldeck-Frankenberg (186). Auf den weiteren Plätzen folgen Eschwege mit 236 Anmeldungen und Hersfeld-Rotenburg (129).

Produkte benötigen eine „hohe Erfindungsgüte“

Bei der Gesamtzahl der Patent-Anmeldungen pro 1000 Unternehmen ist der Schwalm-Eder-Kreis mit 37 Spitzenreiter, gefolgt von Marburg (35) und Kassel (34). Waldeck-Frankenberg bringt es auf 26, Eschwege auf 23 und Hersfeld-Rotenburg auf 23 Anmeldungen je 1000 Unternehmen.

Um die aktivsten Wirtschaftszweige in der Region zu identifizieren, erfolgte die Darstellung der Anmeldetätigkeit der ansässigen Unternehmen erstmalig nicht wie üblich in Patentklassen, sondern bezogen auf die entsprechenden Wirtschaftszweige.

„Auf diese Weise lassen sich einzelne technologische Erfindungen besser in den gesamtwirtschaftlichen Kontext einordnen. Das ermöglicht eine Betrachtung der Entwicklungsaktivitäten innerhalb der Wirtschaftszweige“, sagt Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg.

Der stetige Anstieg der Patentanmeldungen in der Region gegen den Bundes- und Hessentrend sei ein deutlicher Indikator für die Innovationsdynamik der heimischen Unternehmen.
Patente standen zunächst nicht auf der Prioritätenliste

„Besonders erfreulich ist die Entwicklung in den Bezirken Marburg, Schwalm-Eder und Kassel. Dort liegen die durchschnittlichen Anmeldezahlen laut der Studie über dem Durchschnitt in Hessen“, sagt auch IHK-Präsident Jörg Ludwig Jordan. Positiv hervorzuheben sei auch, dass selbst die Zahlen der beiden weniger patentaktiven Landkreise Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner dem hessischen Durchschnitt sehr nahe kämen.

Doch wie sieht es mit Patentanmeldungen in der Praxis aus? Das erklärt Gunter Schneider, Geschäftsführer der Firma Schneider in Fronhausen, einem der führenden Hersteller von Bearbeitungslösungen für die Brillen- und Präzisionsoptik-Industrie.

„Wir sind von Innovationen fasziniert und setzen grundsätzlich auf Produkte mit einer hohen Erfindungsgüte – denn das können wir am Markt entsprechend platzieren“, sagt Schneider. Allerdings habe das Unternehmen in der Anfangszeit nicht gleich die Notwendigkeit erkannt, auf Patente zu setzen. „Wir haben die Maschine gemacht und im Nachhinein gedacht, es wäre gut, einen Teil patentieren zu lassen“, erläutert Schneider.

Später habe sich herausgestellt, dass diese „sehr wichtigen Entwicklungen, die bis heute Marktgeschichte schreiben, von höchster Bedeutung waren – doch bei der Patentanmeldung wurde der ein oder andere Fehler begangen. Das führte dazu, dass vieles massiv kopiert wurde – dadurch ist auch ein wirtschaftlicher Schaden entstanden.“

Daraufhin habe das Unternehmen seine Philosophie geändert, „mit der Entwicklung der Maschinen wird parallel an der Patentierung gearbeitet – beides reift gemeinsam, wenn das Produkt fertig ist, ist auch das Patent fertig“.

Patentanmeldung ist 
immer eine Gratwanderung

Treibender Gedanke sei dabei nicht, über Lizenzierungen Geld zu verdienen. „Viel mehr geht es darum, um das Produkt einen Zaun zu ziehen, damit andere Unternehmen die Annäherung unterlassen“, erläutert Schneider – um die eigenen Innovationen und Investitionen zu schützen. Streit um Patente gebe es durchaus, erläutert 
Dr. Stephan Huttenhuis, Vice President Technology bei Schneider.

„Allerdings landet nicht jeder Streit vor Gericht, wir versuchen zunächst, die Konflikte außergerichtlich beizulegen.“ Wenn ein Konkurrent ein Patent anmelde, gebe es die Möglichkeit, Einspruch einzulegen, „etwa, weil es einen Stand der Technik bereits gibt“.

Und dieser ist entscheidend für die Anmeldung – stellt aber zugleich ein Problem dar: Meldet man den Bereich zu breit an, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sich vom bestehenden Stand der Technik nicht genügend absetzt. Meldet man zu begrenzt an, bleiben eventuell andere Teile ungeschützt. Die Patentanmeldung sei also durchaus eine Gratwanderung.

Huttenhuis konkretisiert: „Mit der Anmeldung schafft man einen Stand der Technik. Wenn man mit dem Patent durchkommt, genießt man ein Schutzrecht und bekommt auch ein Verbietungsrecht.“ Komme man mit dem Patent allerdings nicht durch, „hat man den Stand der Technik auch geschaffen – andere können aber davon profitieren“. „Patentmanagement ist daher ein Fulltime-Job – der Markt muss kontinuierlich beobachtet werden“, sagt Schneider.

Kosten spielen große Rolle

Zudem könne es mehrere Jahre dauern, bis ein Patent erteilt werde. Denn: Je bedeutender eine Anmeldung für den Markt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass zahlreiche Widersprüche eingelegt werden. „Die müssen alle vom Patentamt bewertet und geprüft werden“, so Huttenhuis.

Und auch die Kosten spielen eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Denn in der Regel reicht es für ein global agierendes Unternehmen nicht, das Patent nur für Deutschland anzumelden – sondern für jeden Markt, in dem es geschützt sein soll. Warum, erläutert Gunter Schneider: „Wenn das Produkt von elementarer Bedeutung für den Markt ist, könnte sich ein Konkurrent ja entschließen, das Teil dort zu produzieren, wo es nicht geschützt ist.“

Folglich muss die Anmeldung pro Land angemeldet werden – mit kompletter Dokumentation in Landessprache und in dem jeweiligen Rechtssystem. „Da muss man Zugeständnisse machen“, sagt Schneider, „wir schätzen von den Produkten die Marktrelevanz ein und entscheiden dann, wo Patente benötigt werden“, sagt Gunter Schneider.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr