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Freude in Augen der Kunden „ist mein Geschenk“

Integration Freude in Augen der Kunden „ist mein Geschenk“

Die Syrerin Rasha Essa 
absolviert seit einem knappen Jahr eine Ausbildung bei der Agentur für Arbeit – und meistert auch die Hürde der Fachbegriffe „auf dem Amt“ mit Bravour.

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Rasha Essa absolviert bei der Arbeitsagentur eine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Im Oktober 2015 floh Rasha Essa aus Damaskus nach Deutschland, erhielt nach einem kurzen Aufenthalt im Cappeler 
Flüchtlingscamp ein Zimmer in einer Marburger 
Privatwohnung bei einer Familie. Damals sprach sie kaum Deutsch – das hat sich geändert: Im Plauderton kommen ihr heute auch Fachbegriffe wie „Ausbildungsbegleitende Hilfe“ oder „Ortsabwesenheit“ flüssig über die Lippen. Doch so ganz ist die ­angehende „Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleistungen“ mit ihrem Deutsch noch nicht zufrieden. „Das muss noch viel besser werden“, sagt sie selbst – was zu Kopfschütteln bei ihren Kollegen führt.

In ihrer 
Heimat hatte Rasha Essa bereits ein Chemie-Studium absolviert, arbeitete­ im Vertriebsmarketing und gab Sprachunterricht in Englisch und Arabisch. Als man ihr bei der Arbeitsagentur zunächst ­eine Einstiegsqualifizierung anbot, die dann in eine Ausbildung mündete, war sie skeptisch: „Ich habe ja nichts verstanden und habe gesagt, dass ich es nicht schaffe.“ Doch Agenturleiter Volker Breustedt überzeugte sie vom Gegenteil – also wagte sich die heute 32-Jährige nach einem intensiven Sprachkurs an das „Abenteuer Ausbildung“ – mit Erfolg. „Am Anfang war es etwas langweilig, denn es gab nur Theorie – und ich hasse Theorie“, sagt sie lachend. Vor allem mit den Gesetzestexten hatte sie zu kämpfen, „ich brauche immer Beispiele“, sagt sie. Damit habe es dann geklappt.

Arbeit mit Menschen macht der 32-Jährigen viel Spaß

Da sie selbst als Lehrerin gearbeitet hat, weiß sie, dass die Lehrer in der Berufschule für sie nicht alle Zeit der Welt aufbringen können. „Daher fängt der Unterricht für mich zu Hause noch einmal an: Ich muss alles ganz detailliert wiederholen, um es zu verstehen. Aber das ist meine Pflicht“, sagt sie. Hilfe bekommt sie – neben ihren Ausbildern – auch von ihren Mit-Azubis, die sie immer fragen könne. „Für die bin ich die Oma“, sagt sie lachend, denn sie sei die Älteste, „aber das ist überhaupt kein Problem“.

Bis jetzt durchlief Rasha Essa­ beispielsweise die Leistungsabteilung und arbeitete schon in der Eingangszone. „Mittlerweile geht die Zeit so schnell rum, und es macht so viel Spaß – es war die richtige Entscheidung.“ Anfangs habe sie sich nicht getraut, mit Kunden zu ­reden, „denn vielleicht verstehen sie mich ja gar nicht“ – doch die Angst war unbegründet. „Als sie gesagt haben, sie hätten keine Fragen mehr, war ich so glücklich“, sagt Essa lachend. Überhaupt lacht sie sehr gerne, „das ist meine Art“. Sie weiß aber auch, dass viele der Arbeitsagentur-Kunden in einer persönlich schwierigen Situation sind. Dann versuche sie, diese mit ihrem Optimismus anzustecken.

Breustedt: „Probiert die Menschen aus“

„Ich finde es schön, Menschen zu helfen. Wenn ich die Freude­ in den Augen der Menschen­ ­sehe – dann ist das wie ein ­Geschenk für mich.“ Traurig macht sie nur, dass sie ihren Mann, der seit drei Monaten im Sudan ist, nicht sehen kann. Besuchen darf sie ihn nicht – ob er herkommen darf, ist noch nicht geklärt. „Ich hasse diese Ungewissheit, man weiß gar nicht, was kommt“, sagt sie. Sie habe in ihrer Verzweiflung sogar schon überlegt, ­ihren Asylantrag zurückzunehmen. Doch mit ihrem Optimismus will sie zunächst ihre Ausbildung zu Ende bringen.

Für Agenturleiter Volker Breustedt ist klar: „Clint Eastwood hat gesagt: ,Willst du Garantien, kauf dir einen Toaster‘ – bei Menschen gibt es aber keine Garantien. Insofern sind wir damals ein Wagnis eingegangen, denn wir hatten eine Ausbildung mit jemandem, der noch nicht so gut Deutsch spricht, auch noch nicht ausprobiert.“ Dennoch habe man den Schritt gewagt – „und haben es noch nicht eine Sekunde bereut“, so Breustedt. Denn Rasha Essa sei „top-engagiert, sie bewältigt die fachlichen Inhalte mit Bravour, und die Prüfungsleistungen, die sie bisher bringen musste, sind gut bis sehr gut“.

Aber er habe auch festgestellt, dass die Betreuung schon intensiver sein müsse. „Man muss mehr mitdenken und im Austausch sein, aber ehrlich gesagt: So war Ausbildung auch früher flächendeckend angelegt – dass ein ,Lehrherr‘ sich darum kümmert, wie alles läuft.“ Breustedt habe „überhaupt keinen Zweifel daran, dass sie die Ausbildung schaffen wird – und ich kann nur allen Arbeitgebern raten: Probiert die Menschen aus“.

von Andreas Schmidt

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