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Plötzlich kommt das Gehalt später

Ärger mit dem Chef Plötzlich kommt das Gehalt später

Eine Pflegekraft fühlt sich von ihrem Arbeitgeber schikaniert: Nach Streit über die Dienstplanung kam das Gehalt plötzlich später als erwartet. Der Vorgesetzte weist die 
Vorwürfe zurück.

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Fränze und Stefan Herbst wollen sich nicht alles bieten lassen. Die Pflegehelferin sieht sich von ihrem Arbeitgeber schikaniert – unter anderem zahlte der ihr Gehalt später als üblich.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wenn das Gehalt zwei Wochen später als erwartet auf dem Konto ist, kann es für eine Familie finanziell schwierig werden. Fränze Herbst ist genau das passiert – und nach Einschätzung der Mutter von zwei Kindern war das Absicht. Der Streit ist inzwischen so eskaliert, dass er sogar die Polizei ­beschäftigt.

Die Altenpflegehelferin ist überzeugt, dass ihr Arbeitgeber sie bestrafen wollte. „Das ging los, als ich mich mit dem Pflege­dienstleiter gestritten habe“, ­erzählt die 29-Jährige. Es ging um den Dienstplan in der Woche ihrer Hochzeit. „Ich hatte mindestens einen Monat vorher den Mittwoch, Donnerstag und Freitag freigenommen und gesagt, dass auch meine Trauzeugin am Hochzeitstag frei haben muss“, erzählt sie. „Eine Woche vorher wurde der Dienstplan umgeschrieben und es hieß, der Urlaub wäre gar nicht genehmigt worden“, sagt Herbst.

Chef: Wir überweisen immer in der Monatsmitte

Sie reichte einen neuen Antrag ein – sollte dann aber die Zeit nacharbeiten, berichtet sie. Als sie einige Tage krank war, sei das Gerücht aufgekommen, sie wolle ihren Vertrag in dem ­Seniorenheim nicht verlängern – obwohl sie eigentlich weiter dort arbeiten und examinierte­ Altenpflegerin werden wollte.­ Daraufhin sei das Geld nicht wie sonst üblich zum Monatsanfang auf ihrem Konto eingegangen. „Ich habe dann in der Verwaltung nachgefragt und es hieß, ja, das Geld würde überwiesen“, sagt sie. Sie sei am darauffolgenden Samstag noch für einen Dienst eingesprungen. Als das Geld am Montag immer noch nicht da war, sei ihr gesagt worden, sie müsse zunächst mit dem Chef sprechen – der sei ­allerdings in Urlaub gewesen.

Ihr Vorgesetzter stellt die Situation ganz anders dar. Im Arbeitsvertrag stehe, dass das Geld erst bis zur Monatsmitte überwiesen sein müsse. „Üblicherweise­ machen wir das etwas früher, diesmal hat es nicht so pünktlich geklappt. Sie wollte im Monat vorher einen Vorschuss haben, der musste herausgerechnet werden, und die zuständige Mitarbeiterin war im Urlaub“, rechtfertigt der Pflegedienstleiter das Vorgehen. „Wir sind natürlich bemüht, das Geld rechtzeitig zu zahlen, weil wir wissen, dass die Leute das brauchen.“

Herbst betont dagegen, es sei früher nie zu einer verzögerten Zahlung gekommen, auch wenn sie einen Vorschuss bekommen hatte. Sie geht mit ihrer Geschichte auch deshalb an die Öffentlichkeit, weil sie meint, dass viele Pflegekräfte­ 
sich zu viel gefallen lassen. Zum Beispiel bei den Dienstplänen, die oft auf den letzten Drücker festgelegt werden. Auch die Überstunden würden nicht ordentlich erfasst: „Wenn wir uns die nicht selber ausrechnen, werden sie nicht abgerechnet. Laut Computer habe ich angeblich Minusstunden, in Wirklichkeit habe ich noch 35 Überstunden.“

Verdi: Verlässliche 
Dienstpläne sind selten

Das scheint in der Pflege keine Seltenheit zu sein. Bei der Gewerkschaft Verdi kann man zwar nichts über den Fall von Fränze Herbst und ihren Arbeitgeber sagen. „Aber prinzipiell überrascht mich das nicht“, sagt Gewerkschaftssekretär Julian Drusenbaum. „Es ist in der Altenpflege an der Tagesordnung, dass Dienstpläne nicht sicher sind.

