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Rados analysiert Arabischen Frühling

Hinterlandhalle Rados analysiert Arabischen Frühling

Etwa 1300 Besucher kamen auf Einladung der VR Bank Biedenkopf-Gladenbach in die Hinterlandhalle, um Dr. Antonia Rados zu hören. Sie sprach zum Thema "Wohin geht der Nahe Osten? Öl und Revolutionen".

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Antonia Rados bei ihrem Vortrag in der Hinterlandhalle: Arabische Revolution hat die Freiheit der Jugendlichen gebracht.

Quelle: Andreas Schmidt

Dautphetal. Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete promovierte Politologin Rados arbeitet seit rund 30 Jahren als Auslandskorrespondentin in Kriegs- und Krisenregionen. Haupt-Einsatzgebiet der 60-Jährigen ist der Nahe Osten, über den sie ein profundes Wissen verfügt. Und an diesem ließ sie ihre Zuhörer teilhaben - vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten Revolutionen.

„Alle Länder sind sehr einheitlich regiert worden“, so Rados. Der ehemalige ägyptische Präsident Husni Mubarak sei von 1981 bis 2011 an der Macht gewesen, Libyens Herrscher Muammar al-Gaddafi hatte die Macht bereits 1969 an sich gerissen. „Syriens Präsident Baschar al-Assad ist zwar noch relativ jung und erst seit 2000 im Amt, doch sein Vater war bereits seit Mitte der 70er Jahre an der Macht“, verdeutlichte Rados. „Und allen Machthabern ist eines gemein: Sie reden nur von Veränderungen - ohne etwas zu tun“, so die Journalistin.

Das verdeutlichte Rados am Beispiel Gaddafis: Ihn habe sie 1982 erstmals interviewt. „Damals erzählte er mir, was er alles verändern wolle. Und als ich ihn 2011 erneut interviewte, hat er genau dasselbe erzählt.“

Eine weitere Gemeinsamkeit der Machthaber sei ihre anti-islamische Einstellung - und das, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung dem Islam angehöre.

Gleichzeitig hätten die Herrscher westliche Ideen kopiert - etwa, wie man einen Staat aufbaue, „aber nicht die Ideen von Pressefreiheit und Demokratie.“ Dies sei dem Westen jedoch weitestgehend egal gewesen, denn: „Der Nahe Osten garantierte jahrzehntelang dafür, dass das Öl geflossen ist und hat so für unseren Wohlstand und Stabilität gesorgt.“ Dies habe auch die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice bemängelt: „Wir haben in Nahost so sehr auf Stabilität und nicht auf Demokratie gesetzt, dass wir nichts von beiden erreicht haben“, zitierte Rados sie.

„Proteste bleiben Alltag“

Danach warf die Journalistin einen Blick auf die Proteste und Revolutionen. Diese würden von einer „neuen Garde“ losgetreten: Die Demonstranten seien alle jung, arm und islamisch. So sei beispielsweise das Kopftuch der Frauen ein wichtiges Element des Protests - weil es die Machthaber vorher verboten hätten. Doch warum sind die Demonstranten alle so jung? „Weil in der arabischen Welt drei Viertel der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist“, erläutert Rados. Die Menschen seien in einem „völligen Stillstand aufgewachsen. Trotz des vielen Öls gab es keinerlei Fortschritt.“ Hinzu komme, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung, also rund 65 Millionen Menschen, Analphabeten seien.

Vor diesem Hintergrund gebe es drei wichtige Dinge für die Menschen: Das Handy und Satelliten-TV sowie das Internet, „dort vor allem Facebook. Ohne diese Kommunikationswege hätte es die Revolution nicht gegeben“, ist sich Rados sicher. Denn via Handy und sozialen Netzwerken ließen sich die Proteste schnell und effizient organisieren. „Und auch die Videos, die wir täglich sehen, werden mit Handys gedreht und direkt ins Internet gestellt.“

Dass in den Ländern nach den Protesten die Islamisten, allen voran die Muslimbrüderschaft, an die Macht gekommen sei, ist für Rados keine Überraschung: „Die Muslimbrüder gibt es bereits seit 1928. Und als die Staatsstrukturen nach den Protesten zusammengebrochen sind, waren sie am besten organisiert.“ Und das Wichtigste, um Wahlen zu gewinnen, sei eine gute Organisation. Mursi sei somit der erste frei gewählte islamische Präsident in Ägypten gewesen - auch, wenn er mittlerweile wieder gestürzt worden sei. „Aber wer soll sonst gewählt werden?“, fragt Rados. Die Jugend habe noch keine organisierten Parteien. „Und die Alternativen sind häufig noch schlimmer“, so Rados. „Dies könnte Chaos, Anarchie, die Rückkehr der Stämme und die Blutrache zwischen den großen Familien begünstigen“, ist sie sich sicher.

Die arabische Revolution habe einiges gebracht, „etwa die Freiheit der Jugendlichen.“ Dennoch würden Proteste noch lange zum täglichen Bild gehören. Die Aussicht auf Demokratie in den Ländern hingen laut Rados von den Partnern Türkei und Iran ab - beide seien nicht arabisch, aber islamisch geprägt. „Und beide hatten immer schon großen Einfluss auf die arabische Welt.“

von Andreas Schmidt

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