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„Ohne den Wahnsinn kriegen wir keine Geschäfte geregelt“

Marburger Tapetenfabrik „Ohne den Wahnsinn kriegen wir keine Geschäfte geregelt“

Das Geschäft mit Tapeten hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert, die Abhängigkeit vom Export ist stark zu spüren.

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Historische Tapetenrollen zeigen Paul, Katharina und Ullrich Eitel.

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. „Die Konkurrenz schläft nicht“, sagt Ullrich Eitel. Fünf große Firmen gibt es in der deutschen Branche. „Und mit denen stehen wir tagtäglich im Wettbewerb“, so der Kirchhainer Firmenchef.

Das Bundeskartellamt hatte wegen angeblicher Preisabsprachen vor anderthalb Jahren Bußgeldzahlungen in Millionenhöhe gegen die Marburger Tapetenfabrik sowie drei weitere Firmen verhängt. Eitel hatte von Anfang an entgegnet, dass die Vorwürfe nicht stimmen und er nicht bereit sei, das Bußgeld zu zahlen.

Im OP-Gespräch erklärte er jetzt, dass die Kirchhainer Firma gegen den Bußgeldbescheid geklagt habe. 
Auch der Verband der deutschen Tapetenindustrie, dessen Vorsitzender er seit sieben Jahren ist, habe gegen das Kartellamt geklagt. Wann das Verfahren vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf eröffnet werde, stehe noch nicht fest.

Der Wettbewerbsdruck allein macht der Branche noch keinen Kummer. Auch das Verbraucherverhalten in Deutschland habe sich geändert. Nicht jeder will Tapeten haben. Aber nur mit einem Tapetenwechsel könne man einen Raum gänzlich verändern und modernisieren ohne die Architektur zu ändern, weiß Eitel.

Wenn Ullrich Eitel über Tapeten spricht, geht es um Farbe, Form, Material und Strahlkraft. In jüngster Zeit konzentriert er sich auf Licht in Tapeten – eine Erfindung, die ihn selbst begeistert. Der Chef bringt auch Betonwände zum Leuchten oder gestaltet Fassaden mit Tapetenrollen. Er setzt auf Innovation, um das Familienunternehmen der sechsten Generation zu übergeben.

50 Prozent weniger Umsatz in Russland als 2014

Die Tapetenfabrik hat einen Exportanteil von 60 Prozent. Wichtige Märkte sind in jüngster Zeit ganz oder teilweise eingebrochen. „Die Türkei war ein sehr guter Markt. Dieser Markt hat sich seit dem 6. August vergangenen Jahres in ein Problemland verändert, weil der türkische Staat fünf Dollar pro Kilo Zoll erhoben hat. Das hat den Preis für die Tapete verdoppelt“, erklärt Eitel.

Aber die Türkei 
habe damit auch viele Importe abgewehrt, insbesondere Billig­importe aus China und Südkorea. „Dadurch ist es unterm Strich nicht ganz so schlimm für uns ausgegangen, weil die Qualitätstapete aus Deutschland den Zoll eher verträgt als die Massenware aus Asien“. Russland sei im dritten Jahr ein schwieriger Markt.

„Wir haben dort 50 Prozent weniger Umsatz als vor zwei Jahren, das hängt mit der wirtschaftlichen Situation in Russland zusammen, insbesondere 
mit dem Ölpreis- und Rubelverfall“. Das verteuere die deutschen Produkte, erschwere den Export.

Bedeutende Länder sind für die Kirchhainer weiterhin China und Frankreich. Der chinesische Markt sei ein besonderer, erklären Eitels. Dort platziert ein Großkunde des Familienunternehmens bei 500 Geschäftsinhabern die Marke Marburg Wallcoverings – sie ist dort zum Beispiel auf Werbeplakaten am Flughafen präsent. Nun gebe es aber chinesische Anbieter, die Internetwege nutzen und über eine Garagenfirma in Deutschland die Tapete günstiger verkaufen als der Vertriebs-Partner von Eitels.

Standort-Verlagerung derzeit kein Thema

Nur durch Exklusiv-Kollektionen für den chinesischen Markt könne der chinesische Vertriebs-Kunde vor den Dumping-Preisen Dritter geschützt werden. Diese Kollektionen können andere nicht über Internet-Umwege günstiger einkaufen.

„Exklusiv heißt letztendlich auch eigene Preispolitik“, ergänzt 
Eitel. Exklusiv bedeute aber auch „doppelte Werkzeugkosten, doppelte Lagerkosten, ein höheres Ramschrisiko sowie eine höhere Komplexität. Wir leisten uns den Luxus für ihn, für wenige Russen und einige andere. Wir halten zwischenzeitlich 4500 Artikel auf Lager, die auch sehr voluminös sind.“

Das Lager wurde daher erweitert – und hat jetzt über 30.000 Palettenplätze. „Wirtschaftlich gesehen ist das ein ziemlicher Wahnsinn, den wir betreiben. Aber ohne den Wahnsinn kriegen wir keine 
Geschäfte geregelt.“

„Die Produktion ist doppelt so groß wie wir sie nutzen können. Wir müssen da konsolidieren und haben keine zusätzlichen Kapazitäten“. Ob er angesichts der Situation an eine Verlagerung der Produktion an günstigere Standorte gedacht habe?

„Für eine Verlagerung bin ich zu alt. Ich bekomme zwar jeden Tag einen neuen Anruf , dass ich nach Russland oder in die Türkei soll mit meinen Maschinen. Das mache ich nicht mehr. Wenn das mein Sohn macht, dann ist das okay.“

von Anna Ntemiris

 
Hintergrund
1845 eröffnete Johann Bertram Schaefer in Marburg ein Fachgeschäft für Innenausstattung. Seit mehr als 30 Jahren hat die Tapetenfabrik ihren Sitz in Kirchhain. Das Familienunternehmen mit 335 Mitarbeitern gehört zu den führenden Tapetenherstellern in Deutschland. In Frankreich und Russland hat die Tapetenfabrik Tochtervertriebsgesellschaften. Zu den Designern der Tapeten gehören Künstler wie Sängerin Nena oder der schrille Modekönig Harald Glööckler sowie Colani.
 
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