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Pharmakonzerne testeten in der DDR

Vorwurf Pharmakonzerne testeten in der DDR

Der Verdacht, dass Arzneimittelhersteller in großem Stil Medikamente an zum Teil unwissenden DDR-Bürgern testeten, erhielt in dieser Woche neue Nahrung.

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Quelle: Montage: Oberhessische Presse

Ein seit der  Wiedervereinigung bekanntes Thema mit neuen Zahlen: Von bis zu 50 000 menschlichen Versuchskaninchen war in dieser Woche nach einer entsprechenden Veröffentlichung im „Spiegel“ die Rede, von mehr als 600 Studien, die in Kliniken der Deutschen Demokratischen Republik im Auftrag international operierender Pharma-Unternehmen in Auftrag gegeben worden waren. Aus einer im „Spiegel“ abgedruckten Liste geht hervor, dass im „Beratungsbüro für Arzneimittel“ (BBA) des DDR-Gesundheitsministeriums die damaligen großen Player der Arzneimittelbranche ein- und ausgingen: Sandoz, Schering, Pfizer, Boehringer und viele andere. Der OP vorliegenden Bundesarchiv-Dokumenten zufolge und nach Auskunft des an der Marburger Universität angesiedelten Behring-Archivs unterhielten  auch die Behring-Werke Geschäftskontakte zum BBA.
Bereits 1991 hatte eine Kommission in den Kliniken Ost-Berlins „Arzneimittelprüfungen am Menschen“ untersucht, wie das Bundesgesundheitsministerium in dieser Woche mitteilte. Noch Ende 2012 war in Medienberichten von lediglich rund 165 Medikamentenstudien die Rede gewesen.

Arbeitsgruppen durchforsten Aktenbestände

Anfang der Woche veröffentlichte der „Spiegel“ seine weitaus höheren Zahlen und berichtete, dass mehrere Testreihen wegen Todesfällen abgebrochen werden mussten. Dabei beruft sich das Magazin auf Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR. Aus heutiger Sicht ist es für die Pharmaunternehmen recht kompliziert, die Beteiligung an derartigen Versuchen nachzuvollziehen, da sich die Konzernlandschaft seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung grundlegend geändert hat. Beispiel: Aus dem Unternehmen Sandoz, das vom „Spiegel“ mit einer Testreihe für Herzmittel in der DDR in Zusammenhang gebracht wird, und Ciba Geigy ging 1996 die heutige Novartis hervor. Ob es jedoch ausgerechnet am Marburger Novartis-Standort Jahrzehnte nach der von Todesfällen überschatteten Versuchsreihe Archivmaterial dazu geben könnte, ist zweifelhaft. Insofern ist die Forderung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, an die westlichen Pharmakonzerne nach Öffnung ihrer Archive zwar berechtigt, jedoch ist fraglich, was dort zutage gefördert werden könnte. Eher könnte ein Blick in die Archive der ehemaligen DDR-Kliniken lohnen, die West-Medikamente an ihren Patienten testeten.  Sowohl am Uniklinikum Jena als auch an der Berliner Charité wurden mittlerweile Arbeitsgruppen eingesetzt, die die Aktenbestände aus DDR-Tagen durchforsten sollen.  Jahn appelliert gleichwohl dringend an die Industrie, die Aufarbeitung der Vergangenheit nach Kräften zu fördern. Mit dieser Forderung rennt Jahn beispielsweise bei Novartis in Marburg offene Türen ein: „Derzeit sind mehrere wissenschaftliche Projekte zur möglichen Aufarbeitung der Historie klinischer Studien in der früheren Deutschen Demokratischen Republik im Gespräch“, hieß es am Freitag in einer Stellungnahme des Unternehmens, die dieser Zeitung vorliegt. Weiter heißt es darin: „Aufgrund der hohen ethischen und moralischen Ansprüche unseres Unternehmens stehen wir dem ambitionierten Vorhaben positiv gegenüber und sind für eine Kooperation mit einer unabhängigen Forschergruppe unter zentraler Federführung offen.“ Vor der Weitergabe sensibler Daten und Fakten an Dritte seien die rechtlichen Anforderungen zu prüfen. Darüber hinaus sei eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung erforderlich.

"Wir haben hier ein tolles Westmittel zum Testen"

Professor Christoph Friedrich, Leiter des Instituts für Geschichte der Pharmazie an der Marburger Philipps-Universität, erinnert im Zusammenhang mit den Studien daran, dass es den zentralen Gutachterausschuss der DDR gab: „Der musste die Versuche genehmigen, und wir haben bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass Ärzte an dieser Instanz vorbei Studien durchgeführt haben.“
Es habe durchaus ein Geschmäckle, dass damals Geld floss und sich der Staat an den Studien bereicherte, meint Friedrich: „Aber auch im Westen floss und fließt Geld, wenn an Kliniken Studien durchgeführt werden.“ Natürlich, so der Pharmazie-Historiker, sei die DDR kein Rechtsstaat gewesen, Patienten hätten im Zweifelsfall kaum erfolgreich Rechtsmittel einlegen können: „Aber wenn eine Klinik einem Probanden sagte: ,Wir haben hier ein tolles Westmittel zum Testen‘, dann war der Proband natürlich erst einmal positiv eingestellt.“  Auch Friedrich sieht die Pharma-Unternehmen jetzt in der Pflicht, nachzuweisen, dass bei ihren Studien in der DDR alles ordnungsgemäß verlaufen ist. Der Wissenschaftler abschließend: „Klinische Studien müssen sein, denn wer ein Medikament einnimmt, will auch, dass es zuvor bestmöglich erprobt wurde. Was ich viel schlimmer finde als die Vergangenheit, ist die Gegenwart: die Praxis, dass Pharmaunternehmen in Drittländern wie Indien Studien durchführen.“

von Cartsen Beckmann

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