Es wird nicht auf die Wünsche der Mitarbeiter eingegangen, es wird aber permanent erwartet, dass sie einspringen.“ Auch die Geschichte mit dem verzögert gezahlten Gehalt verwundert ihn nicht: „Häufig ist die gelebte Praxis anders, als es im Arbeitsvertrag steht. Es ist ein beliebtes Konzept, sich dann genau an den Vertrag zu halten, um es den Beschäftigten mal zu zeigen.“ Auf die Berechnung der Überstunden müssten Beschäftigte in der Pflege sehr genau achten. Vorgesetzte würden teils bewusst Arbeitsstunden nicht anerkennen, zum Teil würden sie fahrlässig zu wenig berechnen, weil sie nicht im Umgang mit der Zeiterfassungs-Software geschult seien.

Zum Beispiel berechne die Software automatisch eine Pause, auch wenn die Beschäftigten gar keine Pause machen könnten. „Es gibt in der Altenpflege jede Menge Probleme, dass etwas falsch berechnet und nicht eingetragen wird“, berichtet auch Marita Kruckewitt, die bei Verdi Betroffene berät. „Gerade wo kein Tarifvertrag und kein Betriebsrat ist, müssen die Beschäftigten das selbst ­
regeln. Und viele scheuen die Auseinandersetzung.“

Persönlicher Besuch 
hat polizeiliches Nachspiel

„Wir führen ein Arbeitszeitkonto. Es gab einmal Probleme aufgrund eines Programmierfehlers, die ich mit Frau Herbst sofort ausgeräumt habe“, sagt der Pflegedienstleiter. Zudem habe die Mitarbeiterin den Urlaub keinesfalls rechtzeitig beantragt, sondern einen Zettel mit anderen Daten abgegeben. Weil sie heiraten wollte, sei man für diesen Tag „relativ großzügig“ gewesen.

Immerhin: Am 13. September ging das Gehalt tatsächlich auf dem Konto von Fränze­ Herbst ein. Allerdings war die Pflegehelferin zuvor mit ihrem Mann Stefan Herbst bei dem Pflegedienstleiter persönlich vorstellig geworden – und auch das könnte noch ein Nachspiel haben. „Ich habe ihn eindringlich darauf hingewiesen, dass er das Geld zu überweisen hat“, stellt Stefan Herbst seine Sicht der Dinge war. „Daraufhin hat er uns aus dem Büro geworfen.“ Weil der Vorgesetzte ihn geschubst habe, habe er sich gewehrt, sagt Herbst. Dabei sei dessen Schreibtisch verschoben worden.

Der Pflegedienstleiter erzählt hingegen, die Eheleute hätten das Geld sofort gewollt, aber das sei nicht möglich gewesen, weil die zuständige Mitarbeiterin nicht da war. „Der Mann hat mich bedroht“, schildert er seine Sicht. „Er hat hier randaliert, meinen Schreibtisch umgeworfen und Ablagen zertrümmert. Dadurch ist mein Handy kaputt gegangen.“ Noch am selben Tag war die Polizei bei Stefan Herbst und hat auch seine abweichende Schilderung zu Protokoll genommen.

Fränze Herbst hat schlussendlich entschieden, dass sie nach all dem Ärger doch nicht weiter in dem Seniorenzentrum arbeiten will. Auch das ist in der ­Branche keine Seltenheit. „Wenn Beschäftigte ihre Rechte­ einfordern, wird häufig das ­Arbeitsverhältnis beendet“, berichtet Kruckewitt. „Aber es ­werden händeringend Pflege­kräfte gesucht.“

von Stefan Dietrich

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