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„Von Touristen 
alleine können wir nicht leben“

Oberstadt-Händler „Von Touristen 
alleine können wir nicht leben“

Die Oberstadt gilt als das Herzstück des Einkaufens in Marburg. Leerstand, so sagt der OB, sei dort kein Problem. Stimmt das? Welche Branchen sind am häufigsten vertreten? Und wie bewerten die Händler ihre Zukunfts-Chancen?

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Eine volle Oberstadt wünschen sich die Händler. Doch einige der hier abgebildeten Geschäfte stehen inzwischen leer.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Schuhhaus ­Glaeser ist schon weg, Soho schließt zum Jahresende, Räumungsverkauf im Cara Mia – und mehrere weitere Oberstadt-Einzelhändler planen nach OP-Informationen in den nächsten Monaten Geschäftsaufgaben, Laden-Verkleinerungen, Waren-­Reduzierungen. Das ist die ­Situation am Elisabethmarkt-
Wochenende 2017 – die alt­bekannte Oberstadt-Fluktuation, oder hat in der Altstadt ein 
Ladensterben begonnen?

In einer Untersuchung des Marburger Uni-Fachbereichs Geografie (Heft Geofocus mit Titel „Verdrängungsprozesse­ in der Oberstadt?“) wurde vor zwei Jahren unter anderem die Einzelhandelsentwicklung analysiert. Ergebnis: Im August 2015 stand in der Fußgänger­zone ein Geschäft leer. Mittlerweile werden alleine in der Wettergasse Nachmieter für fünf zum Teil seit vielen Monaten verwaisten Läden gesucht (etwa 
Dunkin‘ Donuts oder Easy­phoneservice).

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) erkennt aber keinen Trend: „Ein Leerstandsproblem gibt es nicht. Anderswo steht jeder dritte Laden leer, in Marburg herrscht eine hervorragende Auslastung.“ Und Nachmieter für einzelne Erdgeschosse gibt es nach OP-Informationen bereits, die Parfümerie Preisig zieht beispielsweise im November in einen Wettergassen-Laden (ehemals Engbers).

Leerstände in der Marburger Oberstadt, hier das ehemalige Schuhhaus ­Glaeser in der Barfüßerstraße.

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Doch klagen viele Geschäftsinhaber nicht nur über die Zange von Internet-Versandhandel und Parkplatznot. Auch die Mietpreise gelten als Faktor. Denn bei für die aktuell leerstehenden Läden werden nach Angaben von Immobilienmaklern zwischen 2500 und 4000 Euro pro Monat verlangt. Im Durchschnitt liegt der Quadratmeterpreis somit zwischen 20 und 30 Euro. Fixkosten, in denen weder Angestelltengehälter noch Strom und Wärme enthalten sind.

Trotz aller Probleme: Im Gegensatz zu den meisten anderen Innenstädten – auch in Gießen – gibt es in der Oberstadt, die neben Kneipen und Gaststätten derzeit vor allem von Friseurgeschäften und Deko-Läden geprägt ist, noch viele ­inhabergeführte Geschäfte. Die Stadt „gestaltet infrastrukturell alles so günstig, wie möglich“, sagt Spies. Der Umbau des Allianz-Hauses in das Shopping-Center „2M Marburg Mall“ sorgt bei den verbliebenen Oberstadt-Händlern indes für ebenso viele Hoffnungen (300 Parkplätze) wie Befürchtungen (Geschäftsabwanderung). „In den nächsten zwei, drei Jahren wird sich jedenfalls die Zukunft der Oberstadt, deren Ausrichtung, die Zukunft Marburgs als Einkaufsstadt entscheiden“, sagt ein Gewerbetreibender am Steinweg zur OP.

Steffi Glaeser erläuterte beispielsweise zur Abwanderung aus Marburg: „Der Standort, insbesondere­ die Oberstadt, hat sich zum Schlechten gewandelt.“ Das Internet sei der Umsatzkiller, „wir halten extra ein Tablet bereit, um den Kunden zu zeigen, dass sie die Ware im Internet nicht günstiger bekommen oder nur Lockangebote finden.“ In Kirchhain, Sitz des Stammhauses, gebe es mehr Kunden, mehr Wertschätzung und mehr Parkplätze.

