Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Rados empfiehlt das türkische Modell

VR Bank Mittelhessen Rados empfiehlt das türkische Modell

Angst und Vorsicht sind ständige Begleiter, wenn sie in Regionen mit vielen Islamisten unterwegs ist, berichtet die Kriegsreporterin Antonia Rados auf der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen.

Voriger Artikel
Kriegsreporterin Antonia Rados in Marburg
Nächster Artikel
Abmahnungen bleiben in der Akte

Die bekannte Fernsehjournalistin Dr. Antonia Rados sprach auf der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Lange Zeit dachte Antonia Rados sie sei eine der wenigen Journalisten, die trotz Kriegserfahrung und reichlich Kenntnissen Angst haben. Angst vor Unbekannten, aber auch vor Menschen, die sie seit Jahren als Informanten in Ländern wie dem Irak schätzt und denen sie niemals zutrauen würde, dass sie Journalisten enthaupten. Erst als sie von einem Profi-Leibwächter erfuhr, dass auch sein ständiger Begleiter die Angst ist, gehe sie offen damit um.

Auch wenn der Titel ihres Vortrags am Donnerstagabend während der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen „Gefahr, Risiko und Mut – aus dem Leben einer Kriegsreporterin“ lautet, erzählt die TV-Frau den rund 900 Zuhörern nicht viel mehr Persönliches. Die zierliche Frau, die viele „Schurkenstaaten“ bereist hat, mit Diktatoren wie Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi Interviews führte, mit Terroristen und Islamisten spricht, plaudert auf der Bühne nicht aus dem Nähkästchen, erzählt weder Räuberpistolen noch tragische Geschichten.

Große Emotionen bleiben aus. Dennoch lauscht das Publikum ganz gespannt auf die frei vorgetragene Rede der 61-Jährigen. Sie blickt immer wieder auf Ereignisse aus der Geschichte zurück, um den Bogen zu den Islamisten von heute zu spannen. Das erste so genannte Terrorregime hat Maximilien de Robespierre 1789 erfunden, sagt Rados. „Leute, die jetzt im Islamischen Staat auftauchen, sind würdige Nachfolger dieses Terrorregimes.“ Erst als Robespierre entmachtet wurde, habe man erkannt, dass nur 22 Menschen hinter diesem Regime steckten.

Die RTL-Reporterin Dr. Antonia Rados (61) erzählte am Donnerstagabend in der Sporthalle des Georg-Gaßmann-Stadions vor rund 900 Zuhörern eindrucksvoll von ihrem Beruf als Reporterin in Kriegsregionen.

Zur Bildergalerie

 

„Eine wichtige Erkenntnis aus der Geschichte“, sagt die Österreicherin, die in Paris lebt. Auch hinter der Masse von jungen Kämpfern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) stecken wenige Hintermänner, sagt Rados. „Die Spitze des IS sind die echten Robespierres.“ Das seien Männer, die früher in den Geheimdiensten der Diktaturen arbeiteten. Im Irak sei es der frühere Sicherheitsapparat von Ex-Staatschef Saddam Hussein, der die Fäden ziehe.

Für Journalisten sei es beinahe unmöglich, diese Hintermänner und Strippenzieher zu treffen. Die Ex-Geheimdienstler seien zu erfahren, zu gewieft. An dieser Stelle sieht Rados einen Zusammenhang zum Krieg in der Ukraine: Man dürfe nicht vergessen, dass der russische Präsident Wladimir Putin auch für Geheimdienste gearbeitet habe. Die Methoden seien ähnlich.

Die „Robespierres im Nahen Osten“ nutzen Angst als Hauptmittel für ihre Ziele, sagt sie. Die radikalisierte Masse aber, die Mehrheit ist jünger als 30 Jahre alt, agiert mit Neuen Medien. Durch Smartphone und Satellitenfernsehen kommen frustrierte junge Menschen im Nahen Osten mit der radikalen Form der Religion in Berührung, berichtet die Fernsehjournalistin. „Bilder schauen können auch Analphabeten.“ Sie erzählt von den Ärmsten, die in Hütten ohne Strom leben, aber ein Handy besitzen und Journalisten lotsen.

Erhoffter Wohlstand bleibt aus

„Das IS-Terrorregime wird zum größten Teil von Jugendlichen und von Bildern getragen“, sagt sie und berichtet anschaulich über Begegnungen mit Menschen an der syrisch-türkischen Grenze, die ihr in wenigen Minuten versiert über Handy Videos von Greueltaten überspielen. „Die Jugend ist leicht zu verführen. Die Technologie spielt eine riesige Rolle“, sagt sie.

Unterm Strich wisse man aber dennoch wenig über den IS. Rados zeichnet sachlich ein düsteres Bild von Ländern, die vor nicht allzu langer Zeit den „arabischen Frühling“ erklärten. Der erhoffte Wohlstand sei ausgeblieben: Die einen wollen zu IS übertreten, weil sie dort Geld bekommen, und die anderen sparen ihr Geld, um von Schmugglern nach Europa gebracht zu werden. „Das sind die Visionen in einigen Ländern.“

Die Türkei und der Iran sind nach ihrer Ansicht die Länder, die Stabilität in den islamischen Ländern bringen können. „Die Türkei hat für viele junge Araber eine Vorbildfunktion.“ Es sei zwar kein arabisches, aber ein modernes, islamisches Land mit einem Wirtschaftsboom. Der Iran habe großes Potenzial als schiitische Großmacht, die Verhandlungen mit den USA und Europa über das Atomprogramm seien für den Frieden im Nahen Osten bedeutend.

Erdogan will Führungsposition

Im anschließenden Gespräch mit Dr. Peter Hanker, Vorstandssprecher der Volksbank Mittelhessen, sagt die Gastrednerin, dass der Terror im arabischen Raum nicht von außen zu stoppen sei. Nur die betroffenen Länder selbst könnten für Ordnung sorgen. Auch die arabischen Länder könnten sich auf ihre eigene Geschichte berufen, auf ihre Zivilisation, auf ihre Universitäten. „In jeder Religion ist das Positive und Negative zu finden.“ Auch wenn die Organisation IS Angst verbreite, habe sie doch keine Macht.

Auf die Frage des Bank-Chefs, welche Rolle die Türkei in Europa einnehmen sollte, reagiert Rados mit einem Konter und sorgt am Ende für Lachen im Publikum: „Da haben Sie den Zug der Zeit verpasst. Die Türkei will nicht in die EU. Der große Markt ist im Süden und Osten.“ Präsident Recep Tayyip Erdogan steuere auf eine Führungsposition im gesamten Nahen Osten zu. Die Europäer sollten ihr Denken umstellen: Nicht alle religiösen Parteien seien radikal und undemokratisch. „Das türkische Modell ist auch in anderen Ländern zu kopieren“, sagt Rados.

Die Zuhörer sind von der „bescheidenen“ Promi-Journalistin beeindruckt, eine Schlange bildet sich am Autogramm-Tisch. Hanker, der zuvor die wirtschaftliche Situation der Volksbank, die ein erfolgreiches Jahr hinter sich hat, präsentierte, ist ebenfalls beeindruckt von der Nähe, die Rados zu unbekannten Orten und komplizierten Themen herstellt.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr