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Perspektive auf die Region wechselt

Vom Regierungspräsidium zur Volksbank Mittelhessen Perspektive auf die Region wechselt

Im exklusiven OP-Gespräch erzählt Dr. Lars Witteck unter anderem, warum er Bank-Vorstand und nicht hessischer Innenminister wurde.

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Dr. Lars Witteck in seinem neuen Büro bei der Volksbank, das er bald schon wieder räumen muss, weil er in den Neubau zieht.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. In seinem Büro ist Dr. Lars Witteck nur wenig anzutreffen. Er bereist seit November fast täglich Mittelhessen. Das war auch schon vor einigen Wochen und Monaten so, als er noch Regierungspräsident in Gießen war.

Damals verging kaum ein Tag, an dem er nicht Flüchtlingsunterkünfte besichtigte oder in Bürgerhäusern über diese informierte. Nun ist es Witteck, der sich informieren lässt. Nicht in Bürgerhäusern, sondern in Bankfilialen. Als neuer Generalbevollmächtigter der Volksbank Mittelhessen will er zunächst möglichst alle Geschäftsstellen und Mitarbeiter kennenlernen.

Der Aufsichtsrat der Volksbank Mittelhessen hatte im Frühsommer beschlossen, Witteck zum 1. November als neuen Vorstand der Bank zu berufen. Damit wurde der zuletzt vierköpfige Vorstand erweitert.

Er wollte keinen Beigeschmack

Er lerne die Region aus einer anderen Perspektive kennen, sagt er jetzt im OP-Gespräch. Und er lernt die Wetterau kennen, die war nicht in seinem RP-Bezirk, ergänzt er augenzwinkernd. Der 41-Jährige, der zuletzt in Marburg bei Oberbürgermeister Egon Vaupels Verabschiedung bewies, dass Humor zu seinen Eigenschaften gehört, wird nachdenklich, wenn er in seinem Büro im Schiffenberger Weg über seine Beweggründe für den Wechsel in die Wirtschaft berichtet.

Mit 34 wurde er 2009 der jüngste Regierungspräsident. „Formell war ich das auf Lebenszeit“, erklärt er. Aber natürlich sei ihm bewusst gewesen, dass dies ein vertrauensvolles Amt zwischen Verwaltung und Politik sei. Ein Regierungswechsel in Wiesbaden kann stets zum Wechsel des Führungsstabs führen.

Auch sei ihm klar gewesen, dass er aufgrund seines Alters nicht – wie seine Vorgänger – bis zum Ruhestand dieses Amt ausüben könne. „Ich fing als jüngster RP an und hörte als jüngster wieder auf“, sagt er. Als politischer Beamter hätte er sich in den Ruhestand versetzen lassen können, doch er ließ sich entlassen.

Volksbank wollte guten Netzwerker

Es hätte einen üblen Beigeschmack gehabt, wenn er vom Staat Übergangsgelder bezogen hätte, so Witteck. Hat er seine Politkarriere an den Nagel gehängt? Witteck blickt für die Antwort in die Vergangenheit: 2013 habe ihn Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) vor der Landtagswahl gefragt, ob er für ein Mandat kandidieren oder als Innenminister in die Regierung kommen wolle. Doch noch weiter wollte er nicht in die Politik einsteigen, sagt er.

„Die Entscheidung, etwas anderes machen zu wollen, fiel im ersten Halbjahr 2013. Aber ich wusste damals nicht was“, sagt Witteck. Kurze Zeit später habe ihn ein anderer bekannter Gießener, der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Mittelhessen, Dr. Peter Hanker, gefragt, ob er sich vorstellen könnte, bei ihm anzufangen.

„Damals hatte ich nicht einmal mit dem Suchen angefangen“, so Witteck. Eine intensive Zeit des Denkens begann. Nur seine Familie und einen engen Freund habe er damals in seine Fragen involviert, die er bei Waldspaziergängen stellte. „Kann ich das, auf die andere Seite wechseln?“

Windpark Hilsberg war sein schwierigstes Verfahren

Witteck kann seine Antwort heute wie selbstverständlich begründen: „Ich war als RP bemüht, Dinge zu verändern, nicht zu verwalten. Ich habe mich auch mit Managementthemen befasst, bin mit dem Führen von 2000 Mitarbeitern vertraut. Die Organisation eines Unternehmens oder eine Behörde ab einer gewissen Personalgröße ähnelt sich.“

Der Windpark in Bad Endbach war das schwierigste Verfahren in seiner Amtszeit, sagt er rückblickend. Witteck spricht Klartext. Das hat über Parteigrenzen hinweg nicht nur zu Gegenwind geführt, sondern auch zu Sympathien. Mit SPD-Politikern wie Ex-Oberbürgermeister Vaupel kann Witteck gut.

Die aktuelle Flüchtlings-Entwicklung hat Witteck bis zuletzt eingespannt. „Ich konnte mich nicht auf den Übergang vorbereiten. Dafür war einfach keine Zeit“, sagt er. Die zum Teil persönliche Hetze gegen ihn und seine Familie habe ihn zeitweise sehr bedrückt. „Das ist nicht ganz in den Kleidern hängen geblieben“.

Zudem hatte er das Gefühl, das Thema Flüchtlingsunterkünfte nicht geordnet an seinen Nachfolger Dr. Christoph Ullrich übergeben zu können. Hätte Witteck das aber tatsächlich geschafft, er wäre in den überregionalen Nachrichten gelandet: Als der erste RP, der einen geordneten Plan für Flüchtlingsunterkünfte hätte.

Seminare für die Kreditkompetenz

Witteck betont, dass er nur zu einer Genossenschaftsbank habe wechseln wollen. „Ich könnte niemals Teil einer Bank sein, die im glitzernden Turm sitzt und nichts mit der realen Arbeitswelt zu tun hat, sondern spekuliert.“ In den nächsten Wochen wird er zwar nicht in einen glitzernden Turm einziehen, aber in den neuen Anbau der Volksbank.

Wenn der 41-Jährige Sätze sagt wie „Der Bank geht‘s nur gut, wenn es der Region gut geht“, dann klingt es, als ob er schon seit Jahren in der Branche ist. Geschäftliche Beziehungen hatte er zur Volksbank vorher schon, die Bank war zum Beispiel bei der Neugestaltung des mittelhessischen Regionalmanagements engagiert.

Aber als Aufsichtsbehörde war das Regierungspräsidium auch für die regionale Konkurrenz, die Sparkassen, zuständig. Seitdem er wusste, dass er wechselt, habe er sich keine Sparkassen-Vorgänge mehr angeschaut, sagt Witteck.

Bis zur „richtigen Staffelübergabe“ im Januar absolviert Witteck noch einige Seminare, unter anderem bei der Volksbank-Akademie in Montabaur. Das ist formal nötig, um gegenüber der Bankenaufsicht die Kreditkompetenz nachzuweisen.

Das Aufsichtsorgan hat mitgeteilt, dass er dann in zweieinhalb Jahren Vorstand sein kann. Vorstandschef Hanker sagt über seinen neuen Zimmernachbar: „Er ist eines der hervorragendsten Talente und besten Netzwerker in der Region.“

von Anna Ntemiris

 Die vier bisherigen Vorstandsmitglieder Rainer Staffa (von links), Hans-Heinrich Bernhardt, Rolf Witezek und Dr. Peter Hanker haben mit Dr. Lars Witteck einen neuen Kollegen. Archivfoto: Thorsten Richter
 
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Lars Witteck ist bei der Volksbank für das Privatkunden- und Versicherungsgeschäft sowie den zentralen Vertrieb zuständig. Er will dabei vor allem die Digitalisierung voranbringen.

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