Fielmann dementiert Rückzug vom Marktplatz

Gerüchtehalber wird auch „Ernsting‘s Family“ seinen Laden in der Barfüßerstraße 42 verlassen – das Unternehmen plane stattdessen, in das umgebaute Allianzhaus einzuziehen, heißt es in Händlerkreisen. Die Pressestelle der Kette äußert sich auf OP-Anfrage verhalten – man wolle diese Gerüchte derzeit nicht kommentieren, heißt es.

Fakt ist aber: Ankermieter in der „2M Marburg Mall“ ist 
Tegut – „und Tegut und ,Ernsting‘s Family‘ verstehen sich schon in Cappel sehr gut“, sagt ein Händler, der anonym bleiben möchte.

Der OP wurde ebenfalls zugetragen, dass der Optiker-Filialist Fielmann sein Geschäft am Marktplatz schließen werde. „Dies ist definitiv nicht der Fall“, verdeutlichte Pressesprecherin Ulrike Abratis.

Kein Gerücht ist indes, dass Klaus Reinauer sein Modegeschäft „Soho“ zum 31. Dezember schließen wird, wie er auf OP-Anfrage bestätigte. Zu den Gründen wollte er sich ­allerdings zunächst nicht ­äußern. Das wäre schon die zweite Schließung des Marburger Geschäftsmanns, denn bis 2013 hatte er noch – ebenfalls in der Barfüßerstraße – den Modeladen „Memphis“. Und schon damals prognostizierte er im OP-Gespräch: „Das Stadtbild wird sich noch weiter verändern. Es werden noch weitere Läden in Zukunft schließen, weil immer mehr Menschen den Online-Handel vorziehen. Dann braucht man sich nicht wundern, dass inhabergeführte Läden schließen.“

Marktbetreiber klagen über Baustelle

Unklar ist die Situation der Buchhandlung „Arcularius“: Von der Weiterführung über den Umzug bis hin zur Schließung sei „alles denkbar“, sagt Inhaber Klaus Kaltenbach. Die Miete sei hoch, die technischen Bedingungen eher schlecht, „im Sommer ist der Laden ein Brutkasten, weil er keine Klimaanlage hat, und im Winter steigen die Heizkosten ins Unendliche“, sagt er. Kaltenbach ist auch Inhaber der Buchhandlung am Markt.

Vor allem durch die Baustelle seien die Umsätze so in den Keller gesunken, „dass wir stark hinterherhinken“. Doch das seien nicht die einzigen Probleme für die Oberstadt: Große Geschäfte hätten bereits geschlossen, die durchaus Frequenz gebracht hätten. Und auch die Situation, dass der Wochenmarkt nur noch drei Stände habe „und die Stadt sich nicht entschlossen hat, was mit dem Markt passiert, das ist ein Desaster“, sagt Kaltenbach. Im Gegenzug würde der Markt in der Frankfurter Straße weiter ausgebaut.

„Denkbar wäre doch, dass man den Händlern, die dort einen Standplatz bekommen, zur Auflage macht, dass sie dann auch den Markt vor dem Rathaus bespielen müssen“, meint er – auch das würde für Frequenz sorgen.

Das Thema Frequenz treibt auch andere Händler um, die namentlich nicht genannt werden wollen. Es sei schon bezeichnend, dass große Ketten wie Jack Wolfskin oder Douglas die Oberstadt ebenso verlassen hätten, wie „Dunkin‘ Donuts“ – „in einer anderen Situation würde man wohl sagen, dass die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Stattdessen gibt es immer mehr Gastronomie – irgendwann ist die Oberstadt dann vergleichbar mit der Drosselgasse in Rüdesheim“, so ein Händler.

Werbekreis-Chef: Extremer Leerstand ist traurig

Er verdeutlicht, dass „Marburg nicht die Kaufkraft hat wie Wetzlar oder gar Gießen und schon gar nicht wie andere Städte – da ist man bei den hohen Mieten schnell am Existenzminimum.“ Bei etwa 3000 Euro Kaltmiete­ für rund 100 Quadratmeter habe man noch keine Nebenkosten bezahlt, die Mitarbeiter noch nicht entlohnt „und sich selbst noch kein Butterbrot gekauft – von der Altersvorsorge ganz zu schweigen. Dafür muss man schon viel verkaufen“, sagt der Mann.

Friedrich Bode, Vorsitzender des Werbekreises Oberstadt, würde sich auch mehr Frequenz in der Oberstadt wünschen, „aber Leerstand gab es schon immer. Dass es jetzt so extrem ist, ist natürlich traurig“, sagt er. „Ich hoffe, dass diese Entwicklung gestoppt wird und nicht alle Händler die Oberstadt verlassen“, so Bode. Er selbst bediene mit seinem Laden „Comics, Kitsch und Kunst“ eine Nische, dadurch gebe es wenig Konkurrenz. Doch sei dies in anderen Branchen schwieriger.

