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„Die Innovationskraft ist enorm“

IHK-Präsident „Die Innovationskraft ist enorm“

„Unternehmer und Politik
 tragen gemeinsam
 Verantwortung für die
 Region. Die Gewerbe-
steuer ist ein wichtiger
 Standortfaktor für uns
 Unternehmer.“ Das sagt Jörg Ludwig Jordan, IHK-Präsident. Die OP hat ihn interviewt.

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IHK-Präsident Jörg Ludwig Jordan während eines Foto-Shootings in seinem Unternehmen, der W. & L. Jordan GmbH.

Quelle: Soremski

Diesen Mittwoch findet die Vollversammlung der IHK Kassel-Marburg statt. Im Vorfeld führte die OP ein Interview mit Präsident Jörg Ludwig Jordan zu drängenden Fragen der Wirtschaft.

OP: Rekordverdächtig niedrige Arbeitslosenquote, Wirtschaft weiter auf Expansionskurs: Wie kann die IHK dem drohenden Fachkräftemangel entgegenwirken?
Jörg Ludwig Jordan: Fehlende Fachkräfte sind für viele­ ­Unternehmen ein ernsthaftes Problem. Dieses Thema hat für mich als Präsident und auch als Unternehmer höchste Priorität. Diese Engpässe, die in bestimmten Wirtschaftszweigen und Berufsgruppen größer sind als in anderen, gilt es zu beheben. Als maßgeblicher Akteur in der dualen Berufsausbildung ist dies für uns als IHK Auftrag und Verantwortung zugleich. Wir werben ausdrücklich dafür, die Fachkräfte von morgen selbst in den Betrieben heranzuziehen. Das setzt voraus, dass die Berufsausbildung in der Öffentlichkeit als attraktiv wahrgenommen wird. Daran arbeiten wir verstärkt und fokussieren uns auf die Jugendlichen selbst, aber auch auf die Eltern, die in der Regel einen maßgeblichen Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder haben.

Natürlich unterstützen wir gleichermaßen die Betriebe bei der Ausbildung, auch für Asylbewerber. Das zählt zu unseren Kernaufgaben. Ich bin fest davon überzeugt, dass berufliche Ausbildung die Basis der Fachkräftesicherung ist. Daneben zielen unsere Aktivitäten in der MINT-Förderung, in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie zur Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt darauf ab, den Engpässen entgegenzuwirken.

OP: Wie sehen Konzepte aus, die Region für Fachkräfte interessant zu machen und Absolventen hier zu halten?
Jordan: Wir leben in einer hochattraktiven Region. Wir haben eine sehr gesunde Wirtschaftsstruktur und viele sogenannte Hidden Champions in unserem IHK-Bezirk. Die ­Innovationskraft zum Beispiel im Altkreis Marburg ist enorm hoch. Eine eigene Studie belegt, dass die angemeldeten Patente im Bezirk Marburg über dem Hessenschnitt liegen. Vielen Schulabgängern, Studenten, aber auch Auswärtigen ist diese Fülle an hervorragenden Arbeitgebern allerdings nicht oder nur unzureichend bekannt. Was wir brauchen, ist zum einen eine Willkommenskultur für Fachkräfte. Ihnen muss vor Augen geführt werden, wie lohnenswert es ist, hier zu arbeiten und auch zu leben.

Des Weiteren bedarf es einer­ Bleibestrategie, mit der wir und auch andere Akteure unseren jungen Menschen hier vor Ort anschaulich die Chancen der ­Region aufzeigen können. An diesen Themen arbeiten wir bereits mit Partnern wie der Philipps-Universität und dem Landkreis und der Stadt. Beispielsweise zeigen wir den Studenten in abgestimmten Aktionen wie den Veranstaltungen „Karriere in der Region“, dass die Region Marburg zu den besonders erfolgreichen Wirtschaftsstandorten mit vielen Weltmarktführern gehört und eine Karriere auch in der Region möglich ist.

Ein weiterer Baustein für die Fachkräftesicherung und -gewinnung in der Region ist die Errichtung einer Internationalen Schule in Marburg. Wir engagieren uns hier, weil ein solches Angebot unseren Standort attraktiver und internationale Fachkräfte sowie Forschungs- und Lehrkräfte in die Region zieht. Ebenso konsequent fördern und entwickeln wir interessante Weiterbildungen für alle Qualifikationsstufen, was im Zeitalter der Digitalisierung nahezu unerlässlich ist.

