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Quote „übertrifft alle Erwartungen“

Projekt „In“ Quote „übertrifft alle Erwartungen“

Schwerbehinderten haftet häufig ein Stigma an, 
sie finden nur schlecht 
 Arbeit. Dagegen kämpft das Projekt „In“ – mit 
Erfolg: Durch persönliche Betreuung steigt die Vermittlungsquote deutlich.

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Angelika Rusch hat durch das Projekt „In“ eine neue Arbeitsstelle gefunden: Als Fachverkäuferin im „Schwälmer Brotladen“. Ermöglicht hat die Einstellung Fabian Dippel (links) von der Bäckerei und Michael Kastleiner vom Projekt.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Vor eineinhalb Jahren hatten Arbeitsagentur und Kreisjobcenter sich um Fördermittel des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales beworben.

Sie erstellten ein Konzept für das Projekt „In“, das ausgeschrieben den Titel „Inklusion durch Information, Beratung und Coaching, Innovative Personalentwicklung“ trägt. Und das mit Erfolg: Die heimischen Arbeitsvermittler erhielten die Zusage über Fördergelder in Höhe von 917.000 Euro.

Kooperationspartner ist das Berufsbildungszentrum (BBZ) Marburg – denn das BBZ hat einerseits eine große Nähe zum Arbeitsmarkt und bietet auch Kompetenzen in der Gesundheitsfürsorge und Rehabilitation durch seine Fachabteilung „berufliche Rehabilitation“.

Und das ist wichtig für den besonderen Charakter des Projekts: Es gilt nicht nur, die Teilnehmer des Programms in den Arbeitsmarkt zu integrieren und dafür bei den Betrieben „ordentlich die Werbetrommel zu rühren“, sondern auch, die psychische Stabilisierung und Motivation der betroffenen arbeitslosen Menschen in den Fokus zu nehmen. Ziel war es, bis Ende dieses Jahres mindestens 40 Schwerbehinderte zu vermitteln – eine Marke, die das Projekt „In“ ­locker geschafft hat.

Berater haben bereits 
250 Unternehmen besucht

Birgit Sturmat-Rosenbaum, Geschäftsführerin des BBZ, erläutert: „Wir haben schon im ersten Jahr festgestellt, dass das Projekt über die Erwartungen hinaus gut läuft“. 71 Teilnehmer seien es im Jahresverlauf gewesen, von denen 24 in Arbeit gebracht wurden. „Und auch im zweiten Projektjahr sind unsere Hoffnungen, die wir in das Projekt gesteckt haben, bereits übertroffen worden“, fügt sie hinzu. Denn von bis dato 70 Teilnehmenden wurden ebenfalls 24 vermittelt – das Projekt verzeichnet also eine Integrationsquote von 34 Prozent.

Sturmat-Rosenbaum verdeutlicht, dass es immer noch sehr schwer ist, Behinderte zu vermitteln, denn: „Es gibt immer noch Barrieren, vor allem im Kopf der Arbeitgeber.“ Die würden bei Schwerbehinderung fälschlicherweise an Menschen im Rollstuhl denken.

Zwei betriebliche Berater betreiben in Unternehmen ganz gezielt Akquise, 250 Betriebe wurden bereits angesprochen. Die Berater verdeutlichen den Arbeitgebern, dass diese „keine Behinderung oder Einschränkung, sondern eine gut ausgebildete Fachkraft“ einstellen.

Dazu werden die Teilnehmer im Projekt fit gemacht: Nach einer individuellen Kompetenzfeststellung erfolgt die persönliche Stabilisierung – sowohl bei psychischen Belastungen als auch bei Erkrankungen. Dabei setzt das Projekt neben Coaching-Gesprächen auch auf Kleingruppen-Angebote – von „Nachhilfe“ in Deutsch oder Mathematik über Nordic-Walking bis hin zu tiergestützten Coaching-Angeboten.

Gerhard Wenz, Bereichsleiter der Agentur für Arbeit, verdeutlicht die Wichtigkeit der Integration mit einem Blick in die Statistik: So seien 480 Schwerbehinderte im Landkreis arbeitslos gemeldet – 9,7 Prozent aller Arbeitslosen. Es sei wichtig, diese Betroffenen „intensiv zu coachen und ihnen so das Selbstvertrauen zurückzugeben, das bei langer Arbeitslosigkeit oft verlorengeht“.

Joachim Hikade vom Kreisjobcenter ergänzt: „Die Motivation von Menschen mit Behinderung zur Arbeitsaufnahme ist meistens besonders hoch. Eine lang anhaltende Arbeitslosigkeit stellt hingegen eine besondere psychische Belastung dar.“

Teilnehmerin: Arbeit steigert Selbstbewusstsein

Das bestätigen Teilnehmer, die das Projekt „In“ absolviert haben und so wieder einen Job fanden. So zum Beispiel Angelika Rusch: „Ich habe 34 Jahre lang gearbeitet, 4 Kinder großgezogen – und dann bekam ich einen Bandscheibenvorfall und eine Hüftarthrose“, sagt die 61-Jährige. Von ihrem Arbeitgeber wurde sie entlassen, es folgten Operationen und Reha. „Danach durfte ich nur noch drei Stunden arbeiten, war zweieinhalb Jahre arbeitslos. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“, sagt sie.

Ihre Betreuerin beim Jobcenter vermittelte sie in das Projekt, „und ich habe nur gute Erfahrungen gemacht: Ganz viele Gespräche geführt, kam aus dem Loch wieder heraus.“ Denn sie habe gemerkt, dass sie nicht alleine sei. Es folgte ein Praktikum mit Probearbeiten bei der Bäckerei Viehmeier. „Ich habe als Fachverkäuferin ganz viel Erfahrung – und wurde dann eingestellt. Das war mein absolutes Glück, ich habe direkt einen Zweijahresvertrag bekommen“, sagt sie. Ihr Arbeitgeber sei extrem flexibel: „Ich kann auch fünf oder acht Stunden arbeiten. Wenn es dann anstrengend war, habe ich danach einen Tag frei zur Erholung. Das klappt sehr gut.“ Nun sei sie wieder viel selbstbewusster, „es ist schön zu sehen, dass man geschätzt wird und ich trotz meines Alters noch leistungsfähig bin“.

Eine Erfahrung, die auch Ringo Petzold gemacht hat: Der 43-Jährige hat bis 2006 als Steinmetz gearbeitet, musste aber zweimal an der Schulter operiert werden. Fortan hatte er bei der Arbeit immer Schmerzen – sein Job war so nicht mehr möglich. Immer mal wieder bekam er Jobs über Zeitarbeitsfirmen, war so verzweifelt, „dass ich mich mit Cortison habe gesundspritzen lassen“. Doch auf Dauer ging das nicht. Bewerbungen blieben erfolglos, „jede Absage war eine Niederlage“. Das Projekt „In“ hat Petzold stabilisiert – mittlerweile arbeitet er als Küchenhelfer bei „Eßtragon“ – mit einem Zweijahresvertrag.

von Andreas Schmidt

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