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Rakowitz: „Systematische Körperverletzung“

Kostendruck in Krankenhäusern Rakowitz: „Systematische Körperverletzung“

Geld oder Gesundheit? Was steht für Krankenhäuser an oberster Stelle? Laut Dr. Nadja Rakowitz sehen sich die Kliniken durch politische Entscheidungen gezwungen, überflüssige Eingriffe durchzuführen.

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Viele Operationen sind unnötig, lautet der Vorwurf der Medizinsoziologin Dr. Nadja Rakowitz.

Quelle: Arne Dedert

Marburg. „Das Schlagwort Kostenexplosion hört man in den Krankenhäusern seit 30 Jahren“, so Dr. Nadja Rakowitz. Die Verweildauer von Patienten in der Einrichtung sei zu lang, die öffentliche Versorgung nicht effizient, seien die Argumente. Daher habe in den Krankenhäusern seitdem eine innere Ökonomisierung stattgefunden.

„Sie sind zu Unternehmen umgebaut worden“, erklärte die Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. In einem Vortrag zum Thema beantwortete sie die Frage „Woher kommt der Kostendruck im Krankenhaus?“. Die Veranstaltung im Hörsaalgebäude wurde organisiert vom Marburger Aktionsbündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“ und dem Bündnis „Krankenhaus statt ­Fabrik“.

Im Vergleich zu Anfang der 90er-Jahre habe sich die durchschnittliche Verweildauer von 14 Tagen auf sieben verkürzt. Seit 2004 funktioniere die Finanzierung nach dem deutschen DRG-System nach sogenannten Fallpauschalen. Dabei sei dem ermittelten Durchschnittspreis der Behandlung eines Patienten, der ins Krankenhaus komme, der Wert DRG 1 zugeordnet worden. Dieser Wert werde mit einem sogenannten Landesbasisfallwert multipliziert, der von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sei.

Das Krankenhaus bekomme also Geld für Patienten, nicht aber, um Vorhaltekosten oder die Finanzierung von Baumaßnahmen zu decken. „So bleibt ihm nichts anderes übrig, als Fälle, das heißt Patienten zu bekommen“, so Rakowitz (Foto: Altmüller). So sei zu erklären, warum Deutschland im OECD-Vergleich bei vielen Eingriffen Spitzenreiter sei.

Deutlich über dem Durchschnitt liegen beispielsweise die Zahlen der Herzkatheteruntersuchungen und des Hüftgelenkersatzes. Eine Krankenkasse habe festgestellt, dass 85 Prozent der durchgeführten Bandscheiben-­Eingriffe überflüssig seien. „Man macht im deutschen System systematisch Körperverletzung, weil die Eingriffe nicht medizinisch indiziert sind“, hätten Ärzte zugegeben, so ­
Rakowitz.

Aber auch Unterversorgung sei eine Folge der Ökonomisierung. Eine Pflegekraft versorge in Deutschland 10,3 Patienten. Zum Vergleich: In Norwegen, dem Schlusslicht in der Studie, liegt die Zahl bei 3,8. „Jeder Patient mehr, den eine Pflegekraft zu versorgen hat, lässt die Mortalität ansteigen.“ Wenn die Zahl beispielsweise von sechs auf sieben steige, erhöhe sich die Rate der Todesfälle bis 30 Tage nach Entlassung um sieben Prozent.

Rakowitz kritisiert Gesetzteslage

Der finanzielle Druck auf die Krankenhäuser habe sich auch durch den Rückzug des Staates aus Investitionen erhöht. In den letzten zehn Jahren ist die Summe um fast 27 Prozent gesunken.

„Fünfzig Prozent der Krankenhäuser sind an der Insolvenzgrenze“, so Rakowitz. Es sei die Frage, wo das hinführen werde. Weil der Bedarf bestehe, sei das Schließen der Einrichtungen eigentlich keine Option. Früher hätten Krankenhäuser­ genau so viel Geld bekommen, wie sie benötigten. Wenn sie Überschüsse erwirtschaftet hätten, seien sie zurückgezahlt worden, bei Verlusten sei nachverhandelt worden.

Nun könne es passieren, dass eine Patientin schwerverletzt eingeliefert werde, mehrere Wochen auf der Intensivstation liege, zahlreiche Operationen bekomme und das Krankenhaus dabei auf Kosten von beispielsweise 88.000 Euro sitzen bleibe. Dafür sei ein Gesetz verantwortlich, das es dem Krankenhaus ermögliche, Gewinne und Verluste zu machen.

Der Vortrag fand als Beitrag zur Veranstaltungsreihe „Wie wollen wir arbeiten? Gute Arbeit & gutes Leben: Under Construction“ statt, die unter anderem vom Asta Marburg und der DGB-Jugend Mittelhessen durchgeführt wird.

von Freya Altmüller

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