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„Pommes-Dieter“ muss einpacken

Schulcafeteria contra Imbiss-Betreiber „Pommes-Dieter“ muss einpacken

Anita und Dieter Kuhl betreiben seit 33 Jahren den Imbiss auf dem Schulhof der Adolf-Reichwein-Schule (ARS). Nun wurde ihnen gekündigt – was eine Solidaritätswelle im Internet ausgelöst hat.

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Anita und Dieter Kuhl betreiben seit 33 Jahren ihren Imbiss auf dem Gelände der Adolf-Reichwein-Schule. Jetzt hat die Stadt ihnen gekündigt – weil der Betreiber der neuen Cafeteria keine Konkurrenz auf dem Schulhof haben soll.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Dieter Kuhl hat das Rentenalter längst erreicht: 70 Jahre ist er alt, und fast die Hälfte seines Lebens betreibt er seinen Imbiss auf dem Schulhof der ARS. „Pommes-Dieter“ ist eine Institution – ebenso wie seine 64-jährige Ehefrau Anita. Ende 2016 wollten die beiden den Imbiss sowieso aufgeben – dann hätte Anita Kuhl ihr Renteneintrittsalter von 65 Jahren erreicht.

Doch daraus wird wohl nichts. Denn dem Ehepaar wurde vonseiten der Stadt der Vertrag gekündigt: Im August soll Schluss sein mit dem Imbiss. Zu Beginn des neuen Schuljahrs soll die neue Cafeteria an der ARS eröffnen – und deren Betreiber Integral möchte sicher sein, dass es keine Konkurrenz direkt in der Nachbarschaft gibt.

Für Lehrer Ralf Garbe war klar: Es muss gehandelt werden. Also verfasste er einen Brief und rief an der Schule zur Unterschriftensammlung auf. Bis zum Freitagnachmittag gab es bereits rund 500 Unterzeichner. Garbe sagt im Gespräch mit der OP: „Dieter ist auch ein Ansprechpartner für die Schüler, die gehen mit Problemen häufig erst mal zu ihm, bevor sie sich an einen Vertrauenslehrer wenden.“ Daher möchte er mit weiteren Kollegen erreichen, dass die Kuhls bis Ende 2016 bleiben dürfen.

Stimmenfang im Internet

„Die Unterschriftenaktion lassen wir noch die kommende Woche laufen, und dann möchten wir einen Termin mit Oberbürgermeister Egon Vaupel haben, um ihm das Problem darzulegen“, so Garbe. Er verdeutlicht, dass man sich in der Schulgemeinde auf jeden Fall über die neue Cafeteria freue. Gleichwohl seien die Kuhls mit ihrem Imbiss jedoch „keine Konkurrenz“.

Ein anderer Kollege drehte das Rad noch weiter: Er veröffentlichte eine Facebook-Seite mit dem Titel „Dieters Pommesbude muss bleiben“, die mittlerweile knapp 800 Fans hat. Und von dort wurde eine Online-Petition auf der Seite www.openpetition.de gestartet, die bis Freitag von gut 700 Menschen gezeichnet wurde.

Dieter Kuhl ist von der großen Anteilnahme an seinem Schicksal positiv erfreut – aber nicht überrascht. „Bei den vielen Schülern, die bei mir schon gekauft haben – da wundert es mich nicht“, sagt er. Die Kündigung empfindet er als „Sauerei: Ich habe immer meine Miete pünktlich bezahlt – und auch meine drei Prozent, die ich an den Schulelternbeirat überweisen muss“, sagt Kuhl.

Kuhl sieht seinen Imbiss nicht als Konkurrenz

Viele hat er in den vergangenen Jahren kommen und gehen sehen, etwa den vorherigen Betreiber der Cafeteria – er hat sich mit seinem Imbiss aber immer gehalten. „Besonders viel Umsatz machen wir hier nicht, vielleicht so 50 Euro am Tag“, sagt Kuhl.

Das Rauchverbot an Schulen habe ihn „hart erwischt, vorher haben die Schüler immer hier gesessen und geraucht – das Geschäft machen jetzt andere“, sagt Kuhl und spielt auf die Bäckerei gegenüber der ARS an. „Und das, obwohl es da viel teurer ist.“ Wenn es bei der Kündigung bleibe, dann würde seine Frau zwangsläufig im Hartz-IV-Bezug landen, denn die Kuhls seien ja selbstständig. „Aber das juckt die da oben ja nicht“, wettert Kuhl.

Marburgs Schuldezernentin Kerstin Weinbach (SPD) erläutert, dass die ARS lange darum gekämpft habe, „die Cafeteria zu einer ordentlichen Cafeteria zu machen und sie zu vergrößern. Das haben wir jetzt für viel Geld getan – und es war im Prinzip in Gesprächen mit der Schulleitung immer klar, dass das nur dann geht, wenn der Imbiss weg ist“.

Betrieb der Cafeteria muss sich trotz Auflagen rechnen

Der Betrieb einer Schulcafeteria sei nicht einfach – „und wir finden nur einen Betreiber, wenn wir dem nicht gleichzeitig sagen, es gibt noch eine Konkurrenz auf dem Schulhof“, erläutert Weinbach. Man habe mit den Betreibern gesprochen, „sie waren wohl nicht begeistert – aber es war für sie wohl okay“, habe man ihr von den Gesprächen berichtet. Von daher sei sie von der Facebook-Aktion schon „ein wenig überrascht“.

Die Rentensituation von Anita Kuhl sei nicht thematisiert worden, „wir haben auch eine Übergangslösung bis zum Ende diesen Jahres angeboten – aber die wurde abgelehnt“, sagt Kerstin Weinbach. Man habe mit Integral auf der Grundlage verhandelt, dass der Imbiss bei Eröffnung weg sei – „denn wir stellen hohe Ansprüche bei gleichzeitigen Preisobergrenzen – es muss sich für den Betreiber ja rechnen“, verdeutlicht die Stadträtin.

Sollten Anita und Dieter Kuhl jetzt doch noch den Wunsch äußern, zumindest bis Ende des Jahres zu bleiben, dann „müsse man noch einmal intern Gespräche führen“, so Weinbach. Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Denn Dieter Kuhl sagt: „Entweder wir bleiben bis Ende 2016 – oder wir müssen eben aufhören.“

von Andreas Schmidt

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