Vorstellbar sei es, mit Aktionen die Oberstadt zu beleben, „oder auch eine gemeinsame Facebook-Seite. Das wären kleine Schritte, die für eine Verbesserung sorgen könnten“. Schön wäre, wenn es dabei etwa Unterstützung durch das Stadtmarketing geben würde.

Ein weiterer Händler sagt, dass der Weggang der beiden Drogeriemärkte – Schlecker wegen Insolvenz und dm wegen Umzugs – „herbe Verluste“ für die Oberstadt gewesen seien, „denn auch das waren echte Frequenzbringer. Von Touristen alleine können wir nicht leben – die Marburger müssen auch bei uns einkaufen“.

von Björn Wisker
 und Andreas Schmidt

 Lokaler Online-Handel

Einige Händler äußerten den Wunsch, dass eine lokale Internet-Handelsplattform wünschenswert sei. Eine solche bietet mittlerweile etwa der Internet-Riese Ebay an – so könnten die heimischen Händler etwa auf der Domain www.ebay-city.de/marburg ihre Waren verkaufen. Das Problem: Die Domain muss für rund 5000 Euro gekauft werden, und für den Verkauf und die virtuellen Shops fallen Gebühren an.

Im Sommer hatte die OP bereits mit Jan-Bernd Röllmann, dem Geschäftsführer des Stadtmarketings, über das Thema gesprochen. Denn ihn treibt das Thema „lokale Verkaufsplattform im Internet“ schon seit lange um.

Röllmann überzeugt das Konzept der „Ebay-City Marburg“ nicht. Zwar könnten Händler dabei sehr einfach und niedrigschwellig einen eigenen ­Online-Shop erstellen. Aber neben dem Problem, dass nicht lokal gesucht werden könne, bliebe die Wertschöpfung auch nicht in der Region. „Das Entscheidende und Teuerste ist jedoch, dass die Plattform betreut werden muss – und das macht nicht Ebay“, sagt Röllmann. Dafür benötige man zumindest im ersten Jahr eine volle Stelle, sagte Röllmann im Juli.

Man wolle nicht „aufs erste Pferd steigen“, bisher gebe es noch keinen lokalen Online-Marktplatz, der wirklich funktioniere. Dennoch wolle das Stadtmarketing versuchen, einen regionalen Online-Marktplatz zu bauen. „Das heißt noch nicht, dass man dort online kaufen kann. Viele Unternehmen in Marburg sind noch nicht einmal zu finden, weil sie nicht online aufgestellt sind. Das wollen wir ändern“, kündigte Röllmann damals an, ­ohne ins Detail zu gehen.

 Gesucht wird ein
 Kunden-Magnet

Die Zahl der leeren Schaufenster und der Firmenwechsel in der Oberstadt nimmt zwar zu, von tristen Zuständen anderer Innenstädte ist die Fußgängerzone aber weit entfernt – noch. Die Oberstadt leidet sichtbar darunter, dass es dort keine angesagten, trendigen Bekleidungsketten der Kategorie Primark und TK Maxx oder andere Geschäfte mit einer breiten Magnetwirkung gibt, etwa Drogerien.

Es ist weithin sichtbar, dass gutgehende Läden über Mitnahmeeffekte auch die Einzelhandels-Nachbarschaft beleben. Sogar ein gefürchteter Möbelgigant wie Ikea sorgt bei der Wetzlarer Branchenkonkurrenz eher für Freude denn für Klage. Viele bestehende Oberstadt-Läden werden aufgrund ihrer Spezialisierungen, ihres Nischenfokus‘ von Kunden gezielt angesteuert, mancher Tourist nimmt hier und da 
eine Kleinigkeit mit.

Angesichts von Mietpreisen von 20, 25, 30 Euro pro Quadratmeter reicht das kaum einem Einzelhändler, irgendwann stellt ­jeder die unternehmerische Sinnfrage. Selbstverständlich liegt das Geschäft der Zukunft wie für alle anderen auch für die Marburger Gewerbetreibenden einzig im Internet. Die Kunden stimmen im 21. Jahrhundert mit dem Klickfinger, nicht mit den Füßen ab.

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