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Perspektiven statt Probleme

„Voice Competence“ für Flüchtlinge Perspektiven statt Probleme

Um Flüchtlinge möglichst gut in den Arbeitsmarkt zu vermitteln, müssen ihre Fertigkeiten festgestellt werden. Dazu wurde das „Voice“-Projekt des Landkreises um „Voice Competence“ erweitert.

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Hadeiatou aus dem afrikanischen Guinea arbeitet in einer Metallwerkstatt der Berufschule in 
Bremen. Die junge Frau gehört zu den Flüchtlingen, denen es gelang, sich nach Deutschland zu 
retten und hier eine Ausbildung zu beginnen. Um im Landkreis die Kompetenzen von Flücht­lingen festzustellen, gibt es nun das Modul „Voice Competence“.

Quelle: Ingo Wagner

Marburg. Das Projekt „Voice“ basiert darauf, dass den Flüchtlingen, die im Landkreis ankommen, ein ganzheitlicher Ansatz zur Integration angeboten wird. So gibt es neben Sprachkursen, Netzwerkarbeit und Orientierungsveranstaltungen beispielsweise auch „Open Voice“ mit dem Schwerpunkt Unternehmensbesichtigungen. Auch kulturelle Angebote werden gemacht.

Ein weiterer zentraler Punkt ist das Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge, das gemeinsam von Landkreis und Arbeitsagentur angeboten wird. „Wir wollen die Integration von Flüchtlingen aktiv gestalten und uns nicht nur auf die Unterbringung konzentrieren“, verdeutlichte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU). Aus diesem Grund würden Arbeitsagentur und Landkreis auch – unabhängig von Zuständigkeiten – an einem Strang ziehen. „Unser Ziel ist, dass die Menschen, die hierherkommen, auch bei uns bleiben“, stellt Zachow klar.

Mobilisierung von Beschäftigungsreserven

Nun habe man mit der Kreishandwerkerschaft Marburg und dem Berufsbildungszentrum (BBZ) einen weiteren Kooperationspartner für das Voice-Netzwerk gewinnen können, um die Kompetenzen von Flüchtlingen festzustellen.

„Der Arbeits- und Ausbildungsmarktzugang spielt eine wesentliche Rolle. Denn es geht auch darum, Beschäftigungsreserven zu mobilisieren. Denn unsere Region ist ein attraktiver Lebens- und Arbeitsraum“, ist sich Zachow sicher.

Daher wird das Voice-Projekt auch weiter ausgebaut: Geplant ist beispielsweise „Industrie Voice“, bei dem Sprachkurse mit Arbeitsgelegenheiten in der Industrie verknüpft werden. „EQ Voice“ soll den Flüchtlingen eine Einstiegsqualifizierung bieten, und bei „BPW Voice“ soll es um die berufspraktische Weiterbildung gehen. Im Februar soll zudem „Kommunal Voice“ starten, das Sprachkurse mit Arbeitsgelegenheiten in Kommunen verbindet.

Das Portfolio wird also immer breiter – doch vor allem steht die Kompetenzfeststellung. Und da kommt „Voice Competence“ ins Spiel, das im BBZ angelaufen ist. Geschäftsführerin Birgit Sturmat-Rosenbaum erläutert, dass im ersten Jahr geplant sei, bei rund 600 Flüchtlingen „ganz schnell festzustellen, wie nah oder wie fern sie dem Arbeitsmarkt sind. Und wenn wir die Nähe identifiziert haben wollen wir alles tun, diese Menschen so schnell wie möglich an den Arbeitsmarkt heranzuführen“.

Zunächst wird die 
Biografie aufgearbeitet

Dabei stützt sich „Voice Competence“ auf zwei Module, „bisher laufen seit Oktober aber ausschließlich Module 1“, erläutert die Geschäftsführerin. Für den Teilnehmer seien dies zwei Wochen, „in denen wir den Teilnehmer kennenlernen – und zwar auf einer persönlichen und kognitiven Ebene“.

Wir wollen von den Teilnehmern wissen, wo er schulisch, sprachlich oder beruflich steht – und dafür halten wir auch Dolmetscher vor“, erklärt Sturmat-Rosenbaum. Bei der Erhebung der schulischen Biografien gehe es neben der Lese- und Schreibfertigkeit auch um die Dauer des Schulbesuchs im Herkunftsland oder die Zeit ohne Beschulung – etwa auf der Flucht.

Auch die berufliche Qualifikation werde detailliert erhoben – vom Schul- oder Hochschul- bis zum Berufsabschluss. „Und natürlich wollen wir auch wissen, was sich der Teilnehmer vorstellt – dabei kommen wir manchmal nicht umhin, auch nach Stärken und Schwächen zu schauen und diese in Profilen festzuhalten.“ Dabei gehe es „in sehr tiefe, persönliche Gespräche, bei denen häufig auch die Erfahrungen der Flucht thematisiert werden – es ist ein ganzheitlicher Ansatz“.

Nach den beiden Wochen spräche man Empfehlungen aus – und zwar nicht nur für den Teilnehmenden, sondern auch für den Kostenträger, „die dann in Personen der Fallmanager und Arbeitsvermittler den nächsten Weg gehen können“.

Nach dem Kurs gibt es eine detaillierte Empfehlung

Bei den Kursen arbeite man ganz eng mit Job-Coaches und auch Sozialpädagogen zusammen, „um einfach jede Situation abfangen zu können. Denn wir haben es mit einigen traumatisierten Personen zu tun, die wir dann aus der Gruppe herausholen können, um auch Krisenmanagement leisten zu können“, verdeutlicht Sturmat-­Rosenbaum.

Innerhalb der 14 Tage bekomme man ein sehr treffendes Bild der Personen und könne dann auch gute Empfehlungen abgeben, was der nächste Schritt sein sollte. Zugute komme dem BBZ dabei, dass man die Teilnehmer nicht nur theoretisch testen müsse, sondern aufgrund der Lehrwerkstätten auch praktische Übungen einfließen lassen könne.

Im „Modul 2“, das bis zu sechs Monate dauert, soll es dann – je nach festgestellter Kompetenz – um berufspraktische Integrationsangebote und homogene Lerngruppen – auch zur Erweiterung der Sprache – gehen. Dabei habe man die Erfahrung gemacht, „dass die Betriebe jedweder Branche uns und die Teilnehmer mit offenen Armen empfangen“. Dies sei eine äußerst positive Erfahrung.

von Andreas Schmidt

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