OP: Stichwort Verkehr: Für die A 49 gibt es ja nun einen relativ festen Zeitplan – auch wenn das ÖPP-Projekt nun doch durch die drohende Insolvenz des Betreibers A1 Mobil viele Fragen aufwirft. Wie schätzen Sie die Infrastruktur in der Region ein? Wo lauern Risiken und was muss noch getan werden?
Jordan: Wenn die A 49, A 44 und B 252 fertiggestellt sind und es durch diverse Ortsumgehungen und die Linienänderung bei der Bahn aufgrund der Neubautrasse­ Berlin-Erfurt-­München ­keine negativen Auswirkungen für die Region gibt, sind wir gut aufgestellt. Durch den schleppenden beziehungsweise stockenden Weiterbau sind in den letzten Jahrzehnten Entwicklungschancen für die Region ungenutzt auf der Strecke geblieben. Nach wie vor fehlt hingegen eine gute Ost-West-Achse zwischen den ­Enden der A 4 am Hattenbacher Dreieck und der aus NRW herangeführten Bundesstraße B 508n über Frankenberg nach Westen.

Unabhängig von den Straßen sehe ich ein großes Risiko darin, dass der eher ländliche Raum im Hinblick auf den Anschluss an schnelle Datenleitungen – man denke an Wirtschaft 4.0 – im Vergleich zu den Ballungsgebieten immer noch hinterherhinkt. In diesem Bereich muss schnellstmöglich nachgebessert werden, denn schnelles WLAN ist in unserer Zeit für Unternehmen ein genauso bedeutsamer Wettbewerbsfaktor wie eine gute Verkehrsinfrastruktur. Für das Gelingen der digitalen Transformation ist eine zukunftsfähige digitale Infrastruktur unabdingbare Voraussetzung.

OP: Digitalisierung ist ein Schwerpunktthema der IHK. Wie ist die Region aufgestellt, was muss noch getan werden?
Jordan: Jeder Unternehmer, der wettbewerbsfähig bleiben möchte, muss sich der Digitalisierung stellen, denn es gibt keinen Wirtschaftszweig, der von ihr nicht betroffen ist. Wir informieren und sensibilisieren unsere Mitglieder unermüdlich zu diesem Thema. Seit 2016 initiieren wir eine Vielzahl von Veranstaltungen zu ,Wirtschaft Digital‘, die stets gut besucht sind. Erfreulicherweise habe ich zunehmend den Eindruck, dass immer mehr Unternehmer sich der digitalen Herausforderung mit Erfolg stellen.

Kürzlich konnten wir einen Bundessieger aus unserem IHK-Bezirk bei der IHK-Initiative „We do digital“ beglückwünschen. Ein digitaler Vorreiter hier in Marburg ist ja zum Beispiel die Inosoft AG. Auf einem guten Weg, der aber trotzdem noch ein weiter ist, befindet sich der Ausbau des Glasfasernetzes in der Region. Um auch den künftigen Datenmengen gerecht werden zu können, ist eine Anbindung aller unserer Betriebe an dieses Hochleistungsnetz unbedingt notwendig.

OP: Was sind weitere Herausforderungen für die wirtschaftlich gut aufgestellte Region Marburg?
Jordan: Unternehmer und Politik tragen gemeinsam Verantwortung für die Region. Die Gewerbesteuer ist ein wichtiger Standortfaktor für uns Unternehmer. Seit 2012 haben die Kommunen im Altkreis Marburg die Gewerbesteuersätze um mehr als 16 Prozent erhöht. Das entspricht mehr als 20 Millionen Euro, die den Unternehmen jährlich für Investitionen fehlen. Wir würden uns freuen, wenn die Kommunen neben der Einnahmenseite auch die Ausgabenseite in ihre Überlegungen einbeziehen würden. Für die Marburger Händler ist der Parkraum ein wichtiges Thema. Sie haben nur langfristig eine Chance, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Marburg muss ein attraktiver Einkaufsstandort bleiben. In diesem Zusammenhang möchte ich die Initiative „Heimat shoppen“ ausdrücklich lobend erwähnen. Es ist richtig, dass wir uns hier maßgeblich beteiligen.

OP: Die IHK hat sich dafür stark gemacht, in Marburg eine Teststrecke zum autonomen Fahren einzurichten. Wie ist der Stand des Projekts?
Jordan: Ursprünglich war ein Testlauf zwischen den Lahnbergen und der Innenstadt geplant. Da allerdings in Deutschland die Restriktionen zum Einsatz des autonomen Fahrens im öffentlichen Raum sehr hoch sind – anders als zum Beispiel in Frankreich oder der Schweiz – soll dieser Testlauf nun auf einem Firmengelände stattfinden. Im Gespräch sind die ehemaligen Behringwerke.

Dort müssen täglich über 5000 Mitarbeiter zwischen den Parkplätzen und ihren Arbeitsplätzen bewegt werden. Sollte eine Finanzierung durch Wirtschaft und Stadtgesellschaft gelingen, so könnte im November ein autonom fahrender Elektro-Kleinbus dort eingesetzt werden. Solche Fahrzeuge, mit denen 
12 bis 15 Personen transportiert werden können, würden den Stadtverkehr in Marburg deutlich entlasten und den ÖPNV ergänzen.

OP: Jüngst entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die gesetzliche Mitgliedschaft in einer IHK sowie die solidarischen Beiträge rechtens sind. Sind die Kammerkritiker nun verstummt? Und: Was bedeutet das Urteil für die künftige Arbeit der IHK?
Jordan: Dass die Kammerkritiker sich komplett zurückziehen, ist meiner Meinung nach nicht zu erwarten. Aber damit können wir ganz gut umgehen, denn das Bundesverfassungsgericht ist erneut seiner Linie gefolgt und hat die IHK-Organisation in ihrer erfolgreichen ­Arbeit bestätigt. Das heißt nicht, dass wir uns mit einem „weiter so“ zufrieden geben.

Wir benötigen aktive Mitarbeit möglichst vieler engagierter Mitglieder, um uns weiterzuentwickeln und den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen, dazu zählt auch konstruktive Kritik. Das ist für uns von enormer Bedeutung, denn Pflichtmitgliedschaft und Beitragspflicht in Kombination gewährleisten, dass alle Mitgliedsunternehmen sich gleichermaßen beteiligen können und dass eine IHK unabhängig von den Interessen Einzelner ist, da niemand mit Austritt oder der Kürzung seiner Beiträge drohen kann.

Für uns konkret bedeutet dieser Beschluss Ansporn, noch motivierter für die Wirtschaft hier in der Region weiterzuwirken, den Dialog zu fördern und die Dienstleistung weiterzuentwickeln. Digitalisierung, die Fachkräftesicherung und die Energiewende sind nur einige Stichworte unserer strategischen Schwerpunkte, die der Wirtschaft sehr am Herzen 
liegen.

von Andreas Schmidt

Zur Person

Jörg Ludwig Jordan (Foto: Axel Sauerwein) ist seit Juni vergangenen Jahres Präsident der IHK Kassel-Marburg, wurde als Nachfolger von Professor Martin Viessmann gewählt. Der 56-Jährige war seit 2000 
Vizepräsident der Kammer sowie Präsidiumsmitglied. Bereits seit 1995 engagiert er sich ehrenamtlich in der IHK als Mitglied der Vollversammlung, des Handels- und Dienstleistungsausschusses (Vorsitzender seit 
2004) sowie seit 
2014 des 
 Regionalausschusses ­Region Kassel. Auch sein Vater, Horst-Dieter Jordan, hatte viele Jahre das Amt des IHK-Vizepräsidenten inne, von 1983 bis 1994.

Nach Abitur und Bundeswehr erlangte Jörg Ludwig Jordan 1985 den Titel Diplom-Betriebswirt an der Euro­pean Business School (EBS), Oestrich-Winkel, mit Auslandsstudium in England und Frankreich.

Nach einem halbjährigen Aufenthalt in den USA trat er am 1. Januar 1986 in das durch seinen Großvater Ludwig Jordan gegründete Familienunternehmen ein. Seit 1988 führt er dieses zunächst an der Seite seines Vaters Horst-Dieter Jordan (gestorben am 18. April 2014), später allein als Geschäftsführer.
Jörg Ludwig Jordan zeichnet maßgeblich für die stetige­ ­Expansion des 1919 gegründeten Familienunternehmens verant­wortlich. Heute führt er die Gruppe inklusive drei Auslandsgesellschaften und ihren etwa 1 200 Mitarbeitern zusammen mit einem weiteren Geschäftsführer und sechs Prokuristen.

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